Der kurze Text entspricht einem Vortrag, den der Autor 1985 in Lausanne gehalten hat. Wenn man an die zahlreichen Autoren denkt, die sich diesem Thema gewidmet haben – um einen einzigen zeitgenössischen zu nennen, z.b. Eugen Drewermann mit seinen „Strukturen des Bösen“ ( 1600 Seiten) – so ist man vor allen Dingen von der Kürze begeistert. Ricoeur entwirft eine Geschichte der Auseinandersetzung mit dem Bösen und beschreibt lediglich die Perspektivenwechsel in Philosophie und Theologie, die jeweils neue Paradigmen für den Menschen und seinen nicht ausrotbaren Hang zu ethischen Erwägungen schufen. Am Anfang stand die Bewältigung im Mythos mit einer unübersehbaren Vielfalt von Götter- und Monsterkämpfen, die mit dem Auftreten des Menschengeschlechtes nur einen scheinbaren und sehr instabilen Frieden schufen. Die Nachkommen der Fabelwesen sind untot und greifen nach uns. Die menschliche Aufgabe ist es weniger, das Gute zu ergründen als sich angemessen und richtig im Zusammenhang der gegebenen Traditionen und Rituale zu verhalten. Das mythische Zeitalter wurde von dem der Weisheit abgelöst. Es ist die jüdische Welt der Thora. Kein Unrecht, nichts Böses, kein Schicksal ist unverdient. Aber im Prinzip besteht ein Vertragsverhältnis zwischen dem Göttlichen und den Menschen. Der Mensch kann wie Hiob gegen vermeintliches Unrecht klagen. Aber gleichzeitig überhebt er sich damit und kann nur damit wieder seinen Frieden erlagen, in dem er die Allmacht Gottes anerkennt. In der hellenistischen Zeit werden diverse philosophisch-theologische Systeme gehandelt. Einer der eifrigsten und folgenreichsten Denker ist Augustinus. Er weist den dualistischen Manichäismus in die Schranken, wiewohl viele Elemente in das Christentum diffundieren und nach Bedarf reaktiviert werden. Aber grundsätzlich darf dem Bösen kein eigenständiges Leben, keine Wesenhaftigkeit, die den Menschen ergreifen kann, zugestanden werden. Der Mensch ist stets selber schuld, in dem er das Gute versäumt. Wenn für das Böse keine mythischen und keine schicksalhaft unergründlichen Ursachen mehr in Frage kommen und offensichtlich nicht alle Menschen sich als böse erweisen, so wird folgerichtig das Böse der Welt überindividualisiert. Die Erbsünde, das peccatum originale, wird erfunden. Wir alle sind darin gefangen und nur die göttliche Gnade kann uns erlösen. Mit dieser Weichenstellung bringt sich Augustinus auch gegen Pelagius und seine Anhänger in Stellung. Dem Zeitalter der Aufklärung genügte diese Deutung nicht. Der Rationalist Leibnitz dachte symphonisch und stellte sich ein monadisch organisiertes Weltganzes vor, das in der Gesamtbilanz klar schwarze Zahlen schrieb, ja unter Berücksichtigung des Möglichen sogar die Beste aller Welten war. Das brachte ihm natürlich Spott ein – Voltaires „Candide“. Hegel und der deutsche Idealismus brachten das Kunststück fertig, den Kampf zwischen Gutem und Bösem aus einer horizontalen Verklammerung und zumindest zeitweiligem Obsiegen einer Kraft auf eine stetig an Höhe gewinnende dynamische Zeitachse zu schicken. Dialektisch gedacht ist das Zu-sich-selbst-Kommen des Geistes gar nicht aufzuhalten. Es vollzieht sich ständig und ist schon weit gekommen. Das Widerständige, „Böse“ muss gesetzmäßig weichen und kann sich immerhin damit rechtfertigen und trösten, dass es das Trittbrett für das Kommende und Bessere ist. Die Vulgärform dieser dialektischen Geschichtsbetrachtung ist der dialektische Materialismus, dessen verwegener Anspruch der Bösartigkeit neue Maßstäbe gesetzt hat. Der Theologe Karl Barth entzieht sich dem Hegelschen Zukunftsoptimismus und hält fest, dass nur eine gebrochene Dialektik, die auf systematische Totalität verzichtet, sich auf den Weg des Denkens über das Böse begeben könne. Logische Widerspruchsfreiheit, die die Theodizee noch beansprucht, wird zu Gunsten einer Akzeptanz des Paradoxons, der unvermeidlichen Aporie, geopfert. Die Aufgabe ist es nicht, eine Lösung zu finden. Sondern produktiv zu antworten. Denkarbeit verlagert sich auf die Ebene des Handelns und Fühlens. „Ein drittes Stadium ( nach Trauerarbeit und Spiritualisierung der Klage ) ……ist die Entdeckung, dass die Gründe, an Gott zu glauben, nichts mit dem Bedürfnis zu tun haben, den Ursprung des Leidens zu erklären…….So glauben wir also an Gott trotz des Bösen…..“