Kann man heutzutage noch von der Liebe erzählen? Ja, natürlich, man muß es wagen, denn seit Anbeginn der Menschheit gibt es "nur eine einzige Liebesgeschichte ... die sich in Unendlichkeit wiederholt, ohne ihre schreckliche Einfachheit, ihr unvermeidliches Unglück zu verlieren".Der 1923 in Bogotá geborene Kolumbianer Alvaro Mutis, einer der großen Autoren Lateinamerikas, wird langsam auch in Deutschland bekannter. In seinem Roman "Die letzte Fahrt des Tramp Steamer" treffen zwei nomadisierende Männer aufeinander, die durch seltsame Zufälle miteinander verbunden sind. Der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller und Werbefachmann, begegnet auf seinen Dienstreisen in alle Welt viermal einem heruntergekommenen Tramp Steamer, dem kleinen Frachtschiff "Alción" (Eisvogel), das auf der Suche nach Gelegenheitsladungen von Hafen zu Hafen schippert. In Helsinki, Punta Arenas, Kingston und auf dem Orinoko sieht er den "Meerstreicher", dessen deutlich sichtbarer Verfall für ihn zum "Zeugnis unseres Schicksals auf Erden" wird.Jahre später ist er erneut auf dem Orinoko unterwegs und lernt Jon Uturri kennen und schätzen - den Kapitän des Tramp Steamer, ein französischer Baske. In langen Tropennächten erfährt er die Lebensgeschichte des 50jährigen Seemannes, die in der Liebesbeziehung zu der jungen Libanesin Warda kulminiert. Jon und Warda lieben sich mit dem Bewußtsein, daß ihre Liebe zukunftslos ist. Die emotionalen Höhepunkte werden gerade deshalb so intensiv empfunden, weil das Wissen um ein nahendes Ende latent mitschwingt. Als der Tramp Steamer bei Hochwasser auf dem Orinoko auseinanderbricht, ist auch ihre Gemeinsamkeit beendet. Der Erzähler aber weiß nun, daß er bei jeder Begegnung mit dem Frachtschiff unbewußt Zeuge einer Phase dieser ungewöhnlichen Liebe geworden ist.Alvaro Mutis hat die Gefahr, in eine Regenbogengeschichte abzugleiten, geschickt vermieden, indem er den Fluß der Erzählung immer wieder durch Reflexionen unterbricht. Nebenbei: Der Roman enthält auch eine eindeutige Absage an die europäische Lebenskultur und an uns "Nordländer", den "Modepuppen mit menschlichen Zügen". Das soll uns nicht an der Lektüre dieser gelungenen kleinen Geschichte von der Liebe mit all ihren Unwägbarkeiten hindern.