Man sollte vorsichtig sein mit Superlativen, aber "Eines Menschen Herz" ist eines der fesselndsten Bücher, die ich je gelesen habe. Dabei bin ich gar kein großer Freund von dicken Wälzern. Aber ähnlich wie in den besten Büchern von John Irving ergibt sich auch in diesem Buch aus dem Mix von Spannung und allmählicher Vertrautheit mit den Figuren ein Sog, ein epischer Bogen, der einen nach einer Weile nicht mehr loslässt und einen letztlich mit den simpelsten Wendungen und Szenen direkt ins Herz treffen kann, weil das Schicksal der Erzählung daran festgewachsen ist.Auch ich habe mich, wie wohl manche/r, am Anfang mit der Form schwer getan – das fiktive Tagebuch eines Schriftstellers, das klingt schon ziemlich plakativ. Und in manchen Momenten, in denen Boyd seinen Protagonisten mit großen Namen zusammentreffen lässt (Hemingway, Picasso, Herzog von Windsor, Pollock, etc.) ist das Buch auch nah dran, plakativ zu sein.Aber gerade in diesen Momenten zeigt sich auch Boyds Klasse, den meist wirken das Zusammentreffen und die Umstände ganz natürlich und klugerweise verlagert Boyd nie das Zentrum des Geschehens auf die populären Namen und Ereignisse, sie geben lediglich Gastspiele in dem Leben, das ansonsten hauptsächlich im Umfeld der Freund*innen & Beziehungen stattfindet. Es liegt ein Funken echter Eleganz in der Art, wie Boyd seine Erzählung immer wieder neu strukturiert, justiert und doch bei aller Weltgewandtheit, immer wieder auf das Wesentliche des einzelnen Lebens zurückkommt.Es gibt ein paar schwächere Episoden in dem Buch, aber keine dauert sehr lange. Mit seinem langen Atem gelingt es Boyd, einem wirklich Tür und Tor zur Seele seines Protagonisten zu öffnen, ein paar geschickte Unterbrechungen und Zwischenspiele, Takt- und Ortswechsel sorgen für die nötige Authentizität und auch für die nötige Dynamik. Am Ende war ich atemlos, bewegt, erschüttert und zu gleichen Teilen entsetzt und beglückt davon, wie ein Leben im Zeitraffer vorbeiziehen kann, wie es sich füllt und doch immer kleiner wird. Für diese Erfahrung in Buchform bin ich William Boyd sehr dankbar.
Das fiktive, fast lebenslange Tagebuch von Logan Gonzago Mountstuart: Es beginnt mit Internatsjahren in England in den 1920er Jahren, dann erste Erfolge als Schriftsteller in London und Paris, Abenteuer im zweiten Weltkrieg, später Kunsthändler und Schriftsteller in New York, einige Jahre in Afrika, schließlich London und Südfrankreich bis zum Tod 1991. 2010 wurde eine vierteilige TV-Serie daraus, vier verschiedene Schauspieler verkörpern die Hauptfigur in unterschiedlichen Lebensphasen.Fazit:Boyd kreiert einen intelligenten, reflektierten, mild sympathischen Ich-Erzähler, dessen Geschichte einen eigentümlichen Sog entwickelt, obwohl sie kaum einmal spannend und – wegen des unregelmäßig geführten Tagebuchs – ungleichmäßig ist. Ein paar Krimi-Episoden stechen seltsam heraus. Die Geschichte ist flüssig formuliert und gut konstruiert mit vielen Querverbindungen zwischen den Jahrzehnten, auch wenn der Personenreigen mitunter unübersichtlich wird. Die Konzentration auf Frauen, Alkohol und Künste unter Vernachlässigung von Politik oder Sozialem enttäuscht leicht.Mountstuart durchlebt ein Jahrhundert voller Politik und Kriege, doch Frauen, Malerei, Literatur und Alkohol stehen immer im Vordergrund, und kaum eine Beziehung gelingt ohne Ehebruch, Prostituierte tauchen mehrfach auf. In den 60ern lebt er in New York, doch John F. Kennedy wird erst bei seiner Ermordung erwähnt, seine Frau erscheint früher. Auch die Kubakrise taucht nur in einem Nebensatz auf. Im Krieg arbeitet Mountstuart für die Navy, beschattet jedoch vor allem den als König abgedankten Duke of Windsor auf den verschlafenen Bahamas. Chamberlain oder Churchill erscheinen nur ein- oder zweimal am Rand, ebenso wie später Margret Thatcher. Montstuart hat auch am Rand mit der deutschen Rote-Armee-Fraktion zu tun, doch Politik interessiert ihn wiederum nicht.Namedropping:Boyd müht sich um ein sehr realistisches Tagebuch, viele bekannte Figuren spielen Nebenrollen, so Ian Fleming, Ernest Hemingway, Virginia Woolfe, James Joyce, Pablo Picasso. Das Buch hat Fußnoten, Stichwortverzeichnis und eine Literaturliste. Doch Mountstuarts Tonfall ändert sich über die Jahrzehnte kaum, nur als Teenager klingt er besonders blasiert und gegen Ende besonders literarisch. Das private Tagebuch ohne erklärte Veröffentlichungsabsicht wirkt auch insgesamt etwas geschriftstellert; allerdings ist der Ich-Erzähler ja formbewusster Literat. Störender: Es wird nie erklärt, wer die Fußnoten und die sehr informierten Zwischenbemerkungen geschrieben hat – dieser Mangel schwächt die Fiktion.Boyd verwendet viele seiner Lieblingsthemen und Elemente seiner eigenen Vita, so das Leben auf mehreren Kontinenten, Internatsleben, akademisches Leben in Westafrika, Künstlerbiografien (sein Maler Nat Tate aus der fiktiven Biografie von 1988 taucht wieder auf), Hauskauf und Einleben in Südfrankreich sowie zwanglose Vulgaritäten. Ganz zu Anfang und ganz am Ende geht es um das männliche Vermehrungsorgan. Auf Seite 46f heißt es in zwei aufeinanderfolgenden Absätzen der jugendlichen Hauptfigur:We talked filth for a pleasant half hour... nothing nicer than being pleasantly tight on a Sunday morning at 10.30