Das war Gerhard Gundermann mit Sicherheit. Dieser Typ passte in keine Schublade. Das war weder der SED-Kadertreue Sozialist, noch der aufmüpfige Linke Weltverbesserer. Gundermann war Gundermann. Ein Unikum. So etwas gibt es heute nur noch selten. Einer, der redete, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Einer, der sich vor allen für Dinge einsetzte, von denen er überzeugt war. Ein phantastischer Liedermacher, ein sich Mühe gebender Familienmensch, ein staunender Lebensbewunderer. Ein Radikaler, der nie vergessen hat, was Toleranz ist.Auf 175 Seiten gibt es sechs sehr erhellende Gespräche zwischen Gerhard Gundermann und Hans-Dieter Schütte. Dazu zwei Geschichten von Volker Braun und Jurij Koch, sowie Gundermanns Grabrede von Heinrich Fink und Gundis selbst geschriebenen Lebenslauf. Wie lange ist das alles her und wie aktuell ist das immer noch. Gundermann wollte mit seiner Band eine Tankstelle für Verlierer sein. Ich denke, dass hat er geschafft. Auch heute kann man seine Texte und Worte noch immer als Pflaster für die Seele oder Anstöße zu neuem Denken nutzen. Gundermann würde einem diesen hohen Anspruch an seine eigenen Aussagen niemals durchgehen lassen. Aber okay, jetzt kann er nichts mehr dagegen sagen.Ich, als alter „Wessi“, denke immer öfter, dass „wir“ den Osten ordentlich über den Tisch gezogen haben. Vielleicht stimmt das, vielleicht auch nicht. In jedem Fall haben wir unsere Nasen oft so hoch getragen, dass wir Menschen aus dem Osten nicht gesehen haben, die auch unser Leben positiv hätten verändern können. Gerhard Gundermann war so ein Mensch. Typen, die ihr Herz auf der Zunge tragen, kannst du heute lange suchen. Gundermann war ganz genau so einer. Da darf man ihm, von mir aus, auch die Stasi-Schnüffelei anlasten. Ja, man muss das sogar. Aber kein Mensch beschränkt sich auf nur ein Ding. Bei Gundermann waren es eher Hunderte. In Hans-Dieter Schütts Buch kann man Gerhard Gundermann kennen lernen. Man darf ihn mögen, man muss aber gar nichts. Ich habe diesen seltsamen Querkopf jedenfalls in mein Herz geschlossen und bedauere zutiefst, ihn erst jetzt, lange nach seinem viel zu frühen Tod, kennen gelernt zu haben. Allerdings: Besser spät, als nie. Dann hätte ich wirklich was verpasst…