Kurz: Schillerndes Portrait einer faszinierenden Forscherin und Malerin, sehr unterhaltsam zu lesen, topp recherchiert (Amsterdam, Surinam um 1700)Inhalt:Die Romanbiografie zeichnet ein facettenreiches Portrait von Maria Sibylla Merian (1647-1717), einer Insektenforscherin und Malerin. Es hat mich beeindruckt, wie sie als clevere Strategin mit kühlem Kopf und doch so viel Herzblut dafür kämpft, auf Forschungsreise nach Südamerika zu gehen, um dort vor Ort die Insekten des tropischen Regenwalds zu erforschen und zu zeichnen. Die Ergebnisse ihrer Forschung veröffentlichte sie in Naturkundebüchern, die der Wissenschaft bis heute wichtige Erkenntnisse liefern. Ihre Insekten-Präparate dienten damals Forschungszwecken, ihre Zeichnungen für die Bücher haben damals wie heute künstlerischen Wert.In der Romanbiografie erzählt die Autorin den spannendsten Abschnitt in Merians Werdegang (Lebensalter: etwa zwischen 40 und 55 Jahren), nämlich ihre Vorbereitungen und die Durchführung der Forschungsreise nach Surinam sowie die Rückkehr nach Amsterdam und ihre erste Buchveröffentlichung.Wie dem Nachwort zu entnehmen ist, hat die Autorin eine akribische Recherche betrieben und viele Fakten aus dem Leben der echten Merian eingearbeitet. Dennoch ist Raum für Fiktives: Hinzu erfunden ist die Liebesgeschichte mit dem Freibeuter Jan de Jong, was die Romanhandlung um eine interessante Komponente bereichert. Zudem tut es dem Charakterportrait von Maria Merian gut, dass – neben ihrem beruflichen Ehrgeiz und ihrer Begeisterung für Wissenschaft und Kunst – auch ihre Seite als feminine und leidenschaftliche Frau gezeigt wird. Es gefällt mir, dass das romantische Liebesleben einer reiferen Frau gezeigt wird.Die Romanbiografie folgt zwei großen dramaturgischen Handlungsbögen: 1. die Reise, 2. die Liebesbeziehung zwischen Maria und Jan.Die Handlung ist aus Maria Merians Sicht erzählt (personale Erzählerin). Der Stil ist (passend zur wissenschaftlichen Weltsicht von Merian) geprägt durch klare Sprache und insgesamt eher nüchtern, dennoch angereichert mit satten Details. Wie bei historischen Romanen üblich, verwendet die Autorin eine moderne Sprache (wie wir sie heute verwenden) und ein paar eingestreute altmodische Begriffe und Redewendungen sorgen für einen historischen Touch.Schauplätze:Die Schauplätze Amsterdam und Surinam kommen sehr lebendig rüber. Die Autorin hat das Leben in dieser Zeit exzellent recherchiert, die Handlung ist gespickt mit authentischen historischen Details aus der damaligen Lebenswelt.Figuren:Der Freibeuter Jan den Jong ist faszinierend und weitgehend glaubwürdig (vielleicht etwas zu idealisiert, aber als romantischer Held gefiel er mir beim Lesen).Die beiden Töchter von Maria Merian bleiben als Nebenfiguren leider etwas zu blass. Mich hätte es gefreut, wenn die Beziehung zwischen Mutter-Töchtern mehr Ausgestaltung bekommen hätte. Auch hätte ich gerne mehr erfahren über Naturkundige Aderi (Einheimische aus Surinam), die Merian als Assistentin mit zurück nach Amsterdam genommen hat.Fazit: Sehr unterhaltsam und lehrreich. Klare Leseempfehlung.
BeschreibungNach einer gescheiterten Ehe zieht es die Künstlerin und Naturforscherin Maria Sibylla Merian Ende des 17. Jahrhunderts weg von Deutschland in die Niederlande. Als alleinerziehende Mutter zweier Töchter verdient sie sich mit Zeichenunterricht den Lebensunterhalt, gibt aber ihren Traum einer Forschungsreise ins entfernte Surinam nicht auf. Im Regenwald Südamerikas erhofft sie unbekannte Raupen und Schmetterlinge ausfindig zu machen, die sie der Welt in einem Buch und anhand Präparaten näherbringen will. Das Pflaster in Amsterdam ist allerdings nicht so weltoffen, wie Maria sich das wünschen würde und so ist es an ihr selbst den Weg zu ebnen und unerbittlich Kontakte zu knüpfen. Als ihr Traum in Erfüllung geht, hegt sie dennoch Zweifel, denn ihr Herz gehört Jan de Jong, der immer wieder in ihr Leben schneit…Meine MeinungDie deutsche Malerin und Naturforscherin Maria Sibylla Merian war noch vor Alexander von Humboldt Wegbereiterin für die Erforschung der Natur und machte sich im Bereich der Insektenforschung einen Namen. Bisher war mir über die mutige Frau, deren Porträt sogar die 500-DM-Note zierte, nichts näheres bekannt. Umso schöner, dass sich Ruth Kornberger in ihrem Debütroman »Frau Merian und die Wunder der Welt« mit dem Leben der beeindruckenden Frau, die ihrer Zeit weit voraus war und ihren Weg trotz aller Widerstände hartnäckig verfolgte, befasst.Ruth Kornbergers Roman beginnt mit Marias Zeit bei der religiösen Sekte der Labadisten in Wieuwerd, wo sie nach langen Ehejahren mit ihren Töchtern Johanna und Dorothea Unterschlupf findet, dort begegnet sie dem eindrucksvollen wie auch geheimnisumwobenen Jan de Jong, der die Künstlerin mit einem Porträtgemälde beauftragt und ihr freigeistiges Herz gewinnt. Nach ihrem Umzug nach Amsterdam begegnet sie ihm wieder, er übt auf sie ein mindestens ebenso große Faszination wie Raupen und Schmetterlinge aus und ist als vermeintlicher Freibeuter genauso flatterhaft.Ruth Kornberg verknüpft geschickt recherchiertes Material mit fiktiven Einfällen, die ihren Roman zu einem abenteuerlichen Lesestoff voller bezaubernder Tierchen machen. Auch wenn die Liebesgeschichte frei erfunden ist, passt sie sich so wunderbar in den Erzählrahmen ein, dass man fast möchte, dass es sich um eine wahre Begebenheit handelt. Besonders imponierend empfand ich die authentische und bildhafte Konstruktion des Settings von Amsterdam und Surinam Ende des 17. Jahrhunderts. Tatsächlich habe ich mich in diese Zeit hineinversetzt gefühlt und habe mich nur zu gern von den Wunderkammern reicher Kaufmannsleute und langweiligen Abendgesellschaften gefangen nehmen lassen. Ereignisse wie der Besuch des russischen Zaren und die Wichtigkeit des Zuckerhandels sowie die politisch abgesegneten Kaperbriefe für Freibeuter fließen mit in die Geschichte ein und machen die Kulisse noch lebendiger.Beeindruckend ist auch die Ausarbeitung der Hauptprotagonistin Maria Sibylla Merian gelungen, die sich zur damaligen Zeit als alleinerziehende Mutter zweier Töchter behauptet und ihrem freien Forschergeist nachgeht, egal wie viel Gegenwind sie von anderen bekommt, die nicht verstehen können, warum sie als Frau in der Erde wühlt, Insekten sammelt und stundenlang über ihr wissenschaftliches Interesse sprechen könnte.Eine abenteuerliche Note bekommt die Geschichte durch die beschwerliche Schiffsreise ins entfernte Surinam, wo Maria mit ihrer jüngeren Tochter Dorothea im Urwald nach exotischen Insekten und Pflanzen sucht, insbesondere natürlich nach Raupen und Schmetterlingen, aber auch außergewöhnliche Kröten, Spinnen und Säugetiere begegnen der Forscherin in den tropischen Gefilden. Schreckliche Beikost liefert die Sklavenhaltung der Plantagenbesitzer, die mit aller Härte gegen Ausreißer und rebellierende Arbeiter vorgehen.Die Lektüre von »Frau Merian und die Wunder der Welt« habe ich sehr genossen und begeistert alle Details aufgesogen, auch wenn der Leseflow durch die vielen akribisch beschriebenen Raupen und Schmetterlinge sowie das Handwerk des Präparierens manchmal etwas in die Länge gezogen wurde und sich manch einer davon bestimmt gelangweilt fühlt.FazitEin toll recherchierter Roman über die imponierende Forscherin und Malerin Maria Sibylla Merian, der in Kombination mit fiktiven Unterfütterungen zu bezaubern weiß. Mit »Frau Merian und die Wunder der Welt« ist Ruth Kornberger ein beachtliches Debüt gelungen, dass zum Wegträumen und Seele baumeln lassen einlädt.--------------------------------© Bellas Wonderworld; Rezension vom 15.06.2021