Dem Autor, Professor der Neueren Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Wolfram Siemann, ist ein großes Kompliment zu machen - für diesen "Ziegelstein" von Buch (983 S.), davon 100 Seiten alleine nur Quellenangaben, hat er unglaublich viel Detailarbeit geleistet und sich durch diverse Archive gefräst. Und so gelingt es Siemann, über 150 Jahre nach dem Tod dieses außerordentlichen Staatsmannes, endlich eine Biographie vorzulegen, die mit vielen zuvor absichtlich verbreiteten Unwahrheiten und Ungenauigkeiten über Metternich ein für alle Mal aufräumt. Siemann gelingt es dabei, sehr genau darzulegen, wie in der Vergangenheit durch absichtliches Weglassen vorhandenen Quellenmaterials ein Bild von Fürst Metternich als "dunklem Reaktionär" und "Dirigent der Zensur" erschaffen wurde, dass mit der Realität wenig zu tun hatte. Auch Metternichs Verbindungen zu Bankern der Familie Rothschild wurden immer wieder genutzt, um antisemitische Verschwörungstheorien zu verbreiten.Mit all dem räumt Siemann nun auf, und siehe da, erstaunt blickt man auf einen außerordentlich gebildeten und auch in der Privatwirtschaft erfolgreichen (!) Spitzendiplomaten und Staatsmann, der als überzeugter Europäer und Kosmopolit vor allem eines wollte, nämlich allgemein gültiges Recht. Nicht umsonst lautete sein persönlicher Wahlspruch "Kraft im Recht". Sein großes Trauma waren die Revolutions- und anschließend Napoleonischen Kriege, mit Millionen von Kriegstoten und beinahe 25 Jahren der kompletten Verheerung und Verwüstung vieler Teile Europas durch das "Monster" Napoleon.Diese Erfahrung prägte den jungen Fürst Metternich für immer, und das Ziel, Revolutionen und Kriege zu verhindern oder zumindest "einzuhegen", bestimmte zukünftig sein politisches Wirken. Den Unterschied zwischen Politik und Diplomatie erklärte er als denselben Unterschied wie jenen zwischen Wissenschaft und Kunst. Und so war Metternich ein großer Künstler, ein Spitzendiplomat, der schließlich durch seine diplomatische Kunst den beinahe allmächtigen Diktator Europas, Napoleon, niederzwang. Und er war ein großer Politiker, dem es gelang, das österreichische Kaiserreich heil durch alle Krisen zu bringen.Hätte man sich nach Ende des Ersten Weltkrieges an der Metternichschen Diplomatie im Umgang mit dem großen Kriegsverlierer Frankreich 1815 orientiert, und die Mittelmächte auch nur annähernd so fair behandelt, wären uns die allergrößten Katastrophen des 20. Jahrhunderts höchstwahrscheinlich erspart geblieben. Doch 1918 gab es niemand mit der Größe und Erfahrung eines Metternich, und wenn man sich das heutige politische Personal, insbesondere auch im EU-Bezug, ansieht, können einem im Vergleich nur noch die Tränen kommen.Der Autor versetzt einen einfühlsam zurück in eine längst vergangene Zeit, die aber andererseits bereits erstaunlich modern war, und in der erstaunliche kluge Menschen erstaunlich klug handelten. Und einer der Klügsten war ganz sicher Klemens Wenzel Lothar, Fürst von Metternich, der "Kutscher Europas" und der "Fels der Ordnung".Ich danke Wolfram Siemann für diese ganz außergewöhnliche Biographie, die den Leser auch fordert. Man muss sich schon Zeit nehmen, für mich war es die perfekte Lektüre während des Sommerurlaubes, auch wenn mir wegen des Gewichts manchmal die Arme schon weh taten....Aber Scherz beiseite, es ist wunderbar, dass diesem großen Europäer des 19. Jahrhunderts nun endlich die späte Anerkennung zukommt, die er sich durch sein politisches Lebenswerk erworben hat!Fürst Metternich kann und sollte sogar gerade für heutige Politiker, denen strategisches Denken offensichtlich teilweise vollkommen abhanden gekommen ist, ein neu zu entdeckendes, großes Vorbild sein. Ich verneige mich vor diesem großen Mann und möchte allen politik- und geschichtsinteressierten Lesern dieses wahre Meisterwerk hiermit ans Herz legen.
Die allgemeine Sicht auf Metternich ist klar. Er steht für die Restauration, die rückwärtsgewandt die Ideen der französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und dann eigentlich von Demokratie, Liberalismus und Nationalismus aufhalten wollte. Noch schlimmer, er war erfolgreich. Der von ihm geleitete Wiener Kongress hat für über 30 Jahre diejenigen Kräfte im Zaum gehalten, die letztlich doch in den Revolutionen 1848/49 die Basis für das legten, was gängigem Urteil zufolge als verspäteter Durchbruch des historisch Überfälligen anzusehen ist. Kaum je stand eine Person so sehr für ihre Epoche, wie die Verkörperung dieses Narrativs in der Person Metternich. Am klarsten kommt dies zum Ausdruck in dem Begriff von "System Metternich", was allgemein für obrigkeitliche Repression und Zensur steht, paradigmatisch festgemacht an den Karlsbader Beschlüssen.Siemann unternimmt es in seiner breitangelegten Biographie diese historische Gewissheit umzustürzen. Für den vorurteilsbelasteten Leser wirkt dies zuweilen hagiographisch. Irgendwie soll plötzlich alles anders gewesen sein? Metternich der Friedensapostel und durchaus moderne Staatslenker, den nur die vorgefundene Wirklichkeit zu unpopulären Maßnahmen zwang und dessen Bild vor allem durch seine späten Feinde in Wien begründet wurde? Es dauert, bis man beim Lesen von Siemanns Biographie anfängt, sich diesem Gedanken zu nähern, widerspricht er doch diametral der bisherigen Sicht auf Metternich. Fanden die Reformen nicht in Preussen statt? Waren Stein und Hardenberg nicht die historisch auf der richtigen Seite stehenden Protagonisten?Manches Detail in der Lebensbeschreibung Metternichs erscheint zu unbedeutend und macht die Lektüre zwischendurch langweilig. Allerdings ist einzuräumen, dass vielleicht nur so das von Siemann neu vermittelte Bild glaubwürdig erscheint.Rückwärtsblickend bleibt gleichwohl manches an der Kritik Metternichs richtig. Wenn Siemann Sympathien für die monarchische Ordnung des Habsburgerreiches anklingen lässt, so ist das in 21 Jahrhundert schwer nachvollziehbar. Auch der Hinweis auf die zum Kostüm verkommenen Monarchien der Gegenwart vermag daran nichts zu ändern. Einzuräumen ist aber, dass dies nicht die Sicht des Wiener Kongresses und der durch ihn gestalteten Wirklichkeit war und viel wichtiger, nach den Erfahrungen der napoleonischen Kriege auch gar nicht sein konnte.Siemann sieht im Epilog selbst, dass sein Bild Metternichs zu positiv geraten sein könnte. Sein Hinweis auf die Kritik seiner eigenen Ehefrau auf die wenig schmeichelhaften Frauengeschichten Metternichs findet im Werk selbst kaum angemessenen Ausdruck. Siemann scheint dies eher für eine lässliche Schwäche seine Protagonisten zu halten und letztlich ist es ein für die historische Beurteilung der Person ja auch durchaus belangloses Detail.Was bleibt ist eine allgemein wichtige Erkenntnis: die historische Beurteilung einer Person der Zeitgeschichte kann aus der Rückschau wahr sein und dennoch der Person selbst nicht gerecht werden.