Gunter Hofmanns Buch über Helmut Schmidt ist nicht nur eine hervorragende Biographie dieses Bundeskanzlers, sondern gleichzeitig eine wunderbare, präzise Geschichte Deutschlands der vergangenen 90 Jahre. Besondere Zeitumstände geben einem Politiker die Chance, in die Geschichte einzugehen. Diese Chance hatte Adenauer, der entscheidend die politische Richtung seit 1949 bestimmte, sie hatte Brandt, der durch seine Ostpolitik wesentlich zur Entspannung im Ostkonflikt beitrug, sie hatte auch Kohl, der entschlossen und klug handelte, als sich die Möglichkeit zur Wiedervereinigung bot. Solche historischen Wendepunkte gab es in Schmidts Amtszeit nicht. Er war ein brillanter Denker, ein nüchterner Pragmatiker, keiner, der Visionen hatte, sondern einer, der seine Aufgabe darin sah, den Staat sicher durch Krisen zu führen, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen, eine Politik zu treiben, die die Zukunft nicht belastete. Er gehörte der SPD an, aber in seiner Partei fand er relativ wenig Unterstützung. Ein Kern Wahrheit steckt schon in der Feststellung, er wäre der richtige Kanzler in der falschen Partei. Da er ideologisch nicht verbohrt war, stand er letztlich über den Parteien. Sein Leben war geprägt von der Erfahrung der NS-Zeit. Die Wehrlosigkeit der Bürger gegenüber einer Diktatur hat er bewusst erlebt, vom Ausmaß der Verbrechen der NS-Zeit erfuhr er wie die meisten Deutschen erst nach dem Krieg. Auch das ist ein Faktum, das später Geborenen kaum glauben können, aber so war es wirklich. Seine Gegner waren die 68er, die mit törichter Arroganz stolz auf ihre Sitzblockkaden gegen AKW’s verwiesen und sich den gewaltigen Unterschied zwischen dem Widerstand in einer demokratischen Gesellschaft und in einer Diktatur nicht vorstellen können. Erfreulich auch, dass der Autor am Ende des Buches endlich auch mal etwas Einblick gibt in das Privatleben Schmidts mit seiner hervorragenden Ehefrau und seiner Tochter.