Es gibt etwa 8000 lebende Sprachen, doch die Tendenz ist rückläufig. Wenn eine Sprache ausstirbt, stirbt in der Regel auch eine Kultur, ganz abgesehen von den sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen, die oft mit verlorengehen. Der „Atlas der verlorenen Sprachen“ wirft einen Blick auf diese kleiner werdende Welt und zeigt, welche enorme Vielfalt menschliche Kommunikation haben kann. Wer glaubt, Deutsch sei eine schwere Sprache, der wird sich wundern, wie unendlich komplex Grammatik oder Phonetik noch werden können. Im Buch tauchen Sprachen mit 14 Fällen oder 10 verschiedenen Artikeln auf, es gibt eine Sprache, die ein unabhängiges Duftvokabular besitzt (das keinen Bezug auf andere Dinge wie z. B. Blumen nimmt), dafür aber keine Zählworte, eine andere wird nur unter Frauen gesprochen. Sehr oft spiegeln sich gesellschaftliche Konventionen oder soziale Verhaltensweisen im Vokabular und der Grammatik. Das klingt auf den ersten Blick vielleicht sperrig, aber was Rita Mielke rund um die „verlorenen“ Sprachen und ihre Sprecher zusammengetragen hat, das ist spannend und überraschend wie ein guter Roman. Es geht um Entdecker und große Weltgeschichte, um tragische Einzelschicksale, aber eben auch um die Bemühungen, sterbende Sprachen vor dem Vergessen zu retten. In einigen Fällen werden Sprachen, die wie das Cornische eigentlich ausgestorben waren, anhand von uralten Wörterbüchern und Grammatiken wiederbelebt. Neuhebräisch ist auch so eine Wiederbelebung und gleichzeitig die einzige Neu-Sprache, die zur millionenfach gesprochenen Muttersprache avanciert ist.Ganz nebenbei erfährt der Leser auch noch interessante sprachwissenschaftliche Details, wie z. B. den Unterschied zwischen Pidgin- und Kreolsprachen oder die Schwierigkeiten, eine Sprache klanglich korrekt zu dokumentieren. So kommen manche voll ausgebildete Sprachen völlig ohne die Stimme aus und bedienen sich Gesten, Trommeln oder Pfeifen. Auch das sind Anpassungen an bestimmte Lebensumstände.Es wird aber auch klar, was Sprachen zur Ausrottung bringt: Kultureller Druck, wobei vor allem der Islam in seinem Einflussbereich lokale Sprachen rigoros ausgerottet hat, ein Prozess, der übrigens bis heute anhält. Erst vor wenigen Jahren hat der IS das letzte altaramäische Dorf in Syrien gezielt vernichtet, um die Muttersprache von Jesus endgültig zu beseitigen. Die meisten der im Buch vorgestellten Sprachen haben nur noch wenige hundert Sprecher oder sind tatsächlich bereits ausgestorben, einige sind trotz mehrerer hunderttausend Sprechern akut bedroht, weil sie z. B. keine Schriftlichkeit besitzen und damit nicht „internettauglich“ sind, oder nicht mehr als Muttersprache weitergegeben werden.Mit jeder verlorenen Sprache stirbt eine Kultur. Und jede Sprache besitzt irgendetwas, was sie einzigartig macht. Rita Mielke verbindet diese sprachwissenschaftlichen Besonderheiten elegant mit persönlichen Schicksalen und spannender Geschichte, sodass man am Ende zumindest den Eindruck hat, dass zumindest die hier vorgestellten Sprachen niemals ganz verloren sein werden. Nur lebendig werden sie nicht mehr sein.(Dieses Buch wurde mir vom Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt. Auf meine Rezension wurde kein Einfluss genommen, der Inhalt stellt meine persönliche Meinung dar.)