Das Buch sammele „Sprachverirrungen der Gegenwart“, so heißt es auf dem Klappentext. Dem könnte man zustimmen, wenn es sich wirklich um solche handelte, wenn sie denn als solche hinreichend begründet würden. Leider fehlt hier allzu häufig ein sprachhistorischer, semantischer oder kultureller Unterbau, so dass dieses Buch lediglich ein unstrukturiertes Sammelsurium persönlicher Abneigungen des Autors darstellt.Auffällig ist seine Abneigung gegen Wörter aus dem englischen Sprachraum. Herr Neuenkirchen begründet seine Ablehnung dieser Anglizismen an vielen Stellen damit, dass das Deutsche bereits treffende Wörter für den gleichen Inhalt habe. Gleichzeitig sind Wörter aus dem französischen allerdings völlig o.k. und erlaubt (Rendezvous z.B.). Hier wird eine seltsam anmutende Verbitterung und Unflexibilität deutlich, denn auch „Rendezvous“ war mal neu und ist nun normal im Deutschen; dies weist also einzig und allein auf den von Herrn Neuenkirchen selbst gefeierten Konservativismus hin. Deutsche Wortneuschöpfungen hingegen sind erlaubt und findet er mitunter „pfiffig“ (z.B. fremdschämen).Selbst in seiner Kritik der Anglizismen ist er unkonsequent, denn er benutzt ja selbst welche. So verwechselt er „meinen“ mit „bedeuten“, aus dem Englischen that means- das bedeutet - und eben nicht: das meint. Auch das ist Neudeutsch, Herr Neuenkirchen, kommt aus dem Englischen und war mal schlichtweg ein Übersetzungsfehler, der Ihnen wohl noch nicht aufgefallen ist, während Sie damit beschäftigt waren, mit erhobenem Zeigefinger Sprache in gut und böse einzuteilen.Herr Neuenkirchen, Adjektive sind auch nie unglücklich, wie Sie schreiben, und auch Kausalsätze mit der Konjunktion „weil“ haben ein Prädikat verdient: „Das Adjektiv bildungsfern ist unglücklich, weil mehrdeutig.“, schreiben Sie. Möchte ich mir vom Urheber dieser Satzkonstruktion erklären lassen, was gutes Deutsch ist? Ich glaube nicht. Da wird mir angst und bange (und eben nicht Angst und Bange, wie im Buch zu lesen ist)Auch das Plusquamperfekt sollte man richtig benutzen, wenn man sich über den Sprachgebrauch anderer erhebt, denn ein falscher Gebrauch ist nicht nur Geschmacksache, sondern grammatikalisch falsch (siehe Backlash S. 17).Viel Kritik kommt philisterhaft und kleinkariert herüber. Immer wieder bezieht Herr Neuenkirchen sich auf ursprüngliche Bedeutungen von Wörtern und kann den Wandel einer Bedeutungsverschiebung nicht mitgehen, denn diese scheint per se schon ablehnungswürdig zu sein. Die Wörter mit Bedeutungswandel, die ihm bereits aus der Kindheit vertraut sind, sind anscheinend für ihn in Ordnung (Füller für Füllfederhalter, Auto für Automobil,…usw, hier gibt es abertausende) Auch hier wird wieder lediglich Unbeweglichkeit deutlich, denn letztendlich kritisiert er nur, was für ihn persönlich neu und unvertraut ist, denn wie gesagt: Bedeutungsverschiebungen gab es, seit es Sprache gibt.Über die Form seines Genderns hat Herr Neuenkirchen sich offensichtlich keine Gedanken gemacht. Ebenso wie in seiner Recherche und seiner inhaltlichen Ausrichtung des Buches geht er hier ganz nach seinem Bauchgefühl ohne Struktur vor: Man liest „konservative Bedenkenträger und Verschwörungstheoretikerinnen“ (eindeutige geschlechterspezifische Zuschreibung), „Amateure und Amateurinnen“ (aha, es geht doch) sowie von „echten Autorinnen, Künstlern, Fotografinnen, Filmemachern“ (möchte der Autor durch das muntere Abwechseln nun alle Geschlechter für alle Berufe abdecken? Das ist missglückt!) „Anhänger des Nationalsozialismus“ mögen hingegen offenkundig für den Autor männlich konnotiert sein, ist allerdings auch eine geschlechterspezifische Rollenzuschreibung, die er wohl genau vermeiden wollte.Insgesamt eher langweilig, nicht lehrreich, wenig spritzig, oberlehrerhaft und verbittert, unwitzig und lange nicht so geistreich, gut recherchiert und interessant dargeboten wie sämtliche Werke von Bastian Sick.