Viele Menschen, die sich im Internet - insbesondere in den sozialem Medien - bewegen, nehmen es tagtäglich wahr: Hass und rechte Hetze bestimmen den Diskurs in den Kommentarspalten. Der Ton ist offensichtlich rauer geworden. Wahrheiten werden beliebig. Sogenannte Fakenews bestimmen Wahlkämpfe in den großen Demokratien dieser Welt. Es drängt sich die Frage auf: Was passiert hier eigentlich?Gleichzeitig findet – für viele wahrnehmbar – ein Wandel des gesellschaftlichen Klimas und der medialen Öffentlichkeit statt. Die Grenze des Sagbaren verschiebt sich zunehmend. Rechtsextreme Straftaten und Terrorakte nehmen zu. Gibt es einen Zusammenhang zwischen beiden Entwicklungen? Welche Rolle spielen interaktive Mechaniken, die durch Algorithmen und gezieltes Steuern von rechten Einpeitschern genutzt werden, um rechte Propaganda (die für viele gar nicht als solche wahrgenommen wird) zu verbreiten?Im Zentrum der Analyse steht den Autoren zufolge das Narrativ von Verschwörung, Verrat und Bedrohung bzw. Untergang der Nation, das mit Hilfe der sozialen Medien und anhand aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen (Wirtschaftskrise, Eurokrise, Zuwanderung von Geflüchteten, Covid19, etc.) konstruiert wird. Die Autoren gehen davon aus, dass es der Kern des Faschismus (in all seinen historischen und nationalen Ausprägungen) ist, diese Bedrohungen bzw. einen Ausnahmezustand zu konstruieren um ein „nationales Erwachen“ zu forcieren. Es soll eine Realität erschaffen werden, die die Notwendigkeit eines nationalen Erwachens für notwendig erscheinen lässt. Das Prinzip ist einfach: wenn ich mich selbst als Opfer fühle und in meiner Existenz bedroht bin, sind existenzbedrohende, entmenschlichende oder gar vernichtende Maßnahmen gegen die vermeintlichen Bedroher legitim.Die Autoren zeigen, dass die Mechanik der sozialen Medien für die Verbreitung dieses Narrativs wie gemacht ist. Das menschliche Verhalten in sozialen Medien begünstigt vermeintlich Exklusives, Geheimes, Dramatisches, Bizarres. Die Inhalte werden geteilt, der Algorithmus, der nicht nach Wahrheitsgehalt oder Inhalt selektiert, springt an, gesteuerte Schwarmaktivitäten verstärken das zusätzlich. Einmal in den Dunstkreis dieser Blase gekommen, baut sich so für viele Nutzer eine bedrohende Scheinrealität auf, die Wegbereiter des Faschismus ist. Da damit oftmals eine enorme Reichweite generiert wird, springen auch inzwischen klassische „Gatekeeper“-Medien auf diese Entwicklung auf und passen ihre Berichterstattung an, um möglichst selbst in die Reichweite der „Sharing-Kartelle" zu kommen und von der Reichweite zu partizipieren.Das Buch zeichnet dabei ein grundsätzliches Dilemma nach, in welchem die vermeintliche Freiheit der digitalen Welt wie ein Katalysator für ein Weltbild wirkt, dass genau diese Freiheit einzuschränken versucht um autoritäre und diskriminierende Strukturen zu errichten. Das Ergebnis: ein Erstarken rechter Kräfte in Deutschland und Europa.Das Buch ist entlarvend und schärft den Blick auf die Schattenseiten der Entwicklung des Internets und speziell der sozialen Medien ohne dabei eine dunkle Dystopie zu zeichnen. Durch seinen erfrischenden Schreibstil ist das Buch auch für Menschen zugänglich, die sich nicht alltäglich im wissenschaftlichen Raum bewegen. Die Autoren verstricken sich nicht unnötig in theoretischen Diskursen der Wissenschaft, sondern bleiben stets den Phänomenen des Alltags anhand konkreter Beispiele (z.B. AfD, Höcke, Pegida, Memes, 4Chan etc.) auf der Spur.Erfrischend losgelöst von dogmatischen Analysemustern wissenschaftlicher Denkrichtungen legen die Autoren ihre Gedanken dar. Ihnen gelingt dabei ein konsistenter Erklärungsansatz für ein Phänomen, das sich als eine der größten Herausforderungen einer freien Gesellschaft entpuppt. Dieser Herausforderung kann nur durch Aufklärung begegnet werden. „Digitaler Faschismus“ leistet dafür Großes und sollte daher gelesen werden; am besten von jedem Menschen, insbesondere auch von jenen, die bereits den Denkmustern der nationalen Bedrohung verfallen sind. Möge ihnen ein Licht aufgehen.
Die Diskussion ist überfällig und wird mittlerweile geführt, die Bedeutung des Themas vielen Menschen aber noch nicht bewusst. Seit der Sperrung des Twitter-Accounts von Donald Trump aufgrund der von dort ausgehenden ständigen und folgenreichen Hetze, wird der Ruf nach einem entschlosseneren Vorgehen gegen Hass und Hetze, Fake News und rechtsradikale Manipulationen der Diskurskultur auf den sozialen Medien immer größer. Denn dass die größte Gefahr für die liberale Demokratie von Rechtsaußen ausgeht und wie prägend rechtsextreme Narrative für die heutigen (Un-)Kulturen des Hasses sind, dafür haben die vergangenen Monate und Jahre genügend Beispiele geliefert. Stichwort Walter Lübcke, rechter Terror, rechtsextreme Shitstorms, AfD, PEGIDA, Querdenker usw. Die beiden Autoren, Maik Fielitz und Holger Marcks, zwei auf Radikalisierungs- und Extremismusforschung spezialisierte Wissenschaftler, denken hier zwei Phänomene zusammen: Die Dynamiken, Ideologien und Vorgehensweisen von Rechtsextremen und die Frage, wie digitale bzw. Soziale Medien unsere politische Kultur und Informationsgesellschaft verändern. Zusammengefasst beschäftigen sich die beiden Autoren damit, wie sich Rechtsextreme dieser neuen digitalen Möglichkeiten bedienen, um die Menschen zu desinformieren, zu manipulieren und politische Gegner*innen einzuschüchtern, um dadurch ihre ideologischen Narrative durchzusetzen. Das Buch ist nicht nur hochaktuell und das Thema wichtig, es ist auch eine vorbildliche wissenschaftliche Arbeit in Vorgehen, Beleggrundlage und Argumentationsführung. Fielitz/Marcks definieren zunächst einmal ihren Untersuchungsgegenstand:Zunächst differenzieren sie auf der Grundlage der Fachliteratur die Begriffe RECHTSEXTREMISMUS und FASCHISMUS, obwohl sie meist dieselben Muster aufweisen: Unter Rechtsextremismus versteht man Ungleichwertigkeitsvorstellungen, die auf der konsequenten Ablehnung aller Personen, die nicht in die Vorstellung einer „homogenen Nation“ passen, basieren, entweder aufgrund von Hautfarbe, vermeintlicher Herkunft, Glauben oder Sexualität - und die damit im Widerspruch zu demokratischen Prinzipien und den Menschenrechten stehen. Faschismus wiederum verstehen Fielitz/Marcks im Anschluss an Roger Griffin und Robert Paxton als politische und soziale Bewegungen, die sich durch eine „obsessive Beschäftigung“ mit dem Niedergang, der Viktimisierung oder der Demütigung der Nation definieren, und die diesem Niedergang durch einen Kult nationaler (völkischer) Reinheit, Einheit und Stärke begegnen wollen. (S. 38f.). Drei faschistische Kernelemente lassen sich identifizieren: 1.) Die Vorstellung eines "Palingenetischen Ultranationalismus", also der Wiedergeburt einer starken Nation nach ihrem Niedergang; 2.) Ein "radikaler Pragmatismus", also die Überzeugung, dass die wahrgenommene "Bedrohung des Volkes" und die Herbeiführung des nationalen Wiedererwachens jedes noch so radikale Mittel, also auch Gewalt, rechtfertige; 3.) Die Organisation dieses rücksichtslosen nationalen Abwehr- und Aufstiegskampfes durch eine autoritär geführte Massenpartei. Unschwer lassen sich diese Punkte mit der Geschichte des historischen Faschismus, insbesondere des Nationalsozialismus, in Bezug setzen, der seine Dynamik gerade aus der Idee zog, sich gegen völkischen Niedergang, nationale Demütigung und innere Feinde - Demokrat*innen, Linke, Liberale und angeblich "zersetzende" Volks- oder Glaubensgruppen - durch die Herstellung innerer "Reinheit" und rücksichtslosen Kampf mit allen Mitteln, angeführt durch die faschistische Partei "wehren" zu wollen, um nationale "Größe" herzustellen. Dieses Denken aber ist auch für heutige rechtsextreme Parteien und Akteure grundlegend; man denke an die Agitationen der AfD, die vorgibt, einen Kampf gegen einen durch das "System" und "Fremde" verursachten nationalen Niedergang zu führen. Und doch ist für die gegenwärtigen faschistischen Gefahren kennzeichnend, dass der dritte Faktor, der der straff organisierten und steuernden Partei, an Bedeutung verloren hat und sich das Rechtsaußen-Lager heute anders organisiert und entfaltet:Rechtsextreme Akteure bedienen sich stattdessen zunehmend dem für sie immer mehr entscheidend werdenden Instrument der DIGITALEN MEDIEN, zumal diese aufgrund ihrer Funktionsweise und ihrer Interaktionsdynamiken den Rechten und deren bevorzugten Inhalten sowie Agitationsformen extrem entgegenkommen: Das Internet als politischer Kommunikationsraum war ursprünglich mit der weitverbreiteten Hoffnung verbunden, demokratische Werte und Verständigung zu befördern. Mittlerweile hat sich aber herausgestellt - und das ist wesentlich - dass der digitale Raum in zunehmendem Maße autoritären, intoleranten und antidemokratischen Kräften hilft, Öffentlichkeit und Einfluss zu bekommen. Dies liegt maßgeblich an der Art und Weise, wie Soziale Medien und die dortige Kommunikation funktionieren und welche Tendenzen sie befördern: Wer besonders dramatisiert, verkürzt, zuspitzt und emotionalisiert, gewinnt, denn die Algorithmen der Social-Media-Plattformen belohnen genau diese Artikulationsformen mit Aufmerksamkeit und Reichweite, fordern geradezu zu einem dergestalt geprägten Diskurs hinaus. Sie lösen auch zunehmend die etablierten (Print-)Medien als Informationsbeschaffungsgrundlage für viele Menschen ab; die digitalen Kommunikationsspielräume, die Twitter und co. bieten, erlauben es vielen Menschen, aus unzähligen Informationsangeboten beliebig auszuwählen oder gar ihre eigenen zu verbreiten, „ihr eigener Redakteur“ zu sein. Im Gegensatz zu den etablierten Medien, in denen (zumindest meistens) obligatorische Fakten- und Relevanzprüfungen stattfinden, ist der digitale Informationsaustausch – trotz zunehmender Präsenz der „alten“ Medien auf den digitalen Kanälen – weitgehend unreguliert. Mit „Demokratie“ hat dieses Phänomen übrigens weniger zu tun als viele denken, denn beherrscht wird dieses Feld vornehmlich von einigen wenigen Tech-Giganten, die die Regeln des Austauschs bestimmen und gegen die gesetzlich-regulatorisch vorzugehen gar nicht so einfach ist. Kriterien für diese Unternehmen sind User-Zahlen und Aufmerksamkeit, nicht die Einhaltung demokratischer oder faktenorientierter Standards. Diese neuen Mittel erlauben es Rechtsextremen besser, Gegenöffentlichkeiten zu erzeugen sowie sich zu organisieren, zu vernetzen. Und weil jede*r die Möglichkeit hat, seine eigenen Informationen zu verbreiten, geht rechtsextremes Engagement heute viel leichter, kann sich aber auch besser tarnen, ist nicht mehr so auf Parteien angewiesen. Rechtsextreme Parteien haben dieses Potential erkannt: siehe Trumps Twitter-Account, die AfD-Dominanz bei Facebook oder die Nutzung der Sozialen Medien durch Bolsonaros Leute in Brasilien. Und so weiter.Maik Fielitz und Holger Marcks geht es aber in ihrem Buch konkret darum aufzuzeigen, WIE, auf welche Weise es rechtsextreme Akteure schaffen, ihre Feindbilder zu verbreiten und so viele Menschen davon zu überzeugen, dass sie richtig seien. Rechtsextreme bedienen sich dabei verschiedener Techniken, die sämtlich damit zu tun haben, Panik und Ängste zu schüren sowie die ihnen nicht genehmen Fakten aus dem Diskurs zu verdrängen: Dazu gehören 1.) Die Technik des "DRAMATISCHEN ERZÄHLENS": Durch das Ausschlachten und Aus-dem-Kontext-Reißen von Fällen von vermeintlicher oder tatsächlicher "Ausländergewalt", vermittelt durch emotionale und sprachlich enthemmte Propaganda auf allen Kanälen, sollen das Bild und das Narrativ eines drohenden „Volkstods“ durch „kulturfremde Eindringlinge“ sowie einer vermeintlichen ständigen „Gefahr“ konkrete Gesichter und Glaubwürdigkeit verliehen werden. Rechtsextreme machen sich dabei die erwähnten Aufmerksamkeitslogiken von Social Media ebenso zunutze wie bestimmte psychologische Wahrnehmungsmuster gerade älterer Menschen: Negative und dramatische Nachrichten dominieren und können viel stärker verbreitet und reproduziert werden als früher, prägen daher die Wahrnehmung vieler Menschen, die sich daher auch leichter von den dramatischen Erzählungen der Rechtsextremen beeinflussen lassen. Dabei schaffen es die Rechtsextremen durch ihre Propaganda, den Fakt zu verschleiern, dass Gewalt seit Jahren ab- und nicht zunimmt. Bei dieser Manipulation der Wahrheit hilft ihnen auch 2.) Die Technik des GASLIGHTING: Durch gezieltes Dauerfeuer mit manipulativer Propaganda soll die Glaubwürdigkeit der etablierten Medien wie auch der Politik bei möglichst vielen Menschen zerstört werden. Beständig betonen Rechtsextreme auf ihren Kanälen, "die Systemmedien" würden lügen, es wird eine Gegenöffentlichkeit aufgebaut. Ziel ist es, faktenbasierte Gegenmeinungen mit dem Verweis darauf zu diskreditieren, da diese von "Systemlingen" kämen, sei ihnen ohnehin nicht zu trauen. Ironischerweise gelingt ihnen dies gerade durch organisiertes Lügen, Fake News und unbelegte "Gerüchte". Und auch hier wirken Soziale Medien als Katalysatoren, weil sie die Möglichkeiten zur unkontrollierten und variationsreichen Produktion und Weiterverbreitung gefälschter Nachrichten oder ungeprüfter Gerüchte massiv beschleunigt haben, wie Studien zeigen, und ebenso machen sich Rechtsextreme auch hier psychologischer Phänomene zunutze, wie etwa die „Confirmation Bias“ – die Neigung, vor allem oder am Ende nur noch diejenigen Informationen für „wahr“ zu halten, die dem eigenen Weltbild entsprechen – und sich in entsprechenden „Echokammern“ oder „Filterblasen“ einzurichten. (S. 111, 114). Schließlich 3.) Die Technik der METRISCHEN MANIPULATION: Rechtsextremen gelingt es über die technischen Mittel der digitalen Medien in Verbindung mit den faktoren Zeit und Engagement, die Tatsache ihres gesellschaftlichen Minderheitenstatus zu kaschieren und zu bereits vorhandenen ebenso wie potentiellen Anhänger*innen zu suggerieren, man selbst vertrete die "wahre Meinung des Volkes": Zahllose rechte Aktivist*innen verbringen Stunden oder ganze Tage mit untereinander abgesprochenen oder durch Ermutigung anderer Accounts selbständig angestoßenen Aktivitäten auf Facebook, YouTube, Twitter und co., man reagiert schnell und wahl- oder teilweise in Rudeln oder mittels Mehrfachaccounts auf passende Themen, um eine digitale Deutungshoheit bzw. den Anschein davon herzustellen, twittert pausenlos mit bestimmten Hashtags, nutzt Memes oder effekthascherische Bilder, um Aufmerksamkeit zu generieren und durch die Algorithmen priorisiert zu werden.Wichtig ist: Die Digitalen Möglichkeiten der heutigen Informationsgesellschaft beschleunigen und verstärken bestimmte menschliche Verhaltensweisen; sie erzeugen sie nicht. Anwenden lässt sich dies auch auf die Diskussion um Telegram: weder ist es richtig oder zielführend, in Telegram eine Ursache für die rechte Radikalisierung zu sehen (nach dem Motto: verbieten wir einfach den Dienst!), noch wäre es weise, zu leugnen, dass Telegram zu denjenigen digitalen Mitteln gehört, die rechter Radikalisierung entscheidend Vorschub leisten. Der digitale Mob, der mittels Shitstorms, Fakes, Memes und extremer Sprache visuelle Überzahl suggeriert bzw. herstellt, Propaganda verbreitet und demokratische, vorzugsweise liberale oder linke Gegner*innen einschüchtert, entspricht, so weit gehen Fielitz/Marcks, heute weitgehend den ehemaligen faschistischen Kampfbünden – allerdings deutlich fluider, ohne straffe Organisation und entweder ganz ohne oder zumindest ohne sichtbare Hierarchien. (S. 172f., Zitat 175) Der digitale Faschismus ist also gerade deshalb so gefährlich, weil er breite Partizipation ermöglicht – jeder kann heute seine eigene faschistische Kampagnenfähigkeit aufbauen – über YouTube- oder Instagram-Kanäle, Twitter-Accounts oder Facebook-Seiten, in Kommentarspalten und/oder über Videobotschaften. Und wirklich gefährlich wird genau das auch nicht zuletzt aufgrund des Phänomens des sogenannten „STOCHASTISCHEN TERRORISMUS“: Natürlich gibt es auch weiterhin hierarchisch und zentral organisierten Terror, doch viele Terroranschläge der jüngeren Zeit haben gezeigt, dass es diese Strukturen gar nicht mehr braucht: In einer digitalen Welt, in der Dramatische Erzählungen und Verschwörungsideologien Gefahren herbeireden, verstehen das viele dafür empfängliche Menschen als Aufforderung zum "Widerstand". Das Resultat sind furchtbare Terroranschläge durch „einsame Wölfe“, die sich, oft über lange Jahre und quasi unbemerkt, im Netz radikalisiert haben. „Die Welle von Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte etwa ist ebenso wie die Gewaltwelle gegen Kommunalpolitiker in Deutschland durch die Opfermythen motiviert, die rechtsextreme Akteure vor allem digital verbreiten.“ (S. 192). Wir lasen in letzter Zeit bei den "Querdenkern" davon: Mordaufrufe über geschlossene Messenger, über Telegram, auf einem Dienst also, durch den sich für radikale Verschwörungserzählungen empfängliche Menschen zusammenfinden, gegenseitig bestätigen, hochschaukeln und radikalisieren. Auch im Zusammenhang mit dieser Bewegung sind die Techniken der Dramatischen Erzählung und vor allem des Gaslighting sowie nicht zuletzt die Bedeutung digitaler Medien alaramiernd deutlich.Fielitz/Marcks haben also in diesem Buch die maßgebliche Rolle der digitalen Medien für die Stärkung rechtsextremer und faschistischer Akteure in der heutigen Zeit herausgearbeitet. Doch was sind ihre Lösungsansätze dafür? Kurz gesagt: wirklich befriedigende haben auch sie nicht: "Demokratische Gegenrede", also aktiver Widerspruch von User*innen, sei wichtig, habe aber Grenzen, denn es leiste möglicherweise Polarisierung und Aufmerksamkeit für die rechtsextremen Akteure noch weiter Vorschub - davon leben diese. Und die überzeugten Anhänger*innen sind aufgrund des "Gaslightings" faktenbasierten Argumenten aus noch dazu dezidiert liberaldemokratischer Perspektive ohnehin nicht mehr zugänglich. Die Tech-Unternehmen selbst müssten mehr in die Verantwortung (dazu soll demnächst auch ein europäischer "Digital Services Act" in Kraft treten) für strafbare und verhetzende Inhalte sowie Fake News genommen werden, eventuell ihre Algorithmen überarbeiten und Mehrfachaccounts verhindern. Von sich aus werden die Unternehmen aufgrund ihrer finanziellen Interessen aber nur begrenzt etwas gegen die Ausbreitung der extremen Rechten tun. Und politische Eingriffe haben immer die Gefahr, ihrerseits demokratische Grundrechte wie die Meinungsfreiheit zu verletzen. Daher plädieren Fielitz/Marcks letztlich für eine radikale Neubestimmung des "Verhältnisses von Demokratie und sozialen Medien“, da die „Digitalisierung bewährte Abläufe demokratischer Verständigung und Willensbildung über den Haufen geworfen hat.“ (S. 226f.) Es sei nicht einzusehen, dass einzelne Tech-Giganten unreguliert und ungeprüft alles Mögliche veröffentlichen dürften, vielmehr müssten für sie die gleichen Standards gelten wie für die etablierten Medien und Verlagshäuser. Verpflichtete man sie nun zu einem Ende des „postredaktionellen“ Modells, also dem Angebot einer Plattform für alles Mögliche, und zu einer vorherigen Inhaltsprüfung, müssten sie, um dieser Aufgabe nachkommen zu können, die Veröffentlichung von Inhalten drastisch einschränken, um dieser Aufgabe überhaupt nachkommen zu können. Und müssten, ähnlich wie die großen Medienhäuser, eine sinnvolle Auswahl nach wichtigen Sachkriterien vornehmen. (S. 239f.) Das würde ein Ende der unbegrenzten Veröffentlichungsfreiheit für alle bedeuten, ja – aber wo steht eigentlich, dass Meinungsfreiheit gleichzusetzen ist mit unbegrenzter Veröffentlichungsfreiheit? Zugegeben: Meiner Meinung nach könnte dieser Preis sehr hoch sein, um dem digitalen Faschismus den Zahn zu ziehen. Auch die Überlegung der „Sozialisierung“ bestehender Plattformen (mit anderen Worten: ihre Enteignung und Vergesellschaftung) mutet ausgesprochen radikal und unrealistisch an. Momentan haben wir aber zweifellos ein Problem damit, dass viele, insbesondere jüngere Netzaktive, nicht den Preis sehen, den wir für die unbegrenzte Freiheit zahlen, die wir auf Social Media haben. Und dass wir uns dringend Gedanken darüber machen müssen, wie wir demokratische Standards auf den Plattformen besser zur Geltung bringen können. Das Buch von Fielitz/Marcks regt diesbezüglich zum Nachdenken an; überzeugende Lösungen für die von ihnen identifizierten Probleme haben sie nicht, habe ich aber auch nicht, hat aktuell niemand. Deprimierend. Das Buch indes gehört zu den wichtigsten, die ich in den letzte zwei Jahren gelesen habe. Fünf Sterne.