Beute, Ernte, Öl: Wie Energiequellen Gesellschaften formen
Archäologie EAN 9783421048042

Beute, Ernte, Öl: Wie Energiequellen Gesellschaften formen

Hersteller: Deutsche Verlags-Anstalt  ·  MPN: 1224911
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Produktbeschreibung

Was haben Ölplattformen mit unseren Wertvorstellungen zu tun? Die meisten Menschen heutzutage halten Demokratie und Gleichberechtigung der Geschlechter für eine gute Sache und sprechen sich gegen Gewalt und Ungleichheit aus. Aber bevor sich solche Auffassungen und die damit verbundenen Wertvorstellungen allmählich im 19. Jahrhundert herausbildeten, galten 10000 Jahre lang genau gegenteilige grundsätzliche Annahmen und andere Werte. Woran liegt das? An unseren Energiequellen, sagt Ian Morris in seinem neuen großen Wurf, diese formen unsere Gesellschaft wie nichts sonst. Was kommt auf die Mens

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Redaktion 04.07.2026 testmonster.de · Redaktion
Dieses Buch bietet eine faszinierende und tiefgründige Perspektive auf die Verbindung zwischen Ölplattformen und unseren Wertvorstellungen, was ich als äußerst bereichernd empfinde. Die Analyse ist sehr gut aufbereitet und regt zum Nachdenken an.
Redaktion 04.07.2026 testmonster.de · Redaktion
Interessant!
Dr. Malte Rubach 11.06.2023 amazon.de
Ian Morris ist ein britischer Althistoriker und Archäologe, der seit 1995 an der Stanford University lehrt und zahlreiche Fachpublikationen und populärwissenschaftliche Bücher verfasst hat.Fazit:Das Buch ist in eine Einführung und vier Kapitel unterteilt: „Jedes Zeitalter bekommt die Werte, die es braucht“ (S. 21ff), „Wildbeuter“ (S. 48ff), Bauern (S. 70ff), „Fossile Energie“ (S. 127ff) und „Die Evolution der Moral: Biologie, Kultur und die Werte der Zukunft“ (S. 180ff). Das interessante an dem Buch ist neben der Grundthese des Autors, dass die Form der Energiebereitstellung für das menschliche Leben auch über die Werte einer Gesellschaft entscheidet, dass im zweiten Buchteil (ab S. 218 bis 262) Kritikern Raum gegeben wird, die These des Autors zu hinterfragen und Gegenthesen aufzustellen. Diese sind nicht minderprominent als der Autor selbst, unter anderem auch die Moralphilosophie Christine M. Korsgaard, die auch stark im Feld der Tierethik verhaftet ist. Ansonsten ist Richard Seaford (Professor für Klassische Philologie und Alte Geschichte), Jonathan D. Spence (Sinologe und Professor für Geschichte) und Margaret Atwood (kanadische Schriftstellerin und Dichterin) von der Partie. Im Anschluss entgegnet der Autor wieder die Kritik (S. 262ff). So hat man als Leser das Gefühl an einem echten Diskurs hochkarätiger Intellektueller teilzunehmen und bekommt einen Eindruck, wie groß die Tendenz ist, einem Autor zu schnell Zustimmung zu schenken, wenn sein Werk in sich schlüssig präsentiert wird, weil es keine Gegenrede gibt. Zusammenfassend schafft es der Autor aus meiner Sicht, der Kritik konstruktiv zu begegnen und seine These aufrechtzuerhalten.Diese Stellen sind mir besonders aufgefallen.S. 15: Korsgaard erkennt an, dass die Wertzuschreibung von gesellschaftlichen Kräften verzerrt werden kann, z.B. durch Ideologien, aber auch durch äußere Kräfte wie Mangel oder Unsicherheit und „Wenn Formen menschlichen Wissens – Wissenschaft und Geschichte – Fortschritte machen können, warum dann nicht auch die Ethik?S. 17: Es gibt keine „positiven Werte“ oder „wahre moralische Werte“, wie Korsgaard unterscheidet, sondern nur die Werte, die Menschen zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten zur Verfügung stehen.S. 25: These: Menschliche Werte werden durch die Form der Energiegewinnung (Wildbeuter, Bauern, Nutzer fossiler Brennstoffe (S. 30)) vorgegeben. Wenn das so ist, dann wäre die „philosophische Suche nach universellen menschlichen Werten Zeitvergeudung und die Werte, die wir (wer immer das sein mag) heute vertreten, könnten in naher Zukunft keine Gültigkeit mehr haben.S. 39: „Wenn uns die biologische Evolution etwas mitgegeben hat, dann den gesunden Menschenverstand, und der rät uns dazu, uns mit den Umständen zu arrangieren“.S. 43f: „Je weniger entwickelt eine Volkswirtschaft, umso traditioneller die Werte der Bevölkerung“ – siehe auch World Value Survey.S. 57: Die Lebenserwartung von Wildbeutern liegt in der Regel zwischen 25 und 35 Jahren. Manche werden über 70 Jahre alt, doch üblicherweise stirbt die Hälfte der Kinder vor dem 15. Lebensjahr und die Erwachsenen vor dem 50. Lebensjahr. Sie halten ihre Gruppen nicht durch kluge Bevölkerungsplanung klein, um die vorhandenen Ressourcen effizient zu nutzen, sondern durch Zyklen von raschem Bevölkerungswachstum und Hungertod – das dürfte den romantischen Blick auf die Jäger und Sammler-Lebensweise einiger Öko-Fantasten etwas trüben.S. 70: Domestizierter Weizen ist die wichtigste Quelle pflanzlicher Proteine und Proteine generell weltweit und ebenfalls Kalorien.S. 75: Wildbeuter benötigten von 70.000 bis 15.000 v. Chr., um von Afrika aus jede erreichbare und lebensfreundliche Nische auf dem Planeten zu besiedeln. Die Bevölkerung wuchs dabei von 50.000 auf 3 Mio. Menschen. Die Landwirtschaftsgesellschaft benötigte von 9.500 v. Chr. Bis 1.500 n. Chr., um jede erreichbare und geeignete Nische des Planeten zu erfassen. Die Bevölkerung stieg von 5 Mio. auf 450 Mio. Menschen. Der Anteil der Wildbeuter sank von 99% auf 1% im Jahr 1.800 n. Chr. – Die zuverlässige Nahrungsversorgung setzt sich durch, heute noch.S. 77: Es mussten die Tiere und Pflanzen kultiviert werden, die vor Ort vorkamen: Im Norden des fruchtbaren Halbmonds Weizen, Gerste, Bohnen, Schafe, Ziegen und Rinder. In Ostasien Hirse, Reis, Schweine und Wasserbüffel. In Mittelamerika Mais, Bohnen, Kürbispflanzen. In den Anden Kürbispflanzen, Erdnüsse, Kartoffeln, Lamas und Alpakas. In Neuguinea Bananen und Taro. Jede dieser domestizierten Arten lieferte andere Nährstoffe und erforderte eigene Formen des Anbaus bzw. der Haltung. Mit den Migrationswellen und Handelswegen gelangten Pflanzen aus dem fruchtbaren Halbmond nach Frankreich und Afghanistan und von China nach Japan, Borneo und Ozeanien.S. 79: Die Energieproduktion (nötige Energie zur Versorgung eines Menschen mit Kleidung, Nahrung etc.) stieg zwischen 14.000 v. Chr. Und 1 v. Chr. Von weniger als 5.000 kcal pro Tag auf über 30.000 kcal. Zu Beginn war etwa die Hälfte durch Nahrung bedingt, am Ende waren 6.000-8.000 kcal durch Nahrung bedingt. Allerdings nicht, weil mehr Nahrung zur Verfügung stand, sondern die Verarbeitung aufwendiger wurde.S. 81: In Wildbeutergesellschaften warf ein Quadratkilometer nicht mal genug Nahrung für einen Menschen ab. Manchmal waren sogar 20 Quadratkilometer notwendig. Laut Thünen-Institut sind heut 0,0046 Quadratkilometer pro deutschem Bürger notwendig.S. 87: Vor der Erfindung der Landwirtschaft verdoppelte sich die Bevölkerung durchschnittlich alle 10.000 Jahre, danach verkürzte sich die Zeit auf 2.000 Jahre.S. 92: Weil die Grenzerträge in der Landwirtschaft zu gering und damit teilweise zur eigenen Ernährung oder zum Handel unattraktiv waren und es damit nötig war mehr fremde Arbeitskraft einzusetzen, entwickelte sich das System der Knechtschaft und Sklaverei.S. 97: „Sobald die nötige Energieproduktion 10.000 kcal pro und Tag und die Anzahl der Stadtbewohner 10.000 überstieg, übernahmen einige wenige Menschen die Führung. So geschehen um 3.500 v.Chr. in Mesopotamien, um 2.500 v. Chr. im Industal, um 1.900 v. Chr. in Nordchina und um 100 v. Chr. in Mittelamerika und den Anden“ – eine interessante Metrik über die soziale Gefügebildung des Menschen.S. 111: Die „Achsenzeit“ (500 v. Chr.) ist unter Historikern ein Begriff für den Zeitpunkt, wo laut einer Hypothese des Philosophen Karl Jaspers einschneidende kultur- und religiöshistorische Wendepunkte weltweit auftraten. So sollen die Konfuzianer und Taoisten in China, die Buddhisten und Jainisten in Indien, Zoroastrier im Iran, die Juden in Israel und die vorsokratischen Philosophen in Griechenland die entscheidenden Fragen zur menschlichen Existenz aufgeworfen haben, die für die folgenden Jahrtausende als Grundlagen von Christentum und Islam umformuliert wurden.S. 116: „Ohne fossile Energie gibt es nur eine Möglichkeit, die Energieproduktion über 10.000 kcal pro und Tag zu steigern, und das ist der Schritt nach Agraria, wo wirtschaftliche und politische Ungleichheit strukturell erforderlich sind. Und an diese Erfordernisse passen die Menschen ihre Werte an. Wertesysteme entsprechen den Anforderungen der Energieproduktion , und an eine der wichtigsten Voraussetzungen, um als Gesellschaft zwischen 10.000 und 30.000 kcal pro Kopf und Tag zu produzieren, ist das Einverständnis mit politischer und wirtschaftlicher Ungleichheit“ – nicht-fossile Energie könnte demnach das Ungleichheitsproblem auflösen helfen.S. 132: Auf die bewohnbare Fläche bezogen leben heute 100 Menschen pro Quadratkilometer auf der Erde. Bäuerliche Gesellschaften kamen auf 30, allenfalls Stadtstaaten wie Athen kamen auf 100. In der fossilen Welt kommen viele Länder auch auf 200. In Bangladesch sind es 1.000 und Stadtstaaten wie Hongkong oder Singapur kommen auf 6.000.S. 133: Im Jahr 2000 waren die Menschen im Durchschnitt 10 cm größer, lebten 30 Jahre länger und verdienten real 60-mal so viel wie ihre Vorfahren im Jahr 1900.S. 135: „Eine weitere Ironie ist, dass genau zu der Zeit, als Charles Dickens, Karl Marx und Friedrich Engels ihre Bücher schrieben, die Löhne stärker stiegen als je zuvor in der Geschichte“ – Leider hinkt der Zeitgeist der Realität meistens hinterher.S. 137: Hier steht, dass der amerikanische Bürgerkrieg von 1862 bis 1865 dauerte, er begann jedoch im April 1861 mit dem Angriff der Südstaaten auf Fort Sumter.S. 139: „Die fossile Energie sorgte jedoch dafür, dass Frauen größer, gesünder und besser genährt waren und größere, gesündere und besser genährte Kinder mit deutlich größeren Überlebenschancen bekamen.S. 166: Der Brutto-Gini-Koeffizient (Maß für Ungleichheit vs. Gleichheit, 1 vs. 0) lag in China zum Zeitpunkt von Maos Tod bei 0,31, stieg bis 2003 auf 0,51 und ging bis 2009 auf 0,47 zurück. Heute liegt er laut Weltbank bei 0,38. In Deutschland liegt er bei 0,31 und war 1990 bei 0,29.S. 182: Der „Red Queen Effect“: Man läuft, so schnell man kann, aber bewegt sich nicht vom Fleck, da die Umwelt „mitläuft“ und somit insgesamt alles beim Alten bleibt.S. 184: Jared Diamond und Yuval Harari bezeichnen die Landwirtschaft als den „größten Fehler“ bzw. „größten Betrug“ der Menschheit. Der Autor sieht derartige Statements nicht als besonders sinnvoll an, vielmehr sollte man frage „War die Landwirtschaft im Pleistozän unmöglich und im Holozän unumgänglich?“. Denn einer der wichtigsten Voraussetzungen war die Erderwärmung, die immer mehr Regionen mit produktiven Vegetationsperioden als Lebensräume ermöglichte.S. 189: Auf dem Planeten existieren ca. 200.000 Pflanzenarten von denen 2.000 für den Menschen genießbar wären und nur rund 200 das Potential zur Domestizierung haben. Von den 56 domestizierten Arten, deren Samenkorngewicht mehr als 10 mg aufweist, haben 50 Arten ihre Vorfahren in den „glücklichen Breiten“ (Chin bis Mittelmeerraum und Peru bis Mexiko). Von den 14 Säugetieren mit mehr als 50 kg Körpergewicht, die vor dem 20 Jhd. domestiziert wurden, stammten 9 ursprünglich aus den „glücklichen“ Breiten.S. 196: „Was an den Agrarias besonders auffällt, ist die Tatsache, dass in fast allen Regionen, in denen Funde gemacht wurden, der gesellschaftliche Kitt die Religion war“ – das ist heute noch so.S. 213: „An den großen Zusammenbrüchen der Vergangenheit waren immer dieselben 5 Faktoren beteiligt: unkontrollierbare Migration, Staatsversagen, Nahrungsmittelknappheit, Epidemien und – immer dabei, wen auch in unvorhersehbarer Weise – Klimawandel“ – auch daran hat sich nichts geändert. Auch daran nicht, dass es nach einer Erholungszeit wieder zu neuen Entwicklungen von Kulturen, Gesellschaften und Wirtschaft kam. Angepasst an die neuen Umstände.S. 223: Diskussion von R. Seaford: „Formen der Energieproduktion sind nicht notwendig wesentlicher bei der Festlegung menschlicher Werte als die Abermillionen Jahre, in denen wir, wie Ian einräumt, auf biologischem Weg ein Wertesystem entwickelt haben, das heute allgemeingültig ist und zum Teil sogar von Tieren geteilt wird“ – das ist aus meiner Sicht eher unverständlich, da ein Werteverständnis zuerst ein Auseinandersetzen mit der Umwelt über den reinen alltäglichen „Überlebenskampf“ hinaus erfordert und somit erst entstehen kann, wenn ausreichend Energie (Wie auch immer, aber die besagten 10.000 bis 30.000 kcal pro Tag) zur Verfügung stehen, um sich dieser Auseinandersetzung widmen zu können.S. 226: Diskussion von R. Seaford: Der Autor argumentiert nach dem Prinzip, dass eine Gesellschaft die Werte entwickelt, die angesichts der Umstände „funktionieren“, weil sie das Überleben der Menschheit sichern. Die Kritik lautet, dass dies eine kapitalistische Dynamik sei, die der Autor aber nicht beim Namen nennt, nämlich Kapitalismus. Seaford meint, dass „funktionieren“ in diesem Sinne allein nicht ausreicht, sondern Werte auch von Emotionen getragen werden müssten. Denn ansonsten fällt es den Menschen schwer, Werte zu finden, auf denen Entscheidungen getroffen werden, die z.B. Maßnahmen gegen Klimawandel tragen, obwohl dies langfristig das Überleben sichern helfen würde. – aus meiner Sicht ist es irrelevant, ob der Autor das Wort „Kapitalismus“ verwendet oder nicht. In seinem Text beschreibt er im Wesentlichen was in der Vergangenheit passiert ist und spekuliert, warum dies passiert sein könnte und wie unsere Wertvorstellungen im Zusammenhang mit diesen Entwicklungen geprägt wurden und umgekehrt beeinflusst haben. Das Jenseits jeglicher Ideologie.S. 233: Diskussion von C. Korsgaard: Hier wird zwischen wahren oder idealen Werten unterschieden, nach denen wir leben sollten. Oder auch moralische Werte. Sie nennt sie „positive Werte“. Regeln, nach denen wir leben sollten, werden nach Rechtsdefinition als „positive Rechte“ bezeichnet. Freiere Definitionen sprechen von „Naturrecht“. Die positiven Werte sind daher universal, egal ob Wildbeuter, Bauer oder fossile Gesellschaft, nur das Fundament wird mit der Zeit immer massiver.S. 235: Diskussion von C. Korsgaard: Tiere können unmoralisch handeln, weil sie im Sinne zu einer „Wertzuschreibung“ nicht in der Lage sind. Entgegen dem Autor können Menschen und Tiere daher nicht die gleichen moralischen Werte teilen. Da der Mensch aber zu bewertenden Analysen fähig ist, sollte er (moralische) Werte aus den grundsätzlichen biologischen Wertformen entwickeln können.S. 236f: Diskussion von C. Korsgaard: Laut Korsgaard ist es hilfreich für die Theorien des Autors, wenn die Menschen zumindest glauben, dass es wahre moralische Werte gibt. – Das ergibt aus meiner Sicht keinen Sinn, da der Autor durch seine Argumentation der Wert-Determinante Energiequelle dies auch nicht ausschließt. Letztlich handeln Menschen so oder so nach den Werten, an die sie „glauben“, ob diese nun „moralisch“, „positiv“ oder sonst wie genannt werden. In der Regel wird dies durch irgendeine Art von Ideologie erreicht und manifestiert.S. 237f: Diskussion von C. Korsgaard: „Woher nehmen Sie die Vorstellungen, mit denen Sie Ihre Überzeugungen bezüglich moralischer Werte formen – die Vorstellungen von richtig und falsch und die Vorstellung von Verpflichtung?“ – woher nimmt Korsgaard ihre Vorstellung? Aus der Moralphilosophie, vor allem E. Kant. Dass diese letztendlich ein weitgehend theoretisches Konstrukt ist, das in der Realität oftmals scheitert, liegt auf der Hand. Daher ist die Kritik höchstens auf akademischer Ebene interessant.S. 238: Diskussion von C. Korsgaard: Hier schildert Korsgaard, dass Vertreter des Espressivismus als eine Denkrichtung der Moralphilosophie darauf hinweisen, dass eine positive moralische Bewertung von etwas nicht nur bedeutet, es zu wünschen, sondern auch tendenziell schlecht von anderen zu denken, die es nicht wünschen, und auch von uns, sollten wir es nicht mehr wünschen. Sie nennt als Beispiel, dass man Schokoeis haben wollen kann, ohne schlecht von anderen zu denken, die es nicht wollen. Und man könne sogar heftiges Verlangen danach verspüren und sich wünschen, dass es verschwindet. Man könne aber nicht Ehrlichkeit als positiven moralischen Wert anerkennen, ohne zu denken, dass man ein schlechter Mensch wäre, wenn man plötzlich skrupellos lügt, und ohne zu hoffen, dass man weiter Ehrlichkeit als moralischen Wert anerkennt und tatsächlich die Wahrheit sagt. – Da Korsgaard auch eine moralphilosophische Abhandlung über Pflichten gegenüber Tieren („Tiere wie wir“) geschrieben hat, zeigt sich das Real-Ideal-Konfliktpotential an der Stelle (S. 300) dieser Abhandlung, wo sie zugibt, dass sie Katzen als Haustiere hält, obwohl Haustiere moralphilosophisch nicht zulässig wären. Jede Art von Moralphilosophie ist daher wohl eher ein Abwägen von Anspruch und Wirklichkeit und beides beeinflusst die Art der moralischen Werte. Wie der Autor es auch darstellt.S. 239: Diskussion von C. Korsgaard: Korsgaard „glaubt“ nicht, dass Tiere in der Lage zu einem normativen bewertenden Selbstverständnis sind, aufgrund fehlender Selbstreflexion. Somit können sie eigenen inneren Zustände und Haltungen nicht bewerten. – auch in diesem Sinne müsste man den Ausführungen des Autors zugestehen, dass der Mensch sich bidirektional unter dem Einfluss der jeweiligen Umwelt inkl. Energiequelle entwickelt.S. 245: Diskussion von C. Korsgaard: Laut Korsgaard ist die Theorie des Autors nicht überzeugend, dass Geschlechterhierarchien aufgrund der Arbeitsteilung entstanden sind. Selbst wenn es stimmen würde, wäre es keine Erklärung für männliche Vorherrschaft, denn genauso gut könnte es sein, dass Frauen vom heimischen Herd über die Männer herrschen. Sie räumt ein, dass dies dann bei allen Kulturen sein müsste. – ist es aber nicht und zwar deshalb, weil das Essen erst einmal auf den Herd muss.S. 249: Diskussion C. Korsgaard: Korsgaard nimmt an, dass wenn der Autor Recht hat, und die Energieform unsere Werte mitbestimmt, wäre es doch schlüssig, wenn wir unsere Werte so anpassen, dass wir eine Form der Energiegewinnung entwickeln, die nachhaltig ist, z.B. Solarenergie. – wieder ein Real-Ideal-Sprung: wir können Werte nicht auf Kommando ändern, sie entwickeln sich entlang der Lebensrealität. Nur Ideologien könnten dies bewirken, doch die scheitern früher oder später ebenso an der Realität.S. 251: Diskussion C. Korsgaard: Der Anschlag auf die Afghanin Mulala Yousafzai wird angeführt, da der Autor diesen im Rahmen der moralischen Wertvorstellungen der Taliban nicht als moralisch verfehlt gewesen sei. Korsgaard unterstellt daraufhin, dass der Autor „ein Moralskeptiker ist, der nicht glaubt, dass irgendetwas einen wahren moralischen Wert hat“ – Der Autor verurteilt die Handlung an sich, was Korsgaard allerdings nicht sieht oder sehen will ist, dass auch hier die Umwelt und Realität die moralischen Werte der Taliban prägt. Dass es dort keine „positiven Werte“ gibt, heißt nicht, dass es „Werte“ gibt. Somit ist auch hier kein moralphilosophisches Konstrukt anwendbar, sondern die Veränderung der Lebensrealität durch Veränderung der Umwelt wäre zielführend.S. 256: Diskussion Margaret Atwood: „Wenn unsere Gesellschaft abstürzt, dann lässt sie sich wohl nicht wieder aufbauen, denn das Spezialwissen, das nötig ist, um die Maschinen zur Rohstoffförderung und Produktion zu betreiben, verschwindet in der Cloud“ – ein guter Punkt.S. 281ff: Antwort des Autors auf die Kritik, er vereinfache den Zusammenhang zwischen Energiequelle und Gesellschaftsentwicklung zu stark: „Gesellschaften wachsen, weil mehr Energie verfügbar ist, auch wenn kein direkter Zusammenhang zwischen Energie und Größe besteht“ – kann man zustimmen, z.B. ausreichend Kalorien zur Fortpflanzung.S. 305f: Antwort des Autors auf Korsgaard: „Ich glaube nicht, dass es wahre moralische Werte in dem Sinne gibt, in dem Korsgaard diesen Begriff verwendet….Menschen können nur dann Werte leben, wenn sie Energie aus ihrer Umwelt gewinnen („Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, sagte Bertold Brecht)…die werte realer Menschen sind definitionsgemäß positive Werte, die durch die Form der Energiegewinnung geprägt werden“ – Korsgaard ist Moralphilosophin und theoretisiert daher, wie man Moral schlüssig über alles legen kann, was aber in der Realität unmöglich ist.S. 307ff: Hier folgen Ausführungen über die Gesellschaftsvertragstheorie von John Rawls, um letztlich zu sagen, selbst wenn es wahre moralische Werte gäbe, wären diese immer die, die der Realität der jeweiligen Menschen oder Gesellschaften geschuldet sind.S. 316: „Wie Kant aus Königsberg bleiben offenbar viele Moralphilosophen gern zu Hause, wo sie nur mit Ihresgleichen diskutieren und sich nicht mit Menschen wie Herrn Georgius auseinandersetzen müssen“ – so ist es wohl.
Peter Buschmann 11.06.2023 amazon.de
Alles gut
H.Schmalz 11.06.2023 amazon.de
Interessantes Buch, mit einer anschließend meiner Ansicht nach noch viel interessanteren Diskussion. Verkürzt gesagt, ist Ian Morris Theorie, eine spezielle Version von K.Marxens Grundthese: das Sein bestimmt das Bewusstsein. Mir ist die Vereinfachung, wie schon Marxens These zu unterkomplex. Er unterteilt Gesellschaften in grob 3 Kategorien: Wildbeuter, Agrargesellschaften und Industriegesellschaften, die sich dadurch unterscheiden, wie viel Energie in Kilokalorien erzeugt werden. Hier möchte ich schon die erste Kritik anbringen. Abgesehen davon, dass mir nicht klar ist, wie I.Morris auf die Zahlen kommt, unterscheiden sie sich doch größensordnungsmäßig doch um einiges von Y.Malhi "The Metabolism of a Human-Dominated Planet". Zumindest was den Unterschied zwischen einer agrikulturellen und einer industriellen Gesellschaft anlangt. Malhi kommt bei Wildbeutern auf 300 Watt, bei Agrargesellschaften auf 2000 Watt und für Industriegesellschaft auf 8000 Watt pro Einwohner. Während bei Y.Malhi das Verhältnis von Agrar zu Industrie 1:4 ist, ist er bei I.Morris 1:10. Ein beträchtlicher Unterschied der mir so für das Erste, nicht so einleuchtet. Weiter, was dann auch Morris in der weiteren Diskussion auch zugibt, hat er kein besonderes Augenmerk auf die nomadischen Gesellschaften gelegt. Nun ich stimme Morris insofern zu, dass die Komplexität einer Gesellschaft zum Teil von der zur Verfügung stehenden Energie abhängt. Andererseits aber auch davon wie viel den Einzelnen zur freien Verfügung steht. In agrarischen Imperien mag die pro Kopf Produktion 30.000 Kilokalorien betragen haben. Viele hatten aber nicht mal die 2000 zur Verfügung. Agrarische Imperien waren in der Regel extrem extraktiv. Im Wesentlichen hing ihr Erfolg davon ab, wie viel Energie sie ins Zentrum umleiten konnten. Bei industriellen Gesellschaften ist das nicht so klar. Deren Erfolg hängt zu einem guten Teil von ihrem Export ab, wenn man mal von der USA absieht. Exporterfolge hängen zwar teilweise von der Energie ab, aber nicht nur allein. China, Deutschland oder Japan haben ein viel geringeren Pro-Kopf-Verbrauch an Energie als die USA und sind trotzdem auf dem Exportsektor viel erfolgreicher. Und in jedem dieser Länder sind unterschiedliche Gründe für den "Erfolg" verantwortlich. Mit anderen Worten, extraktive Imperien, wie z.B. die Sowjetunion eines war und die USA vielleicht eines ist, verlieren auf Dauer ihre Wettbewerbsfähigkeit. Damit unterscheiden sich industrielle Gesellschaften bzw. der Wettbewerb zwischen diesen, fundamental von ihren agrarischen Vorgängern.
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