Spätestens hier wird Gert Westphal seinem Ruf als der "König der Vorleser" mehr als gerecht. Schade, daß der Mann schon seit ungefähr 15 Jahren tot ist ... wenn ich einen würdigen Nachfolger nennen könnte, dann wäre es Gert Heidenreich. Aber es gibt auch eine ganze Reihe von anderen guten Leuten; ich denke dabei z.B. an Sophie Rois als Vorleserin der Jane Eyre von Charlotte Bronte. Nun kurz zum Inhalt: Ich habe vor Jahren das mehrteilige Fernsehspiel gesehen, das an sich schon hervorragend war, weil es sich relativ eng an die Romanvorlage hielt. Dieselbe ist natürlich noch um eine Klasse besser; als historisch interessierter Mensch kann man sich während der Lesung buchstäblich in die einzelnen Charaktere hineinversetzen und hat sie und das ganze Szenario drumherum bildhaft vor Augen. Gert Westphal macht das einfach unnachahmlich gut: Spricht er eine Frau - etwa Kathinka Ladalinska - dann glaubt man tatsächlich, eine Frau zu hören. Spricht er einen alten Diener oder Knecht - und zwar up Plattdütsch - dann sieht man den alten Knecht vor sich ! Nimmt er sich Hoppenmarieken vor, hat man tatsächlich eine alte, schlaue, ein bißchen schmuddelige und beinahe hexenhafte Zwergin vor seinem geistigen Auge stehen ... man könnte die Reihe noch nach Belieben fortsetzen. Einziger Kritikpunkt wäre vielleicht, daß manchmal das Französische etwas stark durchschimmert, z.B. da, wo die Familie von Vitzewitz bei der Tante Amelie zu Besuch ist. Leider bin ich des Französischen nun zwar absolut nicht mächtig - auch wenn das Französische sicherlich eine sehr elegante Sprache sein mag - doch sind solche Einsprengsel letztlich vernachlässigbar. Es war damals eben in den "besseren" Kreisen üblich, Französisch zu sprechen, auch bei den Russen, trotz Napoleon - schlag nach bei Krieg und Frieden. Neben den persönlichen Verstrickungen der jeweiligen Charaktere - etwa die Lewins in bezug auf Kathinka, die schlicht und einfach zwei Nummern zu groß für ihn war, denn er war eben deutsch und damit ein tiefgründiger, grüblerischer Romantiker; und sie mit Leib und Seele Polin, sprich also risikofreudig, leidenschaftlich und jeder Autorität prinzipiell abhold (die Polen - und auch die Franzosen - denken viel politischer als wir Deutschen, auch heute noch) - neben diesen Verstrickungen also sind natürlich die politisch/historischen Verhältnisse besonders interessant, denen sich ja Berndt von Vitzewitz besonders intensiv widmet, indem er den Aufbau einer preußischen Landwehr vorantreibt, anfangs auch ohne Genehmigung von oben. Mit dabei: Das Ziethen-Original Bamme, als Kommandeur der Truppe. Was mich besonders berührt hat, war im Kapitel "Alt-Berlin" die Rückkehr einiger völlig abgerissener, halb erfrorener und halb verhungerter Grenadiere und Kürassiere der zerschlagenen Grande Armee, die dann auch noch auf Befehl des französischen Stadtkommandanten wieder aus Berlin hinaus mußten - typisch: Die Kleinen trifft es, und die Großen kommen davon, so wie die französischen Marschälle und Generäle, die heil aus Rußland herauskamen. Schade eigentlich - wären sie doch, genau wie ihre Soldaten, verhungert und erfroren. Da können wir noch was dazulernen.
Tatsächlich ist dieses Buch als Weihnachtsgeschenk gedacht. Es ist eines der Bücher von Th.Fontane, das mich am meisten berührt hat: da ist alles drin - Familiengeschichte, Liebesgeschichte, allgemeine Deutsche Geschichte (nicht von der guten alten Zeit, die gab es nämlich nie, aber man könnte sie sich so vorstellen), Sozialgeschichte, Milieuschilderung und nicht zuletzt eine wunderbare geographische Darstellung des Oderbruchs. Und auch eine Wintergeschichte, die man behaglich hinterm Ofen sitzend genießt,
Interessantes geschichtliches Thema.Jedem zu empfehlen, der sich dafür interessiert.Auch faszinierend, wie Fontane das Panorama zeichnet.Vergleichnbar wie im "Stechlin."