Das Äußere des Buches ist ungewöhnlich: äußerst reduziert (über die Schriftstellerin erfährt der Leser nichts, über die Geschichte auf der Rückseite wenig) , dabei durch das Leinen sinnlich, kompromisslos auf eine elegante Weise und sorgfältig gemacht (nur ein Lesebändchen fehlt). Man kann dem Verleger des neugegründeten Schweizer Kampa-Verlages nur gratulieren, solch eine Gestaltung zu riskieren, die durch den Verzicht auf alles Sensationelle etwas Besonderes ist. Vor allem passt sie exakt zum Inhalt, für denn genau dasselbe gilt. Historischer Roman? Nein, auch wenn Kernstück des Buches der aufregende Fund der Schriftstellerin ist, die Briefe des einzigartigen Pianisten Vladimir Horowitz an einen jungen Schweizer entdeckte. Der 12 Jahre jüngere Nico Kaufmann aus einem Zürcher Arzthaushalt wurde der allererste Klavierschüler des 34jährigen Weltstars und sein Geliebter. Nur zwei Jahre, von 1937 bis 1939, währte dieses Liebesdrama voll Eifersucht, Krisen und erhitzter Begierde; es endete mit der erzwungenen Emigration des Juden Horowitz in die USA. Doch Singer gelingt es, daraus etwas Paradigmatisches zu machen, eine ungeheuer dichte, spannende und bewegende Lovestory, so knapp erzählt, dass der Leser manchmal innehalten muss und nachdenken. Singer belässt es aber nicht dabei. Sie erzählt das Ganze in der Rückblende. Erzähler im Jahr 1986 ist der nun siebzig Jahre alte Nico Kaufmann, der alles aus Gründen, die erst ganz allmählich offenbart werden, einem Unbekannten anvertraut. Mit ihm reist er zu den Hotels und Schauplätzen in der Schweiz, wo er sich damals mit dem verheirateten Horowitz traf, einem Weltstar, der in einer Krise steckte, aus der er mit Hilfe des jungen Liebhabers herauszufinden hoffte.Das Verrückte ist, dass alles, was hier über eine eigentlich sehr spezielle Beziehung geschrieben wird, für viele Beziehungen Gültigkeit besitzt. Die sogenannte Rahmenhandlung, die ich so eigentlich nicht nennen mag, weil sie genauso wichtig ist, steckt voller Lebensweisheit, die aber so lässig und mit so viel Sinn für Komik herüberkommt, dass sie kaum spürbar in einen eindringt.Als ich am Ende des Romans angelangt war, fasste ich einen Entschluss für mein weiteres Dasein, den ich bisher vor mir hergeschoben hatte.