Über Verlust, Überleben und die Kraft der Hoffnung An einem Sommertag an der Küste Kamtschatkas verschwinden die russischen Schwestern Sofija und Aljona. Das Verbrechen erinnert an einen Vorfall nur Monate zuvor in der indigenen Bevölkerung. Wie eine düstere Wolke hängt der ungelöste Fall fortan über Kamtschatka und beeinflusst das Leben ganz unterschiedlicher Frauen in einer gespaltenen, männerdominierten Gesellschaft. Während das Netz zwischen den Einzelschicksalen dichter wird, hält die Suche nach den Mädchen die ganze Stadt in Aufruhr. Brillant konstruiert und einfühlsam erzählt, ent führt uns der Roman in eine extreme und faszinierende Welt am Rande der Welt: in die graue Stadt Petropawlowsk, die spektakulären Weiten der Tundra und die Schatten schneebedeckter Vulkane.
Bewertungen & Erfahrungen
4,2 von 5
6 Bewertungen
5 ★2
4 ★3
3 ★1
2 ★0
1 ★0
Verteilung basiert auf 6 vorliegenden Einzelbewertungen.
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Redaktion26.05.2026
testmonster.de · Redaktion
Dieses Buch ist ein packendes und tiefgründiges Erlebnis, das mich von Anfang bis Ende fasziniert hat. Die Geschichte über Verlust, Überleben und die Kraft der Hoffnung ist unglaublich bewegend und inspirierend.
Redaktion26.05.2026
testmonster.de · Redaktion
Das Buch ist eine tiefgründige und bewegende Geschichte über Verlust und Überleben, die viele emotionale Momente bietet. Allerdings empfand ich den Erzählfluss an einigen Stellen als etwas zögerlich.
Auch ich hatte ein ganz anderes Buch erwartet und war zunächst etwas enttäuscht, dass es kein linear erzählter Thriller ist. Die Episoden sind jedoch jeweils eine kleine Welt für sich, exotisch und auch universell gültig. Eigentlich möchte man, dass sie "zu Ende erzählt" werden, aber die nächste Episode ist dann auch wieder interessant und am Ende macht alles Sinn...
Kamtschatka ist eine Halbinsel im Osten Russlands gelegen. Sie ist im Wesentlichen nur mit dem Schiff oder mit dem Flugzeug zu erreichen. Der Landweg führt in die Weiten der Tundra und wird faktisch nicht genutzt. Entsprechend dünn besiedelt ist die Halbinsel: von den rund 310.000 Bewohnern leben rund 65 % in Petropawlowsk, der Hauptstadt und wirtschaftlichen Metropole Kamtschatkas. Die meisten Einwohner sind Russen, nur 2,5% stammen von indigenen Volksgruppen ab, zu denen auch die Ewenen gehören.In diese Gegend führt uns Julia Philipps mit diesem Roman. Eine vorangestellte Landkarte bietet hilfreiche Orientierung für alle, denen die Lage des Handlungsortes nicht bekannt ist. Das Buch ist in die 12 Monate eines Jahres eingeteilt mit einem zusätzlich eingefügten Kapitel (Silvester) und beginnt mit einer beklemmenden Kindesentführung: Die beiden Schwestern Aljona und Sofia werden beim Spielen am Strand entführt. Dass es sich um eine Entführung handelt, weiß der Leser schon sehr bald. Im Verlauf des Romans gibt es darüber jedoch unterschiedliche Theorien.Vor etwas über einem Jahr verschwand auch die 19-jährige Ewenin Lilja. Aufgrund widersprüchlicher Zeugenaussagen stellten die Behörden die Suche nach der jungen Frau und die Ermittlungen dazu ein. Man geht davon aus, dass Lilja freiwillig untertauchte, um ihr Glück in der Stadt zu suchen.In Folge werden Frauen vorgestellt, die direkt oder indirekt vom Verschwinden Aljonas, Sofias und Liljas tangiert werden. Jede Geschichte ist einzigartig und für uns ein wenig befremdlich. Wir erfahren jeweils ein Stück Lebensrealität aus Kamtschatka, lernen etwas über Ansichten, Einstellungen und Verhältnisse der dort Lebenden, über unterschiedliche Ethnien, über die Familien der Vermissten und ihrer Freunde. Es sind keine fröhlichen Erzählungen, sondern Darstellungen eines zumeist tristen Lebens, von Enttäuschungen, zerschlagenen Hoffnungen oder unerfüllten Träumen. Jedes Kapitel für sich ähnelt einer Kurzgeschichte, jedoch begegnen uns manche Figuren wiederholt, so dass man aufmerksam lesen muss, um jeden Baustein dieses sorgfältig komponierten Romans zu erfassen. Jedes Kapitel ist ein Puzzlestein, alles hängt mit allem (wenn mitunter auch lose) zusammen:Olja darf wegen der entführten Mädchen ihre beste Freundin Diana nicht mehr sehen, weil deren Mutter Walentina zu ängstlich geworden ist. Im Grunde passt ihr das aber ganz gut, denn Olja ist die Tochter einer Alleinerziehenden, die das Kind in ihren Augen vernachlässigt, so dass Olja kein guter Umgang ist. Später macht sich Walentina bei der Polizei wichtig und begegnet uns im Krankenhaus als ängstliche Patientin wieder.Es gibt Vorurteile auf beiden Seiten der russischen und indigenen Bevölkerung. Das spürt auch die Studentin Ksjuscha, die aus einer eingeborenen Nomadenfamilie stammt. Durch ihren russisch-stämmigen Freund Ruslan fühlt sie sich aufgewertet, obwohl sie selbst intelligenter ist als er und eine bessere Ausbildung genießt. Er bietet seiner Freundin Schutz, verlangt dafür aber umfassende Kontrolle, wofür ihm die Gefahr durch vermeintliche Entführer eine Rechtfertigung bietet.Oksana ging mit ihrem Hund spazieren, als die Kinder verschwanden und kann Hinweise auf den vermeintlichen Täter geben, die im Zuge des Romans in Zweifel gezogen werden. Hat der Polizeiinspektor überhaupt Interesse an der Wahrheit? Es scheint, als ob er mit seinen Ermittlungen nicht vorankommt: Stößt er an Grenzen bei seinen Vorgesetzten oder fehlt ihm selbst der Elan? Seine Frau Soja musste ihren geliebten Beruf aufgeben, um sich um die gemeinsame Tochter zu kümmern. Sie ist alles andere als glücklich damit und sucht kleine Fluchten.All diese und weitere Szenen ergeben ein Panorama von Frauenleben in Kamtschatka. Schwere und leichtere Schicksale säumen den Roman. Die meisten Menschen leben in bescheidenen Verhältnissen, wünschten sich jedoch etwas mehr von der Zukunft. Eine trockene Wohnung mit einer funktionierenden Heizung kann doch nicht alles sein? Gezeichnet wird ein Geflecht aus Beziehungen, denen allen eine gewisse Melancholie anhaftet.Das Buch wird als literarischer Thriller beworben. Das ist es eigentlich nur am Anfang und wird es wieder zum Ende hin. Dazwischen ist es mehr ein Gesellschaftsportrait. Man lernt etwas über die Konflikte der Ethnien und Generationen, über den Umgang mit Andersdenkenden oder Homosexuellen, über das vorherrschende Patriarchat, über die Probleme der ehemaligen sowjetisch besetzten Sperrzone.Daneben bekommt auch die unvergleichliche Landschaft Raum mit ihrer Küste, dem Vulkangestein, den heißen Quellen und der einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt. Was für den Urlauber durchaus reizvoll sein mag, kann für die dort lebenden Menschen zur Belastung werden. Viele Möglichkeiten und Chancen haben sie nicht, die Entfernungen sind groß, die Winter lang. Es ist diese Tristesse, die die Autorin wunderbar eingefangen hat. Die überwiegende Zahl der Erzählungen hat mich gefesselt. Nicht alle haben die gleiche Intensität. Doch bevor Langeweile aufkommen kann, setzt die Autorin zu einem spannenden Finale an, in dem sie ihr schriftstellerisches Können unter Beweis stellt und sich die verschiedenen Bausteine an ihren Platz setzen.Man spürt, dass die amerikanische Autorin sich sehr intensiv mit Land und Leuten beschäftigt und in ihrer Mitte gelebt hat. Sie ist eine sorgfältige Beobachterin, ihre Charaktere wirken stimmig. Besonders einfühlsam werden Trauer, Wut und Ungewissheit innerhalb der Familien der vermissten Mädchen geschildert. Da leidet man mit.Ein sehr empfehlenswerter Roman für alle Menschen, die gern einmal etwas über unbekanntere Landstriche und deren Bevölkerung erfahren möchten. Ein Buch, das aufmerksam gelesen werden will, dann aber großen Reiz entfaltet.
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Letzte Aktualisierung: 12.05.2026 19:39 Uhr.