Das Buch gibt einen schönen Einblick, daß das Glück eines Menschen nicht vom Luxus abhängt. Reichtum materieller Art, kann auch ein enges Korsett sein. Und genau darum geht es in dem Buch. Das Korsett abzulegen und zwar in mehrfacher Hinsicht. Noch zum Ende des 19.Jahrhunderts trugen die Frauen, die etwas auf sich hielten, so ein Monstrum von Körperfessel. Es machte unbeweglich und starr. Das übertrug sich bei manch einer Frau auch auf deren Geist. So hatten viele Mütter von der fixen Idee ihrer Töchter, auf dieses Kleidungsstück zu verzichten und Mode, in der man sich bewegen konnte zu tragen, ihre liebe Müh. Frauen begannen ihre Freiheit und Kreativität auszuleben.
InhaltLisette wächst in Wiesbaden als Tochter eines wohlhabenden Bauunternehmers auf. Ihrer Mutter Dora, die aus kleinen Verhältnissen stammt, ist nichts wichtiger als zur „guten Gesellschaft“ zu gehören und sie versucht mit allen Mitteln, Lisette zur typischen Tochter aus gutem Hause zu erziehen. Lisette soll sich wie eine perfekte junge Dame benehmen, möglichst wenig eigenständig denken und darauf warten, von einem Mann der gehobenen Gesellschaft – möglichst einem Adeligen – geheiratet zu werden. Lisette ist jedoch ganz anders als ihre versnobte Mutter, sie möchte weder von gesellschaftlichen Konventionen noch von den korsettgestützten Kleidern der Vorkriegszeit eingeengt werden und sie will ihrem Leben einen Sinn geben. Ihr Wunsch gilt einem unabhängigen Dasein als Modezeichnerin, die bequeme Kleidung für Frauen entwirft und dadurch die Lebensqualität der Trägerinnen verbessert. In dem Schneider Emile, der ins Haus kommt, um den Damen der Familie Winter Kleider zu nähen, erkennt sie eine verwandte Seele. Sie verliebt sich unsterblich in den Mann, der sie – als erster Mensch überhaupt – als eigenständige Persönlichkeit wahrnimmt. Da ihre Eltern einer gemeinsamen Zukunft Lisettes mit „nur“ einem Schneider nie zustimmen würden, flieht sie 1906 gemeinsam mit Emile, um fortan mit ihm zu leben und zu arbeiten.Hundert Jahre später wandelt Lisettes Urenkelin Maya auf ihren Spuren und recherchiert über das Leben ihrer stolzen und mutigen Vorfahrin, die so ganz anders war als sie selbst.BeurteilungDer erste Band der Trilogie über die Frauen der fiktiven Familie Winter beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern. Lisettes Mutter Dora, die sich ihrer einfachen Herkunft schämt und deshalb übertrieben standesbewusst und über-angepasst auftritt, kann nicht begreifen, dass ihre Tochter ihre Vorstellung vom Leben nicht teilt. Lisette, eine äußerst starke Persönlichkeit, muss später ihrerseits erkennen, dass auch ihre Tochter eine eigene Persönlichkeit mit eigenen Zielen ist. Dieses Thema spielt auch im Falle von Lisettes Urenkelin Maya, die als Ich-Erzählerin in ihrem Tagebuch über ihre familiengeschichtlichen Nachforschungen berichtet, eine Rolle. Maya bewundert Lisette, ihr ist sehr bewusst, dass sie selbst schüchtern und wenig mutig ist, worin sie sich nicht nur von Lisette, sondern auch von ihrer eigenen „wilden“ Mutter Paula unterscheidet.Die Charaktere aller Romanfiguren sind sehr gründlich ausgearbeitet. Diese Charaktere agieren vor einem gut recherchierten historischen Hintergrund, der ein eindrückliches Bild der gesellschaftlichen Veränderungen vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1935 zeichnet. Von besonderem Charme sind eingefügte Zitate aus zeitgenössischen Büchern und Zeitschriften (“Der gute Ton“, „Damenjournal“ etc.), die einen Eindruck vom damaligen Frauenbild vermitteln.Der Erzählstil ist anschaulich und farbenprächtig, sodass sich das Buch sehr flüssig lesen lässt. Die Beschreibung der großen Liebe zwischen Lisette und Emile ist ein wenig zu gefühlsüberladen geraten und hätte etwas weniger pathetisch gestaltet werden können.FazitEin vielversprechender Auftakt einer Trilogie, die sich mit den Familienkonstellationen von Frauen und ihren Müttern, bzw. Töchtern beschäftigt, sehr lesenswert!