Sommer wie Winter....ich dachte zunächst, der Titel meine die Jahreszeiten und den gleichbleibenden Trott, der in der Bergwelt, in einem kleinen Dorf in Österreich, vorherrschen würde.Sommer ist aber ein Familienname und Winter ist auch einer. Der kleine Sommer wurde als Adoptivkind von der Familie Winter aufgenommen.Allein schon diese Mehrdeutigkeit des Titels gefällt mir als Eröffnung.Da ist also die Familie Winter, Mann und Frau, hat drei Töchter. Sie leben eng verwurzelt in einem Dorf in Österreich. Vieh, Hof und unendlich viel Arbeit, jeden Tag immer dieselbe öde Arbeit, die kein Ende nimmt. Irgendwann beginnt der Ort sich zu wandeln und man baut die Höfe um und nimmt Gäste auf, um zu überleben. Auch die Winters vergrößern sich und beherbergen Gäste. Noch mehr Schufterei!Der Vater will endlich einen Buben, die Mutter hat drei Mädchen geboren. Gegen den Willen der Mutter wird das Kind Alexander Sommer in die Familie geholt. Alle Strukturen in der Familie ändern sich, zum Vorteil der drei Mädchen, aber zum Nachteil des Adoptivkindes.Und da gebirt die Mutter dem Vater doch noch einen Sohn, endlich. Er wird das Lieblingskind des Vaters.Alexander ist ein stiller Junge, auch als er heranwächst, bleibt er in sich gekehrt. Er erfährt, dass er nicht das leibliche Kind ist und ab da hat er ständig seine Mutter im Kopf. Wo ist seine Mutter? Man sagt, sie sei ausgewandert.Und dann nimmt die Tragödie ihren Lauf......Der Roman ist in Form von Therapiegesprächen aufgebaut. Stück um Stück werden alle Familienmitglieder befragt. Stück um Stück setzt sich das Drama zusammen.Toll, wie die Autorin diese Düsterkeit in dem Alpendorf rüberbringt, diese Sitten, Gebräuche und tägliche Abläufe, die aus Kirche, Vieh, Hof und Alteingesessenen bestehen. Was man darf und was man nicht darf. Wie man mit den Gästen umgehen muss, denn die bringen ja das Geld. Und wie die Kinder getreten werden, denn es sind Arbeitssklaven. Schule zählt nicht, ist verlorene Zeit, überflüssig.Und die Sicht der Gäste: welche Idylle, wie erdverbunden mit der Natur, wie toll das Stroh, etc.Ein sehr lesenswerter Roman, der noch lange nachhallt. Nachdenklichkeit bleibt zurück. Klasse!
Ich schreibe hier eigentlich nur meine Meinung rein, wenn ich aus meiner Sicht ein echt schlechtes Buch erwischt habe oder es ein Volltreffer war. Hier war es der Volltreffer! Weder die Autorin war mir bekannt, noch konnte ich mir jetzt viel unter dem Titel vorstellen. Der Kauf war eine Bauchentscheidung, aufgrund der Kurzbeschreibung fand ich das Buch erst einmal lesenswert. Allerdings fand ich auch das Buchcover interessant. Das ist auch der Moment, wo mir das Papierbuch etwas fehlt - immer mal wieder auf das Cover schauen... Bin inzwischen Kindleleserin, da lese ich anders und schaue auch das Cover nicht mehr an. Die Story ist richtig gut, der Aufbau des Buches wirklich mal anders auch wenn ich anfänglich dachte, es geht nach einigen "Sitzungen" der Beteiligten in den fließenden Text über, denke ich jetzt, genau so musste diese Geschichte von Alex erzählt werden und nicht anders, in der Sprache der Beteiligten und auch mit leichtem Dialekt, sehr gut gemacht. Das Wortspiel im Titel erschließt sich dann beim Lesen, das hat auch was. Dieser Roman hat mich komplett abgeholt, heute mit dem Lesen begonnen und dann nicht mehr losgekommen - und die Geschichte klingt nach. "Sommer wie Winter" hat alles das, was ich mir von einem guten Buch wünsche! Ein weiterer Roman dieser Autorin ist schon auf meinem Kindle.
aber neu erzählt.Die Bücher von J.W. Taschler sind alle auf eine Art "gleich". Sie hat keine Angst, sich eine Geschichte "auszudenken", die, wenn man nachdenkt, eigentlich nichts besonderes ist. Die Story ist nämlich alltäglich, nicht gerade sehr bekannt, jedoch überrascht sie nicht. Und doch hat sie etwas, was BLEIBT!Und ich glaube, das erreicht sie auch mit ihrem, etwas "trockenen" Still.Sie schreibt so, wie die Menschen sprechen. Die Grammatik ist natürlich in Ordnung, doch die Menschen reden "frei", die Adjektive und Pronomen sind öfter in unüblicher Weise geschrieben.Aber, so sprechen die Menschen, wenn sie ihre Geheimnisse, ihre Probleme, ihre Vergangenheit, ihre Zukunft (weniger) mit einigen Therapeuten erläutern.Die Familie Winter, die Mutter Monika und ihre Kinder Anna, Martina, Manuela (Manu) und Andreas sprechen mit Dr. B. nd manchmal Dr. R. Alexander Sommer, der in der Familie mit drei Jahren als Pflegekind aufgenommen wurde hat als Gesprächspartner nur Dr. Z.Der/die Leser/in erfährt sofort, dass die Gespräche nach einem Unfall stattfinden. Die Familie soll über sich und andere sprechen.Die Fragen der Psychologen/Psychiater kennen wir nicht, es scheint, dass man nach freien Assoziationen spricht und dabei werden verschiedene Situationen beschrieben. Mehr oder weniger genau.Jeder hat ein Geheimnis, dass sehr lange in einem kleinen Ort im Tirol in der Nähe von Sölden, unentdeckt bleibt. Das können die kleine Gemeinden sehr gut - verstecken und schweigen...Alexander und Manuela, beide um 19 Jahre jung, stehen sich am nächsten, sie kennt ihren "Bruder" am besten.Im Ort hat man gelacht, als die Familie Winter ein Kind mit dem Nachnamen Sommer zu sich geholt hat.Die Mutter Monika hat nur zugestimmt, als ihr Mann ein männliches Kleinkind wollte. Sonst kümmert man sich um den Hof, man hat Gäste - eine Pension. Man MUß mit ihnen IMMER freundlich sein.Die Kinder arbeiten schwer,beginnen sehr jung die Verantwortung zu übernehmen; am meisten Alexander. Er, eine Sommer (ein Niemand) hat lange geglaubt, seine Mutter hat ihn allein gelassen und ist ausgewandert.Mit 15 Jahren entdeckt er ein Bild und er stellt (sich) die Fragen, WER ist meine Mutter, WIE war sie? Lebt sie z.B. in Australien oder Kanada???Er bekommt keine oder nur sehr karge Antworten. Doch er sucht, kann sich an kleine Momente erinnern...und will mehr wissen.Die Suche wird fast zur einer Obsession, ist er ein junger Mann, der immer noch nirgendwo gehört. Er findet die Menschen, die seine Mutter gekannt haben, spricht mit dem Inspektor, der damals für den Fall zuständig war (jetzt pensioniert)... Das Schicksal nimmt seinen Lauf.Der Autorin ist es gelungen bei ihren nüchternen Ton zu bleiben, was dem Buch aber viel Tragisches gibt. Es lässt Platz für unsere Gedanken. Wir können uns nun in die Leben verschiedener Personen hineinversetzen - einige lassen uns fast kalt, andere gehen uns an die "Nerven", die meisten sind uns ihrer "so war es eben" Mentalität manchmal fast unangenehm. Man versucht die Antworten zu bekommen und wartet - meistens vergeblich. Die Fragen wurden jahrelang NICHT gestellt.Nur so ist/war es möglich, dass alle (oder fast alle) weitergelebt haben, das Pflegekind war eine nützliche Kraft mehr.Wie eine Seifenblase, wie ein Kartenhaus - zerfällt die Idylle der Familie Winter.Aber, das haben wir schon am Beginn gewußt, oder geahnt.Ist ein Leben nach diesen Gesprächen überhaupt möglich? Wie geht es weiter?Lassen Sie sich überraschen! Psychologisch sehr gut, etwas vorhersehbar. Eine gute Geschichte, die wirklich bis zum Knochenmark geht!