Nach Professor B. Pörksen haben die digitalen Medien das „Kommunikationsklima der Gesellschaft elementar verändert“ (S. 15) und dadurch bei den Menschen Verunsicherung, Verletzbarkeit und ein „Gefühl der Gereiztheit“ bewirkt. Die Beschreibung und Analyse dieser Entwicklung der sozialen Medien führt zur Feststellung von fünf Krisen, wobei ein wesentlicher Faktor ist, dass die klassischen Medien ihre Gatekeeper-Funktion teilweise verloren haben.- Wahrheitskrise (Fake-News, postfaktische Zeiten, „Wahrheit braucht Zeit“ (S. 47), die bei der Geschwindigkeit der Informationsverbreitung kaum mehr gegeben ist.- Diskurskrise (Empörungsdemokratie, Verschwörungstheorien, Normalitätsverschiebungen des Sagbaren)- Autoritätskrise (Kollateralschäden der Transparenz, Autoritäten verlieren den geschützten, kontrollierbaren Raum)- Behaglichkeitskrise (Filter Bubble, Emotions- und Erregungsindustrie)- Reputationskrise (Skandale und Shitstorms, die jeden treffen können)Die fünf Kapitel, in denen diese Krisen diagnostiziert werden, beginnen jeweils mit der ausführlichen Schilderung eines Beispiels, arbeiten dann die bedrohlichen Aspekte heraus und schließen aber meist mit dem relativierenden Hinweis, dass auch bei den klassischen Medien vergleichbare Fälle zu finden sind. Schließlich hat Professor Pörksen über Skandalisierungsprozesse in den Printmedien - u.a. Fall Wulff - einiges publiziert. Die Veränderungen im Kommunikationsklima der Gesellschaft und die „Opfergeschichten“ werden anschaulich, treffend und eloquent beschrieben, das Krisenhafte bzw. Bedrohliche dieser Entwicklung wird deutlich, die Verantwortlichkeit geht in der Anonymität des Netzes und der dynamischen Massen-Reaktionen verloren.Wenn B. Pörksen im sechsten Kapitel die „Utopie der redaktionellen Gesellschaft“ entwirft und durch Medienbildung die Mündigkeit befördern will, so ergibt dies nach seiner umfangreichen Krisendiagnose einen optimistischen oder zumindest versöhnlich klingenden Schluss mit aufklärerischem Optimismus.Das Buch arbeitet überzeugend die Wirkungen bzw. krisenhaften Auswirkungen der Kommunikationsmedien heraus, versucht aber m.E. zu wenig die Strukturen und Akteure zu erfassen, die „Die große Gereizheit“ bewirken. Zwar werden Troll-Armeen, PR-Leute und Meinungsroboter=Social Bots im Zusammenhang mit der Wahrheitskrise erwähnt, die von Staaten und NGOs zu Propagadazwecken eingesetzt werden (S. 26-30), aber eine kritische Analyse wird nicht geleistet. Wenn in der Einleitung der „Fall Lisa“ aus dem Jahr 2016 ausführlich geschildert und der russische Außenminister Lawrow namentlich erwähnt wird, so könnte man dieses als indirekten Hinweis auffassen, wo die „Verursacher“ zu suchen sind.Auffallend ist auch, dass ökonomischen „Triebkräften“ kein eigenes Kapital gewidmet ist. Die Beschreibung der Geschäftsmodelle der Emotions- und Erregungsindustrie (S. 140ff), die Klicks aus Profitinteressen erzeugen will, ist im Kapitel „Behaglichkeitskrise“ enthalten. Auch ist Feststellung, dass in den USA auf einen Journalisten fast fünf PR-Leute kommen (S. 175) und Firmen, Parteien, Politiker und Medien ihre Social Media Abteilungen haben, weisen m.E. darauf hin, dass diese professionellen Strukturen stärkere Beachtung bei wissenschaftlicher Analyse finden müssen. Die beschriebenen Krisen sind m.E. nicht allein durch die anonyme und massenhafte Nutzung des Netzes zu erklären, sondern es gilt die „Multiplikatoren“ und „Plattformen“ zu identifizieren, die aus eigenem Interesse manche Posts oder Twittermeldungen oder Bilder/Filme mit ihrem Netz von Followern gezielt verbreiten. (Siehe BuzzFeed, S. 144, oder Verbreitung des Tweets durch Sam Biddle, S. 160)Die von B. Pörksen präsentierten Beispiele weisen zwar auf diese Faktoren hin, stehen aber nicht im Zentrum seines Interesses (siehe Fußnote 207 auf Seite 248 zu Thomas Meyer, einem m.E. respektablen Medienkritiker), er propagiert am Schluss eher die Ideale des Journalismus und fordert ein neues Schulfach. Insgesamt beschreibt das Buch den Zustand bzw. die krisenhaften Folgen der neuen Kommunikationswelt, manchmal eher feuilletonitisch, nicht wirklich medienkritisch oder politisch.