Die Glaubwürdigkeit dieses Buches leidet ein wenig unter der Popularität des Bestseller-Autors mit seiner medialen Präsenz, seiner Eloquenz, seiner smarten Erscheinung, aber auch darunter, dass oberlehrerhaft Missstände aufgezeigt werden, die längst bekannt sind und Lösungen angeboten werden, die in dieser Gesellschaft kaum umgesetzt werden können.Gemäß dem Thema darf ich das vielgeschmähte Zensurensystem bemühen und bewerte das Buch mit GUT. Es ist ein wichtiges Buch, mehr als ein bloßer Denkanstoß, der Autor hat die heutige Bildungssituation treffend analysiert und er zeigt Wege auf, die zu einer völlig anderen besseren Schule führen können. Prechts Sprache ist entsprechend der mutigen Zielsetzung, eine Bildungsrevolution zu fordern meist polarisierend, zum Teil docere et probare, also belehrend argumentierend, selten differenziert und abwägend. Dies mag von vielen kritisch gesehen werden, oberlehrerhaft und besserwisserisch, wie es in einigen Rezensionen heißt, doch als Mittel zum Zweck sicher legitim. Zum SEHR GUT reicht es nicht, da der Autor keine wirklich neue Idee zur Umgestaltung unseres Bildungssystems einbringt.Precht gibt im ersten Teil seines Werks eine umfassende Analyse unseres Bildungssystem. Er zeigt die geschichtliche Entwicklung seit Humboldt auf, streift die Reformpädagogik Pestalozzis und Kerschensteiners, erwähnt Maria Montessori (das Kind als Baumeister seiner selbst) um dann das derzeitige System zu sezieren. Er kommt zu einem vernichtenden ErgebnisEine Analyse, der kaum ein mit Bildung befasster Mensch widersprechen kann, ebenso wenig wie der vorhergehenden historischen Betrachtung der Entwicklung unseres Bildungswesens. Nur, hier erfährt der mit Bildung befasste Mensch nichts Neues. Alles schon gesagt, beschrieben, diskutiert. Also ein überflüssiges Buch, ohne Bedeutung für die realen Belange der Schule? Ich denke nicht. Precht versteht es wie kaum jemand vor ihm, die Schwächen unseres Bildungssystems pointiert aufzuzeigen und überzeugend darzustellen. Dabei bedient er sich gekonnt aller rethorischen Mittel, er übertreibt, um zu verdeutlichen, er bewegt sich auf mehreren stilistischen Ebenen, von wissenschaftlich analytisch bis Stammtischgerede reicht sein Repertoire. Doch der Zweck heiligt die Mittel, Precht erreicht ein großes Publikum, eine mediale Aufmerksamkeit, die keine wissenschaftliche Abhandlung eines Namenlosen je erreichen würde.Wer im zweiten Teil des Buches nun neue revolutionäre Ideen erwartet, die unsere darbende Bildungslandschaft in ein blühendes Paradies verwandelt, mit individuell gebildeten, selbstbestimmten teamfähigen Schulabgängern mit höchstmöglicher Potenzialentfaltung, sieht sich zwar enttäuscht, jedoch auch hier gibt es einige gute Anregungen zur dringend nötigen Reform (wenn auch nicht Revolution) unseres Bildungswesens. Washburys Konzept des Mastery Learning , vor fast 100 Jahren entwickelt und umgesetzt, sieht Precht zu Recht an als übertragbar auf unser heutiges System. Die individuelle Förderung jedes einzelnen Kindes gemäß seiner Anlagen und Fähigkeiten, die umfassende Bildung an Geist, Körper und Seele, die Freiheit, Inhalte und Lernziele selbst bestimmen zu können. Dieses bewährte Konzept, über viele Jahre erfolgreich praktiziert, wurde überrollt von Skinners unseligen Behaviorismus-Theorien und seiner absurden Vorstellung vom kindlichen Lernen auf der Grundlage von Reiz-Reaktion- Prozessen ähnlich den Pawlow’schen Hunden. Wieder ein Beispiel dafür, wie bewährte pädagogische Ideen in kurzer Zeit korrumpiert werden können durch vorschnell übernommene auf reiner Empirie basierende Konzepte mit ihren angeblich quantifizierbaren Ergebnissen und „operationalisierbaren“ Lernzielen. Ich erinnere mich noch mit Schaudern an meine Lehrerausbildung und daran wie Skinners Behaviorismus-Welle in kürzester Zeit über den Atlantik schwappte und hier ungeprüft begierig von „progressiven“ Seminarleitern propagiert wurde.Die ausgezeichnete Lernsoftware und die meist überzeugenden Videolektionen der Khan Acadamy sowie Mitras’ Hole-in-the-Wall Projekt scheinen Prechts Thesen zu bestätigen:Gute Lernsoftware und klug aufbereitete Videos können diese ganz individuellen Lernprozesse im Kind sicher eher in Gang setzen als der übliche Unterricht im Klassenverband. Doch die optimale „Potenzialentfaltung“ wie sie Precht vorschwebt, erreicht das Kind auch mit der besten Selbstlernmethode nicht. Mittels M.I.E. wird Lernen lediglich im Bereich des Kognitiven möglich, wesentliche Elemente der Bildung wie Kreativität, Verantwortungsgefühl, unkonventionelles Denken, soziales Verhalten etc, bleiben unberührt.Hier nun tritt der Lehrer auf den Plan, dessen zentrale Rolle in unserem Bildungssystem Precht ausführlich beschreibt. Die Ausführungen mit der zentralen Botschaft: "Auf den Lehrer kommt es an!“ im Kapitel „Lehrer als Beruf“ halte ich für die stärksten des ganzes Buches. Auch hier wieder gar nichts Neues, nur meisterhaft auf den Punkt gebracht. Ausgehend von dem berühmten schwedischen Experiment, in dem wenige „Superlehrer“ eine ganz schlechte Klasse 9 innerhalb von 5 Monaten zu glänzenden Leistungen bewegt, heißt es: Auf den Lehrer kommt es an! Während gute Lehrer auch aus vermeintlich schlechten Schülern das Beste herausholen, so verbauen schlechte Lehrer vielen Kindern die Zukunft oder vermiesen jemandem zumindest auf ewig das Interesse an bestimmten WissensgebietenHier spricht der Autor offen ein Problem an, ohne die übliche pauschale Lehrerschelte zu bemühen, es gibt viel zu wenige gute Lehrer. Mit meinen über 30 „Lehrjahren“ an öffentlichen Schulen kann ich dies nur bestätigen. Für die Beurteilung eines Kollegen braucht es keine offizielle Lehrprobe, die Äußerungen und Kommentare von den betroffenen Schülern auf dem Pausenhof oder den Klassenfluren geben hinreichend Aufschluss.Gewinn ihre Herzen, und du kannst mit ihnen tanzen sagt Stavros Louca, der Mathematiklehrer und Teilnehmer am schwedischen Experiment und bringt es auf den Punkt. Ein guter Lehrer gewinnt das Vertrauen seiner Schüler, er ist offen für ihre ganz individuellen Befindlichkeiten, er hat Verständnis für ihre Schwächen, ist gerecht und hat Humor..eine Stunde in der nicht gelacht wird, ist misslungen, er ist eine starke Persönlichkeit und überzeugt (auch) durch ein fundiertes Fachwissen.Dies sind Eigenschaften, die sich natürlich durch kein Hochschulstudium vermitteln lassen. Auch Prechts Vorschläge zur Lehrerfortbildung erscheinen mir wenig hilfreich. Er schlägt eine eigenverantwortliche Weiterbildung von Lehrern etwa in Form eines Sabbaticals vor. So könnten Lehrer alle 4 Jahre für 6 Monate freigestellt werden für ein privates Forschungsvorhaben z.B. nach Australien zu gehen, um mehr über das Leben der Aborigines zu erfahren…ein halbes Jahr an einem Buch über ein eigenes Interessengebiet arbeiten..Schön für die interessierten Kollegen, doch sind dies geeignete Schritte hin zu einem guten Lehrer? Auch das vorgeschlagene Coaching in Supervision und Selbsterfahrungsgruppen dürfte das Problem nicht lösen. Richtig dagegen halte ich den Vorschlag, angehende Lehrer viel stärker und viel früher in der Ausbildung als bisher mit der Praxis des Unterrichtens vertraut zu machen. Zur Beurteilung der Lehrbefähigung sollten auch Schüler und Eltern herangezogen werden..Erstaunlich allerdings, dass in der Liste der von Precht angeführten Reformern und propagierten Schulen die eigentlichen Bahnbrecher für selbstbestimmtes, individuelles, freies Lernen an demokratischen Schulen fehlen: A.S. Neill mit seiner Summerhill School in England, die Sudbury School in Massachusetts und nicht zuletzt die sog. Freien Schulen in Deutschland, z.B. die Freie Leipziger Schule, die Freie Aktive Schule Stuttgart.Die Konzepte dieser Schulen enthalten so gut wie alle Inhalte, die Precht am Schluss des Buches in seinem Forderungskatalog aufführt.Richard David Precht hat keine einzige wirklich neue Idee entwickelt, nicht nur die im Buch angeführten Didaktiken und Methoden existieren bereits, es sind auch all seine Forderungen bereits mit Erfolg in die Praxis umgesetzt worden. Neu ist allerdings die Forderung nach der landesweiten flächendeckenden Einführung eines solchen alternativen Bildungssystems. Die Umsetzung käme nun wirklich einer Revolution gleich bei unserem Modell des Kulturförderalismus, den vielen Kompetenzen und Interessengruppen, bei der unterschiedlichen ideologischen Ausrichtung der Gesellschaft, den zu erwartenden politischen Machtkämpfen. Dennoch, dieses Buch ist wichtig, denn hundertausendfach gelesen, in Talkshows, auf Elternabenden, in pädagogischen Seminaren diskutiert, über die sozialen Netzwerke verbreitet, besteht die Hoffnung auf eine wenn auch nicht revolutionäre so doch nachhaltige Reformierung unseres Bildungssystems.(Ausführliche Rezension in dem Magazin DER OBSIDIAN, Zeitschrift für Kunst und Literatur,[...])