Richard David Precht wird von vielen als Philosoph akzeptiert, ist im Grunde aber ein glänzender Rhetoriker, der intelligent und prägnant die verschiedenen Aspekte, die das Feuilleton in jüngerer Zeit erregt haben, auf den Punkt bringt, insofern wäre er in heutiger Terminologie eher als Querdenker denn als Philosoph zu bezeichnen.Das Buch von Precht ist ein Bestseller und erreichte den Platz 1 der Spiegelbestseller-Liste und ich kann den Kauf des Buches einem breiten Publikum nur empfehlen.Den gedanklichen Ausgangspunkt von Precht könnte man vielleichts so charakterisieren, dass der einzelne Mensch und die Menschheit Gefahr laufen, Biologie und Ökologie nicht mehr zu sehen, wenn sie in immer digitaleren Welten leben werden. Precht stellt die Frage, ob wir Verantwortung für uns und "die anderen Tiere auf unserem Planeten (Zitat) " verspüren.Precht weist darauf hin, dass die Industrienationen im globalen Wettbewerb Gewinner bleiben möchten und so den Abstand zu den armen Ländern vergrößern. Die Folge seien Migrationsströme ungekannten Ausmaßes. Heute würden Menschen den Kapitalströmen und nicht mehr ihren Viehherden folgen. Precht behauptet nun, dass man den Migranten nichts anbieten könne, weil die Automation die meisten Arbeitsplätze vernichten würde.Prechts glaubt schlussfolgern zu können, dass der Wandel der klassischen Arbeits- und Leistungsgesellschaft in eine Welt aus Automation und selbstbestimmter Tätigkeit einen grundlegenden Umbau des Sozialsystems und die Schaffung eines bedingungslosen Grundeinkommens von mindestens 1500 Euro erfordern würde, finanziert durch Mikrosteuern (die so genannte Tobin-Steuer auf Finanztransaktionen). Des Weiteren fordert er eine Abwehr demokratisch nicht legitimierter Internet-Giganten durch staatliche Förderung von Suchmaschinen, E-Mail-Verkehr und die Förderung von Sprachassistenten und sozialen Netzwerken ohne kommerzielle Interessen, eine weitreichende Kontrolle von Geschäftsmodellen der künstlichen Intelligenz und ihre Reglementierung unter Einbezug der Bürger sowie die Förderung innovativer Ideen für die zukünftige Gestaltung des Zusammenlebens, sozialer Start-Ups, von Kooperationen, Sharing-Economy-Modellen und Ideen zur Nachhaltigkeit und zur Gemeinwohlökonomie, eine ernsthafte Verpflichtung zur Nachhaltigkeit und zur Schonung der natürlichen Ressourcen auch und gerade angesichts digitaler Innovationen.Die Aufgabe der Politik für das Jahr 2018 und darüber hinaus sei klar umrissen. Sie müsse ihre Selbstverzwergung überwinden, aus ihrem »pragmatischen Schlummer« (dies ist wohl als Spitze gegen den libertären Pragmatismus gedacht) erwachen und die Dinge wieder unter Kontrolle kriegen, die sie hat schleifen lassen. Dagegen setzt Precht das freiheitliche Menschenbild der Aufklärung, welches die informationelle Selbstbestimmung der Bürger schütze. Gegen die Unternehmen des Silicon Valley sollten wir uns wehren.Natürlich will Precht den Kapitalismus nicht abschaffen, dies käme auch in Kenntnis der Misserfolge der real existierenden Sozialismen beim Publikum nicht so gut an. Angepriesen wird eine Art sozialer Marktwirtschaft, wobei daran erinnert wird, dass Otto von Bismarck mit seiner Sozialgesetzgebung die Nachtseite der ersten industriellen Revolution aufgehellt und den Manchester-Kapitalismus etwas "entübelt" habe.Da viele Menschen in Zukunft nur noch als Konsumenten gebraucht würden, zitiert Precht aus dem Bestseller des israelischen Historikers Yuval Noah Harari Homo Deus, der glaubt, dass sich vor diesem Hintergrund das freiheitliche Menschenbild der Aufklärung künftig auch dann durchsetzen könne, wenn man sich nicht – wie in der Vergangenheit – im Gefolge aufklärerischer Ideen sowohl militärischen als auch ökonomischen Profit versprechen konnte.Precht sieht für die Zukunft die Möglichkeit einer Gesellschaft freier, selbstbestimmter Menschen, die sich an den vielen kleinen Dingen des Lebens erfreuen und ihnen Sinn abgewinnen; egal ob sie als Jäger nach neuen, ungekannten Erlebnissen suchen, sich als Hirten um ihre Angehörigen, Freunde und die Hilfsbedürftigen kümmern oder als Kritiker die Gesellschaft überdenken und weiterdenken. Ganz gleich, ob man seinen Garten bestellt, ein Großprojekt managt, seine Mitmenschen ermuntert und aufheitert, sich um ihre Psyche oder ihren Körper kümmert – das Leben bietet mehr Würde, mehr Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten, als es das heute tut. Gelebt von verantwortungsvollen Menschen, die ihre echten Bedürfnisse von eingeredetem Bedarf unterscheiden können.In einer humanen Gesellschaft der Zukunft würden viele Bereiche durch digitale Technik verbessert, allen voran der effektivere Umgang mit Energie und anderen natürlichen Ressourcen. Auch Staat und Kommunen müssten smarter werden und sich den Bedürfnissen der Bürger besser anpassen. Austausch und Bürgerbeteiligung würden ermöglichen, dass in der Zukunft die Menschen sich mehr in ihr Lebensumfeld einbringen und dies mitgestalten.Am Horizont erscheint die Idee der smarten Stadt. Die Vernetzung aller Menschen und Dinge soll die Wirtschaft effektiver machen und tausend neue Geschäftsideen aus dem Boden sprießen lassen. Alles, was ich tue, und alles, was ich weiß, hinterlässt Daten, die dabei helfen, meine Stadt zu »optimieren«. Die ganze Stadt wird damit zu einem fortwährend lernenden System, in dem kein Müllauto einen unnötigen Weg fährt, keine Bücherei Bücher hat, die nicht ausgeliehen werden, kein Kaufhaus sich bei der Zahl seiner Kunden verkalkuliert, keine Energie zu keinem Zeitpunkt unnötig vergeudet wird. Für global operierende Firmen ist das in Zukunft ein ganz großes Geschäft. Ob IBM, Cisco Systems, Siemens oder Vattenfall – wenn Städte zu Smart Citys werden wollen, können sie sich von einer dieser Firmen über viele Jahre hinweg ausrüsten und betreuen lassen. Voraussetzung für eine Entwicklung von Smart Citys sei jedoch, dass die Menschen selbst in ihren jeweiligen Stadtquartieren über die Gestaltung der technischen Infrastruktur entscheiden können.Für interessierte Leser könnten sich jedoch die folgenden Anmerkungen anschließen:1) Ist Prechts Schlussfolgerung, dass ein großer Teil der bisherigen Arbeitsplätze durch Automation, Robotik und künstliche Intelligenz vernichtet werden und nur wenige neue Arbeitsplätze entstünden korrekt?2) Ist die menschliche Natur tatsächlich so, dass bei Gewährung eines ausreichenden allgemeinen Grundeinkommens Kreativität und die Entwicklung schöpferischer Ideen auch ohne finanzielle Vorteile in der notwendigen Innovationskraft entstünden?3) Dass Precht so sehr auf Jägern und Hirten als gegebenes Wesen des Homo sapiens rekurriert, mag daran liegen, dass er moderne molekulargenetische Erkenntnisse, dass nämlich evolutionäre Veränderungen des Phänotyps sehr schnell stattfinden können,noch nicht wirklich akzeptiert hat.4) Obwohl ich gerne zugebe, von Ökonomie nichts zu verstehen (dies wird auch bei Herrn Precht nicht anders sein), beschleicht mich doch ein ungutes Gefühl, wenn sich eines der größten gesellschaftlichen Probleme der modernen Welt, nämlich der Finanzbedarf für ein relativ hohes bedingungsloses Grundeinkommen, über einen minimalen Eingriff in ein komplexes Finanzsystem (nämlich die Einführung einer Tobin-Steuer auf Kapitaltransfers) wegzaubern ließe.4) Worauf gründet sich die von Precht vertretene Annahme, eine Verantwortung für dies und jenes zu haben (für die Welt, die Tiere, künftige Generationen), wenn er nicht die Glücksoptimierung des angelsächsischen Pragmatismus zugrundelegt? Gibt es jenseits der Religion eine Alternative? In der klassischen Philosophie wird zumindest um Antworten gerungen (Wittgenstein II, Heidegger, Markus Gabriel, Neomarxisten, deutscher Idealismus oder auch Markus Gabriel: warum es die Welt nicht gibt).Fazit: Ein umfassendes, gut formuliertes Buch aus der Gedankenwelt von Grün mit ein bisschen Rot, welches – wie könnte es anders sein – auch Fragen aufwirft.