Gustav Mahler war seiner Zeit ein Popstar. Komponist, Dirigent, Operndirektor mit weltweiter Bedeutung. Ehe ich das Buch las, fragte ich mich, ausgehend von seinem Lebensverlauf, dem Wissen, dass seine Eltern verstorben, ehe er 30 Jahre alt war, er seit der Kindheit kränklich war, seine erstgeborene Tochter mit vier Jahren verstarb, die Liebe übergroß zu Alma, seiner Ehefrau, welche Lebenserfahrungen kratzen sich nachhaltig in Mahler ein, was drängt sich in Leben und Werk auf. Besonders fiel mir das 1901 komponierte Adagietto der Symp No 5 auf, das zwischen den übrigen Sätzen mit seinem sanften Liebreiz, dem wellenartigen Repetitiv, der grossen dramatisch tragischen Steigerung und dem erneuten Anheben der Zärtlichen Rührung völlig anders ist und hervorsticht. Ist dies nicht ein Pars pro Toto, dieses Schwanken zwischen überbordendem Liebesgefühl, zur Natur, zur Ehefrau, zum Leben und dem Wissen darum, alles an den Tod zu verlieren. Mahler komponierte zwischen 1901 und 1904 bereits Kindertotenlieder, war er also melancholisch veranlagt? -- Dem Schauspieler, Schriftsteller und Drehbuchautoren Seethaler liegt das Thema Vergänglichkeit, er widmete sich bereits in Ein ganzes Leben und Das Feld diesem Sujet. Hier nun gelingt ihm ein phänomenaler hochkonzentrierter Aufriss, beschreibt er in gekonnt einfliessenden Rückblenden auf engstem Raum Gustav Mahlers Lebensreise und pointiert in kulminierenden Szenen das für ihn Wesentliche. Es leuchtet in diesen Schlaglichtern das Allermeiste eindrucksvoll auf. Der Verlust der Gesundheit, das Abhandenkommen der Liebe, das Komponieren, das sich zu Todehetzen eines eigentlich einsamen, ja entrückten Ausnahmemusikers, vielleicht auch hier und da angeekelten Menschen, der zwischen Weltsucht und Weltflucht zu balancieren sucht, der getrieben scheint, dem letztlich verborgen bleibt, dass er in seinem Schaffensdrang und Erfolgsstreben das verliert, was ihm am wichtigsten ist und was eigentlich, so Seethalers Angebot, das Leben lebenswert macht. Denn der Schiffsjunge sagt über den Verstorbenen, er habe ihn ein bisschen gekannt. Es bleiben seine Werke. --- so gelungen Seethalers Roman auch ist, er ist für mich zwanzig Seiten zu kurz. Denn Seethaler führt den Tod der so geliebten Tochter, die mit vier verstarb, nur sehr kurz aus. Gern hätte man mehr über die besondere Beziehung zwischen beiden gelesen, welche Biographien dokumentieren. Schließlich wurde der 50jährige beim Grab seiner Tochter beigesetzt.Dennoch hat Seethaler sich eine äußerst schwere Aufgabe gestellt und sie von Marginalien großartig gelöst. Ein Lesevergügen, das zwar wieder der Naturmystik huldigt und damit nah am Kitsch mäandert, aber dafür die Innerlichkeit in allergrößter Knappheit eindringlich zu skizzieren weiss. Einfach und leuchtend zugleich.
SEETHALER, Robert: „Der letzte Satz“, München 2020Seethaler stellt den Musiker und Komponisten Gustav Mahler am Ende seines Lebens dar. Es beginnt mit einer Schifffahrt über den Atlantik, bei der über verschiedene Dinge nachdenkt. So erfährt man als Leser, dass Mahler beim Komponieren Anleihen bei Vogelstimmen nahm. Vögel, die er gar nicht kannte und ihnen eigene Namen gab. „Er nannte sie Einsinger, Schwarzhäubchen oder Wilde Dirn.“ (Seite 17)Schöne Gedanken kamen auf, wie etwa sein Bezug zur Tochter und Ehefrau Alma, wenn es heißt „Aber ich habe Glück. Dort draußen läuft ein Glück im Gras herum, und hier drinnen sitzt ein anderes mit mir am Tisch. Ich habe alles, was ich mir wünsche. Ich bin ein glücklicher Mann.“ (Seite 19) Er liebte seine Alma, wusste aber nicht, wie es mit ihr aussah. „Sie ist mein Glück. Ich weiß nicht, ob ich sie verdient habe. Du kannst dir die Liebe nicht verdienen.“ (Seite 55) Alma war wesentlich jünger. Er lernte sie bei einem Wiener Gesellschaftsabend kennen. Vier Monate später heirateten sie in der Karlskirche. Nur sieben Personen waren anwesend. Ganz so glücklich war dieses Leben dann doch nicht. Seine Frau verliebte sich in einen Baumeister. Es kam zu Auseinandersetzungen. Mahler litt sehr darunter. Alma blieb aber bei ihm. Nun, für die Ehe blieb bei ihm, dem Workoholiker wenig Zeit. In seiner ersten Saison nach der Hochzeit leitete er 54 Aufführungen und an die hundert Proben. Daneben noch die Administration der Wiener Oper. 1907 demissionierte er in Wien und übersiedelte mit Familie nach New York um für die Metropolitan Opera zu arbeiten. In seiner Verzweiflung, die von ihm geliebte Frau zu verlieren, fuhr er nach Holland um Prof. Sigmund Freud zu treffen. Aber auch der konnte ihm nicht helfen. Nach einem vierstündigen Gespräch attestierte der Arzt Freud „An ihrer Persönlichkeit wurde vielleicht ein bisschen gerüttelt. Ansonsten sind sie putzmunter und vor allem kein kleines Kind mehr.“ (Seite 100)Mit auf der Schiffsreise neben seiner Frau Alma auch die Tochter Anna. Die ältere Tochter war früh gestorben. Auch daran dachte er bei dieser, seiner letzten Überfahrt über den Atlantik. Bei den vielen Fahrten über das Meer nützte er die Zeit, um sich für die bevorstehenden Konzerte vorzubereiten.Seine Frau ließ eine Büste von Rodin in Paris anfertigen. Mahler wollte das nicht und ließ es widerwillig über sich ergehen. Rodin drückte ihm zum Abschied die Hand. Sie erschien Mahler „so hart und trocken, als wäre sie selbst aus Stein gehauen.“ (Seite 40)Mahler plagten verschiedenste Schmerzen, die aber beim Dirigieren verschwunden waren. Zur Musik fand er schon als Kind, als man ihm Holzklötze auf die Klavierpedal schraubte, damit er sie beim Spielen erreichte. Ein Jahr vor seinem Tod dann die Uraufführung der 8. Symphonie in München. Dazu hatte man eine eigene Halle für 4000 Besucher gebaut. Diese Symphonie sollte das Größte werden. Seine Agentur nannte es „die Symphonie der Tausend“. Das Orchester umfasste 180 Musiker, dazu ein Chor mit 500 Sängern und ein Kinderchor mit 350. Eine Münchner Tageszeitung schrieb „Das Werk grenzt nicht nur an Größenwahn. Es will ihn auch übersteigen.“Er setzt sich gedanklich zunehmend mit dem Tod auseinander. Dämonen erschienen ihm. „Ich hätte noch so viel mehr komponieren können. Es fühlt sich an, als hätte ich gerade erst angefangen, dabei ist es schon wieder zu Ende. So ist es also mit dem Sterben, dachte er. Stillhalten und warten.“ (Seite 30)Viele Erinnerungen kamen ihm beim Aufenthalt an Deck. Er hatte Fieber. Brach dann auch zusammen und wurde vom Schiffspersonal in die Kabine gebracht. Der Schiffsjunge, der ihn immer bediente tritt im letzten Kapitel des Buches wieder auf. Er arbeitete dann im Hafen als Arbeiter. Beim Besuch einer Gastwirtschaft stößt er auf eine Zeitung, die das Bild Mahlers trägt. Er kann nicht Englisch und bittet den Wirten ihm vorzulesen, worum es geht. Der Wirt berichtet: Mahler war gestorben. „Das Begräbnis fand am zweiundzwanzigsten Mai statt. Es war eine ganze Menge Leute da. Viele Berühmtheiten. Seine Frau war nicht dabei.“ (Seite 124)Robert Seethaler beschreibt die letzten Monate des Künstlers, lässt diesen aber in seine eigene Lebensgeschichte zurückblicken und gibt so dem Leser Einblick von der Kindheit bis zum Tod, wobei der Tod selbst erst durch den Schiffsjungen, der ihn auf der letzten Atlantikquerung betreute, ausgesprochen wird. Das Buch ist keine Biografie. Dazu wäre es zu lückenhaft. Es ist ein Roman, der sich auf ein Zeitfenster beschränkt.