„Vielleicht würden Faschismus und Kommunismus eines Tages nur noch Wörter in Lehrbüchern sein. Und falls seine Musik dann noch Wert hätte – falls es noch Ohren gäbe zu hören –, würde sie … einfach nur Musik sein.“ So der „fromme“ Wunsch des alternden und mit sich selbst und seinem Leben unzufriedenen Komponisten Dmitri Schostakowitsch.Warum Schostakowitsch sein Lebenswerk auf diesen schlichten Wunsch reduziert sah, wird hier (in der „Übersetzung“ von Julian Barnes) „von ihm selbst“ erzählt. Und dies in einer bemerkenswerten Vielschichtigkeit und zugleich sachlichen wie emotionalen Interpretation, die dem Leser dennoch die Möglichkeit lässt, sich, je nach individuellem Kenntnisstand und eigenem Erfahrungshorizont, in die Geschichte einzubringen. Das Buch ist eine Einladung an all jene, die mit spitzem Bleistift darauf warten, beachtenswerte Dinge zu unterstreichen und mit eigenen Anmerkungen zu „vervollständigen“. In dieser Hinsicht gibt es viel zu tun.Es ist nicht nur die Lebensgeschichte dieses „zerrissenen“ Russen, die diesen Roman lesenswert machen, es sind auch die Gedanken zu den Möglichkeitsräumen eines jeden Menschen, den Zufällen des Lebens und den machtvollen Außeneinflüssen, denen wir alle unterliegen. Aber entscheiden müssen wir uns selbst, auch wenn, wie hier so drastisch geschildert wird, ein Regime oder die Partei einen gewissen Tribut fordert.Diese Entwicklung wird auf unterschiedlichen Ebenen dargestellt, auch formal sichtbar an der Dreigliederung des Buches. Da ist zunächst (1936) der gerade in den musikalischen Startlöchern sitzende Schostakowitsch, der aufgrund eines gesenkten Daumens von Stalin jede Nacht damit rechnen muss, von seinen Schergen abgeholt zu werden. Um der Familie diese Schmach zu ersparen, wartet er mit gepacktem Köfferchen vor dem Fahrstuhl seiner Wohnung. Er scheint zum Abschuss freigegeben zu sein. Hier beginnt ein Wechselspiel von gegenseitiger Beobachtung, Bewertung und möglicherweise Verurteilung, die das Leben in die eine oder andere Richtung lenken. Dazu die täglichen Einflüsse, denen das Leben unterliegt und von emotionalen Befindlichkeiten gesteuert wird (geht der Blick eher zurück oder eher nach vorne, oder, salopp ausgedrückt, mit welchem Fuß bin ich heute Morgen aufgestanden?). Eine Entscheidung, die heute so ausfällt, wäre möglicherweise an einem anderen Tag ganz anders ausgefallen: „Hier ging es nicht um einen Verriss, der von einem Kritiker unterzeichnet war, dessen Meinung sich je nach Wochentag oder Verdauungszustand ändern konnte.“ Und hier beginnt die eigentliche Dramatik, der Zustand, in denen der Überlebenswille nach vorne prescht: „Dies war ein Leitartikel der Prawda, kein flüchtiges Urteil, gegen das man Einspruch erheben konnte, sondern eine Grundsatzerklärung von höchster Stelle.“ Und Schostakowitsch entscheidet sich: Er entschuldigt sich öffentlich, macht sich passend. Damit bekommen alle weiteren Schritte eine bestimmte Richtung. Zwar ist das Resultat schließlich ein eigener Chauffeur und eine Datscha, doch auch die Verzweiflung, dass man sich zum Mittel der Macht hat machen lassen.Es ist ein Roadtrip durch die politischen Machenschaften der Stalin- und Nach-Stalinzeit, eine Reise, in der die Musik als Geheimsprache gegen Tyrannei und Terror fungiert und damit auch zur Gefahr für das herrschende Regime, dass sich in einer Hassspirale gegenüber der Kunst (Musik-Dichtung-Theater) in Stellung gebracht hat. Gewollt ist nur das, was dem Machterhalt dient. Und die „Macht“ bestimmt das Leben, wird hier in drei „Gesprächen mit der Macht“ in ihrer Entwicklung dargestellt. Wer sie übersteht, hat sich verbiegen müssen, hat zwar das Leben gewonnen, aber Verrat an der Sache begangen – und das belastet lebenslang und führt zu Überlegungen, die ins Mark treffen.
Inhalt:Von der Liebe zur Musik und den Zwängen der MachtDer sowjetische Starkomponist Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch gehört zu den renommiertesten Komponisten seines Landes, als Stalin eines Abends der Aufführung einer seiner Opern beiwohnt und schon in der Pause den Saal verlässt. Schostakowitsch wartet ab diesem Abend Nacht für Nacht angezogen, auf seinen gepackten Koffern sitzend neben dem Aufzug seiner Wohnung, dass er verhaftet wird. Doch niemand kommt. Stattdessen feiert er Erfolge mit seiner Fünften Symphonie und wird wieder Liebling der Massen. Aber nun muss er sich ungewollter Privilegien erwehren, die mit der Vereinnahmung durch die Partei einhergehen. Es geht nun nicht mehr um Leben und Tod, sondern um künstlerische und moralische Integrität. Und diese ist nicht weniger substanziell für den Komponisten.Fazit:Dieses Buch ist keine leichte Kost, denn die wenigsten Leser, dürften in ihrem Leben solch eine Situation erlebt haben. Und so braucht man etwas, bis man in der Geschichte drin ist. Sie ist eine Mischung aus Biographie, historischem Roman und Erzählung.Die Angst und die Unterdrückung sind spürbar und je weiter die Geschichte voran schreitet, um so beklemmender und greifbarer ist die Zeit.Sprünge in der Erzählung und Zeit wie auch die vielen Russischen Namen machen es nicht leicht, in den „Lärm der Zeit“ hinein zu kommen und bei der Lektüre zu bleiben.Die Charaktere sind gut beschrieben, und sie wirken authentisch. Man versteht mit Fortschreiten der Geschichte immer mehr ihre Ängste und Nöte, wie auch die Handlungen, die sich daraus ergeben.Und für mich als Leser bleibt am Ende die Frage:Was würde ich tun?Würde ich für meine Kunst um meine Werke kämpfen?Oder würde ich mich der Diktatur ergeben?Das Hörbuch wird gesprochen von Frank Arnold, der perfekt zu dieser düsteren, schweren Geschichte passt.Von mir gibt es 3,5 aufgerundet 4 STERNE.