"Hör zu, Bea, was das Wichtigste ist und das Schlimmste, am schwierigsten zu verstehen und, wenn du’s trotzdem irgendwie schaffst, zugleich das Wertvollste: dass es keine Eindeutigkeit gibt. Das muss ich hier zu Anfang, schon mal loswerden - weil ich es immer wieder vergesse. Und vermutlich vergesse ich es deshalb, weil meine Sehnsucht nach Eindeutigkeit so groß ist und die Einsicht, dass es keine gibt, mich so schmerzt. Aber gleichzeitig ist sie auch tröstlich."So beginnt Anke Stelling ihren Roman und fasst ihn damit bereits in einem Absatz zusammen. Ein Roman über die Klassenfrage? Bestimmt, aber nicht nur. Eindeutige Aussagen lassen sich über "Schäfchen im Trockenen" jedenfalls nur schwer treffen, was vielleicht auch die widersprüchlichen Bewertungen erklärt.Einerseits ist Resi selbst an der Misere schuld, in der sie steckt, was sie irgendwie auch zugibt, schließlich hat sie ja vier Kinder in die Welt gesetzt, ohne es sich leisten zu können, einen brotlosen Beruf ergriffen, einen Mann geheiratet, der ebenfalls Künstler ist und schließlich ist sie ja nicht zu den Freunden eingezogen, als diese es ihr anboten. Andererseits aber wieder nicht. Die Schuld lässt sich nur schwer zuweisen: Ist Resi selbst schuld? Die Gesellschaft, die immer noch nicht für Gerechtigkeit sorgt? Die Freunde, die ihr die Wohnung gekündigt haben? Ihre Mutter, die sie nicht aufgeklärt, sondern in dem naiven Glauben an Klassengerechtigkeit gelassen hat?Je mehr die Geschichte in ihren Vor- und Rückblicken voranschreitet und je mehr Resi durchs Erzählen Klarheit zu stiften versucht (oder versucht sie es?), desto unklarer wird es. Ist Resi vielleicht wirklich Borderline, wie es ihr von einem ihrer Freunde bescheinigt wird? Hat sie wirklich vier Kinder oder hat sie diese nur erfunden? Welche Geschichte stimmt? Die, die sie dem Leser erzählt oder die, die sie nach der Verleihung des Buchpreises preisgibt (ein Buchpreis in einem mit einem Buchpreis gekrönten Buch. Verwirrend das.)? Küsst sie Ulf, ihren Ex-Freund, der sie mit 20 abgesägt hat, wirklich? Oder ist das nur eine weitere Fantasie, eine von vielen, in denen sich die Erzählung am Ende verliert?Was zunächst wirr erscheint, hat Methode; Resis Zukunft ist so verschwommen und ungewiss wie der Erzählstrang.Und so kommt eine Geschichte zustande, die auf Schuldzuweisungen verzichtet, gleichzeitig aber auch nicht. Durch die unzuverlässige Erzählerin bleibt es dem Leser überlassen, sich Gedanken zu machen, sein eigenes Urteil zu fällen. Ein wütendes Buch? Durchaus. Ein komisches Buch? Auch das. Aber vor allem ein Buch, dem es trotz bzw. gerade durch die einseitige Perspektive gelingt, sämtliche Eindeutigkeiten zu vermeiden.
Ich komme aus einem ähnlichen Milieu wie die Protagonistin (und womöglich auch die Autorin) und sehe mich auch mit der Realität konfrontiert, dass viele Menschen um mich herum aus einem finanziell besserem "Stall" kommen und sich daraus ein anderes Leben ergibt. In dem Umfeld von Großstadt, Kultur, Kunst etc. fällt es leicht, diese Unterschiede eine Weile zu ignorieren, aber irgendwann holen einen die eigenen Entscheidungen ein. Über den genauen Inhalt des Buches liest man in vielen anderen Rezensionen hier. Vielleicht weil mir diese Welt so vertraut ist, finde ich die Entscheidungen und das Verhalten von der Protagonistin Rosi sehr ärgerlich und auf nervige Weise typisch. Typisch für jemanden, der/die irgendwie glaubt, dass es schon so passen wird, der sich immer nur nach oben orientiert und macht, worauf er/sie Lust hat und dann ganz plötzlich von der Realität überrascht wird, dass alles was man macht Konsequenzen hat.Vielleicht kenne ich einfach auch im echten Leben zu viele Rosis, die sich selber Leid tun und ihr eigenes Versagen bzw. ihre eigenen Entscheidungen ausblenden, um sich auf generelle gesellschaftliche Ungerechtigkeiten zu fokussieren (die natürlich existieren), um dem Buch mehr abzugewinnen.