Ein sehr schöner Roman, der es schafft auch sehr schwierige Themen wie Ausgrenzung, Verlust, Vergewaltigung und Selbstmord gekonnt unter einen Hut zu bringen.
Das Buch ist für mich das zweite von diesem fantasievollen Autor - und es hat mich gleich gefesselt. Es geht um einen Mittdreißiger, Tsukuru Tazaki, der ein recht eintöniges Leben führt, seit er 16 Jahre zuvor von seinen Freunden verstoßen wurde. Diese vier Freunde hatten alle eine Farbe im Namen, wodurch er sich stets ein klein wenig als Außenseiter fühlte. Tatsächlich wird Tsukuru als eine etwas farblos-langweilige Person beschrieben, die sich für Bahnhöfe begeistert, sonst aber wenige Interessen hat und zurückgezogen lebt. Nur einmal hat er sich bisher für etwas richtig angestrengt (die Aufnahmeprüfung an der Technischen Hochschule).Er verliebt sich in eine Frau, Sara, die merkt, dass er eine unverarbeitete Vergangenheit hat und ihn auffordert, dem Vorfall damals nachzugehen. So macht er sich auf die Suche nach den Freunden von damals und stellt fest, wie wichtig er für die anderen war und dass er nicht als Außenseiter gesehen wurde, sondern als festes Mitglied der Runde. Das hebt sein Selbstwertgefühlt und am Ende des Buches kämpft er endlich wieder für etwas. Tsukuru ist eher ein Anti-Held als ein Held, wird aber sympathisch beschrieben und ich konnte mich in ihn hineinfühlen. Wer zweifelt nicht manchmal an sich selbst?Die "Pilgerjahre" im Titel deuten zum einen auf Tsukurus Vergangenheitsbewältigung an, aber auch auf die "Pélérinages" von Liszt, insbesondere ein Stück daraus, das immer wieder vorkommt. Nicht alle Nebenhandlungen lösen sich auf (was wird aus Haida?), aber vielleicht führt genau das dazu, dass man auch nach Ende der Lektüre noch über den Roman nachdenkt.
Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki ist auf der einen Seite ein typischer Roman von Haruki Murakami, mit den meisten Elementen, die sich durch das Werk des Autors ziehen, auf der anderen Seite ist er mit 323 Seiten ein eher duennes Buch, vor allem im Vergleich mit dem unmittelbar vorher in zwei Buechern (drei Teile) erschienenen Mammutwerk 1Q84, mit 1021 bzw. 578 Seiten. Vielleicht benoetigte Haruki Murakami ein deutlich schmaleres Werk nach seinem grossen Erfolg und Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki enttaeuschen sicher nicht.Es kommen also der maennliche, ledige Hauptakteur vor, Tsukuru Tazaki, auf der Suche nach seinem Platz im Leben, verloren, aber unabhaengig, desillusioniert, aber zielstrebig im Beruf, und auch auf der Suche nach der Frau in seinem Leben.Tsukuru Tazaki wurde in Nagoya geboren und zog zum Studium nach Tokio, wo er nach Verlassen der Universitaet eine Stelle als Architekt bei einer Eisenbahngesellschaft angenommen hat und Bahnhoefe baut. Die Rolle des Zugezogenen ist eine Parallele zum Autor, der in Kyoto geboren wurde und dann in Tokio lebte.In Nagoya gehoerte Tsukuru Tazaki zu einem sehr engen Kreis von fuenf Freunden, ausser ihm zwei Maedchen und zwei Jungen, die ueber wenige Jahre sehr viel Zeit miteinander verbracht haben, ohne dass sich dabei ein Paar gebildet haette. Diese Fuenferbande wird nach dem ersten Studienjahr Tsukuru Tazakis schmerzvoll auseinander gerissen, dieses Trauma hat sein Leben massgeblich bestimmt und ist auch das Kernthema des Buchs. Die im Titel beschriebene Pilgerreise, man wuerde sehr gerne wissen, wie genau die deutsche Uebersetzung hier ist, bei den deutschen Film- und Buchtiteln ist vom englischen Originaltitel oft nichts mehr uebrig, ich werde japanische Freunde bei Gelegenheit fragen, ist eine Suche und Reise nach den Ursachen der Trennung von den fuenf Freunden.Es kommen auch wieder sehr interessante Frauenfiguren vor, etwas, das Haruki Murakami versteht und kann wie wenige andere Autoren, der mit der starken Aomame in 1Q84 nichts weniger als eine der herausragenden Frauenfiguren der modernen Literaturgeschichte geschaffen hat; es ist mir schleierhaft wieso Haruki Murakami hierfuer nicht ausdruecklicher gelobt wird. Dass sich Das Literarische Quartett ueber einen seiner vergleichsweise weniger wichtigen Romane verstritten hat, war voellig unnoetig und sollte den Blick auf sein Werk nicht verstellen.Es begegenen uns Shiru, die sensible, schoene, am Klavier Liszt spielende, aber irgendwie unglueckliche, Eri, ihre beste Freundin und Stuetze, aber in deren Schatten bleibende und Sara, die zwei Jahre aeltere, kluge Freundin von Tsukuru Tazaki, gerade kennengelernt und noch nicht fest an ihn gebunden.Shiru und Eri bilden den weiblichen Teil der Fuenfergruppe in Nagoya, waehrend Ako und Ao mit Tsukuru Tazaki den maennlichen Teil bilden.Ako und Ao bleiben in der Nebendarstellerrolle und die Handlung laeuft bis zum Ende ueberwiegend ueber die Frauenfiguren ab.Ueberraschenderweise spielt ein Teil des Buches ausserhalb Japans, es ist eben eine Pilgerreise, was man bei Haruki Murakami durchaus anmerken sollte.Wer nach Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki Lust auf mehr Haruki Murakami hat kann sich dem Durchbruchsroman Norwegian Wood (deutsch: Naokos Laecheln) widmen, der englische Titel hat tatsaechlich etwas mit der Handlung zu tun, der deutsche dagegen nicht, dann dem Schluesselroman The Wind-up Bird Cronicle (deutsch: Mr Aufziehvogel) und schliesslich dem komplexen Grosswerk 1Q84.