"Im Frühling" ist der dritte Teil der Jahreszeiten-Reihe von Knausgard.Frühling unterscheidet sich deutlich von den beiden Vorgängern Herbst und Winter. Waren die beiden Vorgänger eher eine lose Sammlung von kurzen Texten mit jeweils verschiedensten Alltagsbetrachtungen (die nicht alle etwas mit den jeweiligen Jahreszeiten zu tun hatten) so ist Frühling eine Rückkehr zu den bekannten Qualitäten und Stärken der furiosen Kampf-Reihe.Frühling beginnt mit direkter "Du"-Ansprache seines vierten Kindes, seiner dreimonatigen Tochter, an einem Apriltag um kurz nach 5:30 Uhr mit dem Aufstehen. Knausgard schildert dabei aber nicht nur den Tagesablauf einer Familie, sondern vielmehr beginnt er von diesen alltäglichen Situationen ausgehend, frei zu assoziieren: Was ist Persönlichkeit? Was ist Liebe?Dabei schreibt er aber nicht beliebig über irgendetwas, sondern die gedanklichen Ausflüge haben ihren Ursprung im banalen Alltag und führen immer wieder zurück in den Frühlingstag.Der Frühlings-Alltag im April ist somit das Gerüst, der Rahmen, von dem er äußerst bereichernd und produktiv abschweift und zu dem er immer wieder zurückkehrt und in dem das Wunder und auch der Kampf des Lebens in ihren banalen und existentiellen Erscheinungsformen nebeneinander bestehen können.Wir lesen von seinen Zweifeln an seiner Eignung als erziehender Vater und an sich selbst, von Sorgen als Eltern um die Kinder, von wunderbaren Landschaftsbeschreibungen und schönen und schlechten Kindheitserinnerungen und Reflektionen über Leben und Sein.Überhaupt kann diese Jahreszeiten-Reihe und insbesondere dieses Buch als Versuch gesehen werden, das Wunder des entstehenden Lebens neu zu sehen und zu würdigen, da diese Magie unter dem nüchternen und erwachsenen Blick im Alltag häufig zu verschwinden droht.Dabei kommt es immer wieder zu wirklich sehr schönen Gedanken und literarischen glänzenden Sätzen. Knausgard versteht es mal wieder das Banale und Triviale, das Alltägliche mit der magischen Welt zu verbinden: "Das Triviale an den Ketchup- und Senfflaschen, den schwarz angebrannten Würstchen, dem Campingtisch, auf dem die Limonadenflaschen aufgereiht standen,war dort, unter den Sternen im tanzenden Licht des Feuers, kaum zu fassen. Als stünde ich in einer banalen Welt und blickte in eine magische, als spielten sich unsere Leben im Grenzland zwischen zwei parallelen Wirklichkeiten ab. Wir kommen aus dem fernen und furchteinflößend Schönen, denn ein neugeborenes Kind, das zum ersten Mal, seine Augen öffnet, ist wie ein Stern, ist wie eine Sonne,aber wir führen unser Leben im Kleinen und Dummen, in der Welt der angebrannten Würstchen und wackligen Campingtische." (Seite 242)Besonders beeindruckend fand ich seine Ausführung zu einem roten Eimer (ab Seite 89) und zu einem Wäschekorb (ab Seite 180) in der Gegenwart und als Kindheitserinnerung, die jeweils Ausgangspunkt zu Betrachtung über parallele Wirklichkeiten sind und zu Fragen von Identität und dem Beginn des Lebens führen. Ein roter Eimer ist halt immer auch mehr als "nur" ein roter Eimer ein Wäschekorb mehr als "nur" ein Wäschekorb."Nur die Lebenden zählen." (Seite 77)Zum Ende hin wird es immer dramatischer, da seine Frau unter einer Depression leidet und es tatsächlich zum Kampf von Leben und Tod kommt. Interessant ist hier, dass er auf ein zurückliegendes Ereignis Bezug nimmt, der Leser bleibt aber im Dunkeln und muss sich mit Andeutungen begnügen. Hier nimmt er vermutlich Rücksicht auf seine Frau, dennoch ist die Schilderung der Depression seiner Frau gewohnt schonungslos (für beide, für ihn und sie).Das Buch endet mit einem ritualisierten Umzug in der schwedischen Walpurgisnacht, auch hier treffen archaischer und banaler Alltag, teils mit Situationskomik, aufeinander.Das ganze Buch wird getragen von einer tiefen und innigen Liebe zu seiner Tochter und kann als Liebesbrief oder Vermächtnis an seine Tochter verstanden werden. Knausgard möchte seiner Tochter ermöglichen, dass sie später, wenn sie vielleicht 16 Jahre alt ist, nachvollziehen und verstehen kann in welche Welt, Gesellschaft und Zeit sie hineingeboren wurde und was ihre Eltern und Familie damals bewegte.Wer Knausgard noch nicht gelesen hat, dem/der kann ich dieses Buch aufgrund der Länge (249 Seiten) als Einstieg nur wärmstens empfehlen. Und Knausgard-Fans werden sich an diesem sagenhaften Buch wieder sehr erfreuen.
Im Frühling - ein Buch von unglaublicher Schönheit... ! Ich konnte es kaum aus der Hand legen, und wenn, dann nur, um das Geschriebene wirken zu lassen. Anders als "Im Winter" erzählt Knausgard chronologisch, was an eine Erzählung erinnert. Seine philosophischen Betrachtungen sind Lebensweisheiten, bisweilen zeigen sie eine unaufdringliche spirituelle Dimension. Knausgard schreibt - wie immer - ehrlich. Nichts driftet ins Banale ab, nichts wirkt verklärt, obwohl es sich um familiären Alltag und Wiederkehr handelt. Ein glücklicher Knausgard hat mich glücklich gemacht!