Das Buch ist ein Genuß für alle, die sich für la Belle Èpoque in Paris interessieren: gut geschrieben, informatif und unterhaltsam. Bei der zweiten Bestellung kam das Buch dann doch bei meiner Freundin an und in gutem Zustand, sagt sie.
Der Autor mäandert auf unterhaltsame Weise durch die gehobene Gesellschaft der Belle Epoque, wobei der Mann im roten Rock in gewisser Weise als roter Faden zu einem größeren Gesellschaftpanorama dient, zu dessen Gemälde auch eine Vielzahl anderer Personen herangezogen werden.Inhaltlich war ich jedoch teilweise, wegen einiger Simplifikationen, Einseitigkeiten und Falschaussagen, der sich der Autor immer wieder bediente, arg konsterniert.Durch die Auswahl der Anekdoten kann man jeden Menschen aufwerten oder der Lächerlichkeit preisgeben und um Objektivität gegenüber den Akteuren war Barnes nun ganz gewiß nicht in jedem Fall bemüht. Seine Äußerungen über Oscar Wilde empfand ich erniedrigend und bösartig. Hätte Barnes nicht unter Pseudonym die Dufy-Krimis mit seinem homosexuellen Hauptprotagonisten verfasst, würde ich ihm Homophobie unterstellen. So bleiben seine Äußerungen aber immer noch höchst irritierend, zumal sich der Autor an anderen Stellen, teilweise in selbstverleugnerischer Weise, um politische Korrektheit bemüht.Aussagen, wie Dandys stünden überwiegend rechts, sind unsinnig, da Dandys nicht politisch sind, es sei denn sie heißen Ferdinand Lassalle und sind eher links zu verorten. Dandys sind womöglich kulturkonservativ, aber das war es dann auch schon.Männliche Promiskuität wird entsprechend des aktuellen Zeitgeistes negativ konnotiert, während weibliche Promiskuität zwar erwähnt wird, aber überwiegend unbewertet bleibt, obwohl erstere ohne letztere in einem heterosexuellen Kontext kaum denkbar ist.Sarah Bernhardt, der in Frankreich zu jeder Zeit hoch angesehenen (!), deutschstämmigen, jüdischen, Schauspielerin, unterstellt er eine Reihe abstrusester Motive für ihre sexuelle Freizügigkeit, außer Spaß am Sex, was die naheliegenste Erklärung gewesen wäre und glaubt man ihren Biographen, auch der Fall war.Barnes spekuliert viel über die Motive, warum sich Pozzi allgemein und speziell bei den Frauen so großer Beliebtheit erfreute und lässt, was letztere Gruppe betrifft, das wichtigste Argument in seinem Buch völlig unerwähnt. Er hatte eine zuverlässige, operative Methode entwickelt, ungewollte Schwangerschaften bei den ebenso, wie ihre Ehemänner, fremdgehenden Damen der besseren Gesellschaft schon im Vorfeld zu verhindern. Seine Technik, Operationsnarben unauffällig erscheinen zu lassen, kam allen Beteiligten dabei zugute. Die französische Gesellschaft der Belle Epoque war erstaunlich tolerant gegenüber den amourösen Fehltritten ihrer Angehörigen, so lange es keine sichtbaren Folgen hatte und auch dann kam es noch darauf an, wie man es verkaufte. Und war den familiären Pflichten Genüge getan, schützte ein vorbeugender Eingriff vor den ungewollten Folgen des Vergnügens.Die Hinweise auf die Dreyfus-Affäre sind ebenfalls etwas einseitig geraten, zumindest was die Schuldzuweisungen anbelangt. Der idiotische Antisemitismus war nicht der Ausgangs- sondern der Kulminationspunkt der Affäre, die die Gesellschaft bis hinein in die Familien spaltete. Und in einem überwiegend katholischen Land waren nicht nur die Dreyfus-Gegner, sondern auch seine Verteidiger überwiegend katholisch. Es gab sogar jüdische Dreyfus-Gegner, wie den französischen Großverleger Arthur Meyer. Wenn man sich an ein so heikles Thema heranwagt, könnte man sich zur Abwechslung um etwas mehr Objektivität bemühen. Ideologisierung hat noch nie zu einer Verbesserung von irgendetwas geführt. Die französische Gesellschaft war nach dem Zusammenbruch des zweiten Kaiserreichs ein ähnliches Pulverfass, wie das Deutschland der Weimarer Republik und zerbrach fast an den politischen Grabenkämpfen. Das kann nicht wirklich das Ziel von Demokratie sein.Hat Barnes mit seinem Buch ein Plädoyer für die EU geschrieben oder zeigt er nicht viel mehr, dass sich intelligente Menschen noch nie von Landesgrenzen limitieren ließen? Sind nicht die EU-Behörden selbst das größte Hindernis einer gesamteuropäischen Gesellschaft?Aber genug gemeckert, alles in allem habe ich mich gut unterhalten gefühlt und auch die ein oder andere Anekdote erfahren, die nicht schon dutzende Male in anderen Publikationen breitgetreten worden ist. Und letztlich kann man Barnes nicht absprechen, dass er wirklich gut schreiben kann.