Achtung: Dieses Buch sollte man auf keinen Fall im Zug lesen! Meine Mitreisenden waren offenbar sehr befremdet, dass mir während der Lektüre die Tränen über die Wangen liefen, bevor ich dann wieder in glucksendes Gelächter ausbrach. Doch gerade diese sich vermeintlich widersprechenden Gefühlsregungen bringen den Inhalt von "Umarmen und loslassen" wunderbar auf den Punkt. Wie es dem Autoren-Duo gelingt, das Leben mit ihrer so besonderen Tochter zu beschreiben, ist buchstäblich ergreifend. Gelungen fand ich die unterschiedlichen Perspektiven von Mutter und Vater, aus denen Shabnam und Wolfgang Arzt mal emotional, mal pragmatisch berichten. Sehr beeindruckend ist auch die Ehrlichkeit, mit der zwei überzeugte Christen - darunter ein studierter Theologe - ihre Zweifel formulieren. Wie im Tagebuch-Eintrag von Shabnam nach der endgültigen Diagnose von Jaels Trisomie 18: "Wenn es das hier ist, was Gott will, dann kann es mit seiner Liebe nicht so weit her sein. Oder ist er vielleicht gar nicht da?" Und Wolfgang ergänzt später: "Wenn ich beschließen (würde), von nun an nicht mehr an Gott zu glauben, werde ich der Wirklichkeit meines Lebens genau so wenig gerecht wie jemand, der versucht, durch den Glauben die Probleme zu leugnen." Das Wort "Dennoch" aus Psalm 73,23 repräsentiert für Jaels Eltern "alles, was mit Bewältigungsstrategien zu tun hat".Darüber hinaus kann ich mich Christinas Rezension inhaltlich voll anschließen. Denn es geht ja keineswegs (nur) um Bewältigungsstrategien in diesem Buch, sondern um die wesentlichen Aspekte des Lebens: Liebe, Würde und wie man einander bereichern kann. Denn das hat Jael getan durch ihre sprechenden Augen und ihre vorbehaltlose Zugewandtheit. Und wer sich den wunderschönen Bild-Teil ansieht, kann nur den Kopf schütteln über einen Pränatal-Mediziner, der das Ehepaar Arzt im achten Monat der Schwangerschaft fragt: "Wollen Sie das Ihrem Kind und sich selbst wirklich antun?"Ich empfehle dieses Buch allen, die ihren Horizont in unserer Leistungsgesellschaft erweitern und einen Blick dafür bekommen möchten, was im Leben wirklich zählt.
Dieses Buch ist das Beste, was mir seit langem in die Hände gekommen ist! Es begeistert mich, rührt mich zu Tränen, lässt mich staunen, lauthals lachen und nachdenken, es wirft Fragen auf – ja, es hinterfragt MICH, mein Leben, meine Perspektiven, meine Prioritäten, meine Leidenschaften, meine Krisen… Ich hatte nicht erwartet, dass mich Jaels Geschichte so stark begleiten und beschäftigen würde, ganz ehrlich. Es vergeht kein Tag, an dem meine Gedanken nicht um einen der thematisierten Aspekte kreisen. Denn es geht nicht nur um den Tod, sondern eigentlich in erster Linie um das Leben. In überraschender Tiefe finden sich, eingestreut in die Erzählung von Jaels Geschichte, immer wieder Gedanken, die das Leben feiern…Es ist eines dieser unglaublichen Bücher, bei denen man liest und liest und liest und gar nicht mehr aufhören kann. Trotz des ganz normalen Alltagswahnsinns hatte ich „Umarmen und loslassen“ irgendwie immer dabei in der letzten Woche – um in jeder freien Minute weitere Zeilen aufzusaugen. Jetzt ist auch die letzte Zeile gelesen und, wie das so ist bei richtig, richtig guten Büchern, bin ich so voll davon und gleichzeitig so leer, weil es nun nichts mehr zu lesen gibt. Man sehnt sich augenblicklich Teil 2 herbei. Und Teil 2, das wurde mir bald klar, ist mein eigenes Leben. Hier geht es weiter, hier bin ich herausgefordert. Mir fehlen da ein wenig die Worte, aber ich empfinde, dass „Umarmen und loslassen“ irgendwie alles mitbringt, was eine Kurskorrektur für mich bedeuten kann – um wieder weiter vorzudringen zu dem, was Leben eigentlich bedeutet…