Diese Anthologie beinhaltet 16 Kurzgeschichten von 14 chinesischen Autoren. Herausgegeben wurde sie von Ken Liu, der selbst als Autor und Übersetzer tätig ist. In der Einleitung schreibt er, dass er ein möglichst breites Spektrum der chinesischen SF präsentieren wolle. Und so ist es auch. Die Geschichten sind sehr unterschiedlich und verlangen mal mehr, mal weniger Vorwissen des Lesers über die chinesische Kultur. Erleichtert wird der Einstieg durch Anmerkungen des Herausgebers zum Autor und zur Story.Gute Nacht, Traurigkeit von Xia JiaEine melancholische und emotionale Geschichte um den Unterschied von Menschen und Maschine oder auch, was einen Menschen zum Menschen macht.Mondnacht von Cixin LiuDer wohl bekannteste chinesische SF-Schriftsteller zeigt mit dieser Story, dass er auch ein Meister der kürzeren Texte ist. Mondnacht handelt von Zeitreisen und Beeinflussung der Zeitlinien und welche Auswirkungen kleinste Änderungen auf die Zukunft haben könnte.Zerbrochene Sterne von Tang FeiDer Text ist eine ruhige Geschichte um das Schicksal, das Leben, Beziehungen, Liebe und die Probleme, ein heranwachsender Mensch zu sein. Er hat wenige phantastische oder SF-Elemente.U-Boote / Salinger und die Koreaner von Han SongDiese beiden Stories sind recht kurz und vorbei, eher man sich als Leser auf sie eingestellt hat. Die Texte können als politisch interpretiert werden und zeigen, dass SF vielfältige Möglichkeiten hat, die anderen Genres vielleicht abgehen. Bei mehrmaligen Lesen erschließen sich Nuancen, die leicht zu übersehen sind.Der herabhängende Himmel von Cheng JingboEine kleine ruhige poetische Geschichte aus einer Welt, in der Wissenschaft und Zauberei eng verbunden sind.Großes steht bevor von BaoshuZum Verständnis dieser Novelle bedarf es gewisser grundlegender Informationen über die chinesische Geschichte. Rahmen ist erst einmal eine Liebesgeschichte des Ich-Erzählers, die in der Kindheit beginnt und mehr Tiefen als Höhen hat. Er und das Mädchen Qiqi verlieren sich immer wieder aus den Augen, finden sich wieder, kommen aber nie wirklich zusammen. Doch was dem (westlichem(?)) Leser erst nach und nach deutlich wird, ist, dass die Zeit der Welt rückwärts läuft, die Zeit der beiden Protagonisten jedoch nicht. Gibt es am Anfang noch Internet und Hochtechnologie, so verschwindet diese nach und nach. Aus LCD- werden Röhrenfernseher, aus Laptops klobige Desktop-Computer. Es entstehen die Sowjetrepubliken, Ostdeutschland spaltet sich ab, zwischen den USA und der UdSSR herrscht der Kalte Krieg. Auch China durchläuft seine Geschichte rückwärts. Mao Zedong stürzt Deng Xiaoping. Die Roten Garden bestimmen übernehmen die Macht.Der Neujahrszug von Hao JingfangEine ultrakurze Story, die beschreibt, wie ein Zug durch eine Panne im Raum-Zeit-Kontinuum „verloren“ geht, aber nach der Reparatur doch noch sein Ziel erreicht.Der Roboter, gerne Quatsch erzählte von Fei DaoEine skurrile Geschichte, fast schon ein Märchen, das klassische chinesische Erzählkunst um einen Roboter anreichert. Er zog aus, um zu lernen, wie man Lügengeschichten erzählt.Der Schnee von Jinyang von Zhang RanEin Zeitreisender ist im Mittelalter gestrandet und versucht wieder in seine Zeit zurückzukommen. Er entwickelt eine Vielzahl von Erfindungen wie das fadengebundene Internet und allerlei Kriegsgerät, um die Stadt, in die es ihn verschlagen hat, vor der Eroberung einer Belagerungsarmee zu verhindern. Nur wenn ihm eine große Veränderung der Geschichte gelingt, kann er dadurch genügend Energie gewinnen, um nach Hause zu kommen. Doch die Zeit ist zäh.Das Restaurant am Ende des Universums: Laba-Porridge von Anna WuDie chinesische Variante dieser Geschichte basiert darauf, dass bei einer gut erzählten Geschichte das Essen aufs Haus geht und der Gast erzählt eine wirklich gute Geschichte.Des ersten Kaisers liebstes Spiel von Ma BoyongDiese Story vereint klassische chinesische und modernste Erzählkunst. Beschrieben wird ein chinesisches Kaiserreich mit moderner Technik und da dürfen Videospiele natürlich nicht fehlen…Spiegelbild von Gu ShiEin Wissenschaftler geht zu einer Hellseherin. Doch die Begegnung ist schicksalhaft, denn beider Leben sind miteinander auf seltsame Weise verbunden.Brainbox von Regina Kanya WangDie Brainbox ist ein Hirndatenschreiber ähnlich einer Blackbox im Flugzeug. Doch sie kann nur fünf Minuten aufzeichnen und überschreibt sie dann wieder. Doch welche Nabenwirkungen hat dieses Implantat und was löst das Auslesen der Box bei einem Hinterbliebenen aus?Das Licht von Quifan ChenDiese Story zeigt einen Spagat auf. Das moderne Leben in China mit Internet und Social Media auf der einen Seite und der Glaube an uralte Traditionen auf der anderen. Kann man das in Einklang bringen.Eine kurze Geschichte zukünftiger Krankheiten von Quifan ChenDiese Story schildert eine Reihe von (noch nicht existierenden) neuen Krankheiten, die durch das moderne digitale Leben hervorgebracht werden könnten.Ergänzt wird dieser Band durch drei Essays über verschiedene Aspekte der chinesischen Science-Fiction und eine Reihe von Anmerkungen, die dem Leser beim Verständnis der einzelnen Geschichten helfen.Dieser Band zeigt die Vielfalt der heutigen chinesischen SF-Literatur auf. Vieles ist dem europäischen Leser sofort verständlich und auch ein wenig vertraut, kennt er doch ähnliche Themen aus der westlichen SF. Doch es bleiben Momente der Exotik, die sich zwar durch entsprechende Erläuterungen rational erschließen, die aber zeigen, dass eine andere (alte) Kultur die Basis bildet. Ein chinesischer Leser kennt diese Hintergründe und hat damit doch einen anderen Zugang zu den Texten. Zerbrochene Sterne ist damit ein guter Einstieg für den deutschen Leser, um die chinesische SF kennenzulernen.
Ev. ungerechtfertigter Weise gebe ich nur 3 Sterne. Der Grund: Ich fühle mich hinters Licht geführt. Ich habe die Trisolaris-Trilogie von Cixin Liu gelesen und die hat mir gut gefallen. Da bekam ich den Tipp, dass die Kurzgeschichten von ihm noch besser seien - also suchte ich nach den Kurzgeschichten - und landete bei diesem Buch. Da wurde aber nur der Name Cixin Liu groß geschrieben - die meisten Geschichten sind aber nicht von ihm - ich fühle mich echt getäuscht. Gelesen habe ich die Geschichten noch nicht - ich stecke immer noch in der ersten fest, da mein Ärger noch nicht abgenommen hat.