Der Roman besticht in vielerlei Hinsicht. Sprache und Formulierung erlauben es, buchstäblich in das Buch einzutauchen. Wie ein roter Faden ziehen sich Beschreibungen von Tarot-Karten, Tagebucheinträge oder direkte Anreden an den Leser als Einleitungen für neue Buchabschnitte durch den Roman. Zeitsprünge – vor und zurück, aber keineswegs verwirrend – kombiniert mit Perspektivenwechseln ermöglichen es dem Leser, Ereignisse aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Auf geradezu magische, weil völlig unerwartete Art und Weise kreuzen sich die Wege sämtlicher Protagonisten und Antagonisten immer wieder, womit voneinander scheinbar völlig unabhängige Handlungsstränge plötzlich sinngebend miteinander verbunden werden. Perfekt abgerundet – so finde ich – ist die zeitliche Positionierung des Romans am Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts.Auf den ersten Seiten des Romans erfährt der Leser von der Wette zweier Männern – dem Zauberer Prospero (alias Hector) und seinem Gegner Alexander (alias Mr. A.H—). Beide Magier wollen sich in der magischen Ausbildung eines Schutzbefohlenen messen. Die eigentliche Prüfung soll in einem eigens dafür geschaffenen Nachtzirkus – auch Cirque des rêves genannt – über einen unbegrenzten Zeitraum hinweg stattfinden. Die Wette ist dann erst gewonnen oder verloren, wenn einer der beiden jungen Zauberer tot ist.Celia Bowen, die Tochter des Zauberers Prospero, und Marco Alistair, ein Waisenkind unter der Obhut von Alexander, sind die auserwählten Kandidaten, die noch als Kinder durch ein magisches Band aneinander und an die Wette/Prüfung gebunden werden. Beiden werden jedoch über das eigentliche Ziel der Prüfung im Dunkeln gelassen.Der Exzentriker Chandresh Christophe Lefèvre wird mit der Konstruktion der „Bühne“ für die Prüfung – dem Nachtzirkus – betraut. Alles – selbst das kleinste Detail – ist in schwarz und weiß gehalten. Es gibt nicht etwa ein großes Zirkuszelt – nein: jeder Künstler erhält sein eigenes kleines Zelt. Im Laufe der Geschichte wächst der Zirkus, denn sowohl Celia, als auch Marco „gestalten“, als Teil ihrer Prüfung, neue Attraktionen (ein Karussell, ein Wolkenlabyrinth, einen Tränenteich, …).Der Ausbildung der Protagonisten schenkt die Autorin nicht viel Aufmerksamkeit. Erst als Chandresh Christophe Lefèvre und sein Team Artisten für den Cirque des rêves suchen, kommt es zu einem ersten Zusammentreffen der beiden Kontrahenten. Marco erkennt in Celia sofort seine Gegnerin, sie bleibt jedoch über weite Strecken des Buches ahnungslos, wer ihr Gegenspieler ist.Es kommt, wie es kommen muss: Marco und Celia verlieben sich ineinander, nicht ahnend, dass der eigene Sieg den Tod des anderen bedeutet.Erin Morgenstern fesselt den Leser nicht nur durch einen spannenden Plot an das Buch, sondern auch durch die Auswahl der Charaktere. Besonders beeindruckend fand ich die Art und Weise, wie sie mit Worten eine wunderschöne, phantasievolle Kulisse malt, die man nicht liest, sondern vor sich sieht.