Ich lese die Artikel und Kolumnen von Maxim Leo in der Berliner Zeitung jederzeit gerne: Herzenswarm, humorvoll, gut recherchiert - Leo ist ein Gewinn für den deutschen Journalismus!Ergo freute ich mich auch sehr auf sein Drei-Generations-DDR-Buch, das ich meiner Ma zu Weihnachten schenkte und ihr sofort klaute, um es selbst zu lesen... Ich wurde nicht enttäuscht!Mich fasziniert vor allem seine Ehrlichkeit. Die meisten DDR-Aufarbeiter versanden ja heutzutage so gerne in Klischees: Man konnte entweder nur dagegen sein (und damit GUT), oder man war dafür... (also Schwein!). Leo beschreibt seine DDR-Kindheit, die wohl viele Berliner Intellektuellen-Kinder genau so erlebt haben. Das Leiden am System offenbarte sich am Mangel an wirklich guten Jeans und an behämmerten (Staatsbürgerkunde)-Lehrern, die den Schülern erstlinig Phrasen abverlangten und eigene Gedanken schlecht zensierten.Bemerkenswert an der Leo-Familie sind die Ecken und Kanten: Vater Wolf ist eher ein Kritiker, ein Künstler, der aber auch sein staatliches Feindbild braucht, um leben und fühlen zu können. Mutter Anne ist Genossin, Historikerin, eine Art Rita aus Christa Wolfs "geteiltem Himmel": Die Sozialismus-Idee liebend und an der realen Umsetzung verzweifelt leidend.Anhand seiner Großväter beschreibt Leo zwei unterschiedliche Viten, die in die DDR-Existenz führten: Der Jude Gerhard wurde als 17jähriger ins französische Exil gezwungen und schloß sich der Resistance an. War in der DDR ein strammer Genosse, der Disziplin für die "große Sache" gelernt hatte - aber immer nur in Frankreich, auf seinen Reisen, auftaute und sich wohl fühlte. Wo die DDR von Ferne bewundert und idealisiert wurde von linken Bürgerlichen, die auf einen neuen Weg hofften... den die reale DDR aber so gar nicht beschritt.Großvater Werner hingegen wurde eher zufällig Kommunist. Wie so viele eben zufällig auf ihren Platz im Leben kommen - je nachdem, wie das Schicksal eben so spielt.Die Kinder - Wolf und Anne - entwickeln sich ihren Vätern entsprechend. Beide sehnsüchtig, suchend... verzweifelnd. Die DDR wird ihr Leben, ihr Inhalt - auf die eine oder andere Weise.Die dritte Generation, Maxim Leo also, wächst automatisch da rein - und was die Großeltern erkämpften und die Eltern stemmten, wird für ihn Routine. Starre Worte in einer auswendig zu lernenden Tafel-Tabelle.In den Umbruchstagen wird Maxim Leo auch mal verhaftet und lernt am eigenen Leib die Staatswillkür kennen - ohne sich allerdings selbst als Widerständler zu feiern. Er wurde mehr nebenbei samt Freundin am U-Bahnhof einkassiert und abgeführt... und verhört... Mehr als ein Papier des "Neuen Forums" im Gepäck hatte er nicht "verbrochen", und in Lebensgefahr wie seinerzeit Großvater Gerhard als Nazi-Gegner war er auch nicht... dennoch war er nicht tapfer, ließ sich einschüchtern im Verhör.Was alle Checkpoint-Charlie-Frauen und andere ach-so-mutigen Widerständler bei mir nicht erreichten... diese Beschreibungen Leos ließen mich das wirklich Marode der DDR fühlen.Und Genossen wie seine Großeltern begreifen...Ich war nach dem Lesen sehr mitgenommen, traurig. Ich konnte jeden aus der Leo-Familie "fühlen"... und meine eigene DDR-Vergangenheit begreifen und mit traurigem Wohlwollen beerdigen...Haltet euer Herz bereit... und lebt!