Nachdem ich angefangen habe, den Roman zu lesen, konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Keiner wechselte so schnell die Seiten wie der Hauptdarsteller.
Es fehlen einem die Worte, so differenziert und faszinierend wird dieses historische Ereignis von R. Harris aufgearbeitet: Das Buch sollte zur Pflichtlektüre jedes Polikers und Historikers werden. Alles was unsere Geschichte prägt: Pflichtbewustsein gegenüber dem Kollektiv und Individuum, Gerechtigkeit, Antisemitismus, Nationalismus, Ehre und Mut werden hier in die Perspektive der westeuropäischen Tradition gebracht. Einfach hervorragend im wörtlichen Sinne.
Mir hat der Roman insgesamt gut gefallen, ohne dass ich allerdings die grenzenlose Begeisterung etlicher anderer Rezensenten teilen kann.Harris hat die historischen Fakten der Dreyfus-Affäre gut recherchiert und in eine Geschichte verpackt. Interessant ist die Konzentration nicht auf Dreyfus selbst, sondern den späteren Kriegsminister Picquart. Ein besonderer Mehrwert ist durch den Roman jedoch nicht entstanden: Wer die historischen Fakten ein wenig kennt, wird aus dem Buch kaum etwas Neues mitnehmen. Auch literarisch wird nichts besonderes geboten: Die historischen Fakten sind verlässlich, aber eng, teilweise sogar bemüht in den Rahmen einer Romanhandlung gebunden. Besondere Stilelemente, Wendungen, Einfälle oder Überraschungen finden sich nicht. Harris selbst schreibt in diesem Zusammenhang im Vorwort, Picquart habe nie einen geheimen Bericht verfasst - das habe er sich ausgedacht. Besondere Bedeutung kommt diesem Einfall in der Geschichte aber auch nicht zu, so dass die Frage bleibt, warum Harris diesen Umstand aufgenommen hat, ohne ihn weiter in schriftstellerischer Freiheit zu entwickeln. Die Spannung des Romans überschreitet damit nicht den Level, den man auch in gut recherchierten und formulierten Sachberichten zu dem gleichen Thema finden kann.Sehr ärgerlich sind sprachliche Fehler in der deutschen Übersetzung. Dass "wegen" den Genitiv verlangt, scheint weder dem Übersetzer noch dem Verlag bekannt zu sein. Sätze wie "Der Regierung wird ihn bestimmt noch vor der Weltausstellung freilassen ..." (S. 604) schmälern das Lesevergnügen erheblich. Harris selbst macht einen inhaltlichen Fehler, wenn er Picquart (auf S. 264) über Dreyfus denken lässt: "Er schien keinerlei Zorn zu verspüren. Er war ein Roboter." Denn das Wort "Roboter" kam erst 25 Jahre später auf und meinte ursprünglich auch etwas anderes (arbeitendes, künstlich erschaffenes Wesen) als Harris mit dem heutigen Verständnis des Wortes ausdrücken will (mechanisches, unemotionales Verhalten). Im Jahr 1894 kann Picquart jedenfalls nicht an ein Roboter-Wesen gedacht haben; auch so etwas reißt den Leser aus der Fantasie, zumal Harris zugleich an vielen Stellen die Neuheit und Besonderheit von elektrischem Licht, Automobilen etc. historisch korrekt darstellt.Das Buch ist gut geeignet für Leser, die sich für die Dreyfus-Affäre im Speziellen und Kriegs- und Militärgeschichte, französische Geschichte, Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen sowie Geheimdienst- und Justizgeschichte im Allgemeinen interessieren.Für alle anderen wird das Buch wegen der detaillierten Faktenorientierung die Gefahr von Langeweile bergen.