Ich hatte mir das Buch gekauft in der irrigen Ansicht, sozusagen einen zweiten Dan Brown zu bekommen.Die Geschichte handelt vom Konklave, das einberufen wurde, um einen Nachfolger für den verstorbenen Papst zu wählen. Ich denke, dass der Inhalt des Buches sehr gut recherchiert ist und so wurde meine Neugier über das Konklave durchaus befriedigt. Das einzige Konklave, das ich zuvor "miterleben" durfte, war das Konklave, das den Borgia Papst (Fernsehserie) an die Macht brachte. Ich muss gleich sagen, dass das Konklave in diesem Roman zivilisierter zugeht als das Borgia Konklave.Tja, und das ist der Grund, dass ich mich allmählich wunderte. Ich hatte etwa ein Drittel des Buches (kindle) hinter mich gebracht und dachte: "Wann passiert denn der erste Mord."Ich sage es gleich: es gibt keinen Mord im Vatikan. Und auch die Intrigen halten sich in Grenzen. Es wird reichlich viel gebetet, so viel, dass ich mich fragte, ob die Kardinäle wirklich so heiligmäßig fromm sind, dass sie dauernd beten und Andacht halten.Die Predigten und Gebete habe ich dann auch irgendwann einfach überschlagen.Doch ohne Mord und wilde Intrigen á la Borgia hat mir das Buch sehr gefallen und ich fand es, als ich mich damit abgefunden hatte, dass es kein Dan Brown war , auch sehr spannend. Das Buch ist übrigens wesentlich besser als die Bücher Dan Browns!! Vor allem das letzte Drittel fand ich spannend.Ok, ich ahnte schon gleich, wer der neue Papst werden würde, aber bei seinem Geheimnis, stand mir doch der Mund offen. Das Geheimnis wird aber erst auf den letzten Seiten enthüllt.Doch, das Buch hat mir sehr gefallen. WEr natürlich einen Reißer erwartet mit einem Heldenkardinal, der über die Dächer der Vatikanpalazzi rennt, Hubschrauber kapert etc... der wird enttäuscht sein. Es wäre aber auch etwas seltsam, denn die Hauptfigur ist immerhin 75 Jahre alt und die meisten anderen Charaktere des Romans sind auch nicht viel jünger. Die rennen und springen nicht mehr. Ach ja, und wunderschöne Frauen, die gerettet werden müssen, kommen auch nicht vor. Höchstens ein paar Nonnen.Was mir als Voyeurin auch sehr gefallen hat, waren die kleinen realen Einsprengsel von Geschichten über die realen Päpste der letzten 30 Jahre.
Der britische Journalist, Sachbuchautor und Schriftsteller Robert Harris zählt für mich seit seiner Cicero-Trilogie (Imperium, Titan, Dictator) zu den Autoren, von den ich grundsätzlich alles verschlinge. Zuletzt hatte mich das Werk "Intrige" absolut begeistert, wo es um die sogenannte Dreyfus-Affäre ging. Spannende Auslegungen tatsächlicher Geschehnisse vor authentisch historischer Kulisse. Das ist die Stärke von Robert Harris.Leider überzeugen seine fiktiven Geschichten mit historischen Charakteren nicht immer. Man denke etwa an das erzählschwache Buch "Aurora" oder die dümmliche Geschichte "Enigma". Und so war ich bei "Konklave" etwas besorgt. Steht doch ein ausgedacht hoher Würdenträger der Kirche im Mittelpunkt der Geschichte. "Jacopo Lomeli aus der Diözese Genua war bis in die höchsten Ränge der römisch-katholischen Kirche aufgestiegen aufgrund genau der Eigenschaften, die er an jenem Tag offenbarte: Gleichmut, Feierlichkeit,Zurückhaltung, Würde, Zuverlässigkeit." (S.116)Und die eigentliche Geschichte über die Wahl eines neuen Papstes ist auch für Nicht-Gläubige mit eingeschränkten Kenntnissen der römisch-katholischen Kirche spannend und interessant. Ein einnehmend nachvollziehbares Konstrukt menschlicher Höhen und Tiefen. Intrigen, Ränkespiele, ein Festival der Eitelkeiten. Sämtliche Vorurteile gegen die alt-ehrwürdige Institution stringent verwebt. Man fühlt sich an "Menschliches, Allzumenschliches" erinnert. Und genau das macht "Konklave" zu einer guten Unterhaltung.Zugleich ist das Buch durchaus politisch. "Lomeli versuchte die Protestgesänge zu verstehen. Es war unmöglich. Unterstützer der Schwulenehe oder Gegner von eingetragenen Partnerschaften, Scheidungsbefürworter oder Familien für die Unauflöslichkeit der Ehe, Frauen, die die Priesterweihe für Frauen forderten, oder Frauen, die das Recht auf Abtreibung und Verhütung forderten, Muslime oder Islamgegner, Eiwanderer oder Einwanderungsgegner ... Alles vermischte sich zu einer einzigen ununterscheidbaren Kakophonie des Zorns. [..] Wir sind eine Arche, dachte er, eine Arche inmitten einer ansteigenden Flut aus Zwietracht" (S.51) Ein schonungsloser Blick auf die Entwicklungen unserer Gesellschaft. Es sind diese Einstreuungen, welche "Konklave" zu einem echten Kind unserer Zeit machen.Manche Menschen mögen dem Autor durch seine Beschreibungen der Kirche und der Kurie aufhetzerische Relativierung unterstellen. Und sicher ist die vorurteilsbeladene Geschichte um einen nigerianischen Kardinal etwas platt und zu durchsichtig. Jeder Teil für sich genommen wirkt etwas trivial. Vielleicht wie bei keinem anderen Buch des Autors muss man "Konklave" daher als Einheit betrachten. Inkonsistenzen und Widersprüche lösen sich dann in einer sehr gut konzipierten Spannungskurve auf. Ein wirklich leselustiges Werk mit einem nicht neuen aber doch sehr überzeugenden Ende. Lesenswert.