Eigentlich haben schon genug Menschen dieses großartige Buch rezensiert. Dennoch haben mich die "Hyperion-Gesänge" von Dan Simmons so beeindruckt, dass ich auch selbst noch einige Zeilen dazu schreiben möchte. Zunächst: Das vorliegende Werk ist ein Sammelband der zwei Romane "Hyperion" und "Der Sturz von Hyperion", was auch die mehr als stattliche Länge von über 1400 Seiten erklärt. Wer sich dieses Buch zulegt, muss sich also auf einige Stunden Leserei gefasst machen. Aber lohnt sich das auch? Und wie! Zum Setting:Die Erde ist durch "Großen Fehler" in einem schwarzen Loch verschwunden und die Menschheit hat sich in einer "Hegira" genannten Fluchtwelle aufgemacht, um die Galaxis zu besiedeln. Das Ergebnis ist die Hegemonie, ein Weltennetz, dessen viele Planeten durch den Überlicht-"Hawking"-Antrieb und die sog. "Farcaster"-Portale verbunden sind. Hüter der meisten Technologien ist der "TechnoCore", ein selbstständiger Verbund hochentwickelter KIs, die jedoch mit der Menschheit verbündet sind. Hinzu kommen die Ousters, in die Weiten des Weltraums emigrierte Menschen, die gelegentlich Krieg gegen die "Ur"-Menschheit führen. Und Außerirdische? Gibt es natürlich auch. Allerdings hauptsächlich in Form von Hinterlassenschaften und Relikten. Eines davon ist das rätselhafte "Shrike", eine metallerne Mordmaschine, die scheinbar wahllos Menschen auf der Welt Hyperion dahinmetzelt und nur von den sog. "Zeitgräbern" in Zaum gehalten wird. Mitten in einer bevorstehenden Ousters-Invasion scheinen diese Gräber sich zu öffnen - und so bricht eine letzte Pilgergruppe auf, um das Geheimnis des Shrikes zu lüften...Ja, das ist eine ziemlich lange Einleitung. Aber "Die Hyperion-Gesänge" ist auch ein ziemlich langes Werk. Die Verstrickungen, die Handlungsebenen, die involvierten Parteien, sogar die chronolgische Erzählfolge sind so vielschichtig, ineinander verschachtelt und verworren, dass es für mich eine wahre Freude war, in diese komplexe Welt einzutauchen.Die meißte Zeit folgen wir den "Pilgern des Shrikes", eine Gruppe von vielen unterschiedlichen Charakteren, die alle ihre eigene Geschichte haben und auch erzählen. Das Set ist dabei wunderbar vielfältig und abgedreht - ein hunderte Jahre alter Dichter, ein mysteriöser katholischer Priester (Das Christentum ist mittlerweile eine seltene Sekte), eine Privatdetektivin und ein Ökotempelritter, um nur einige zu nennen. Simmons nimmt sich dabei viel Zeit, die Figuren einzuführen, vorzustellen und eine komplexe Wechselwirkung zwischen den Pilgern zu etablieren.Aber so interessant die Mission dieser Pilger auch ist - genau so interessant ist der große Schauplatz der Politik, der ebenso beleuchtet wird. Was führt der TechnoCore im Schilde? Wird die Hegemonie die Invasion der Ousters abwehren können? Und wie passt das mysteriöse Shrike eigentlich in dieses Bild? All diese Fragen halten die Spannung hoch und so entstehen trotz der enormen Länge nur recht wenige langatmige Passagen.Besonders beeindruckend finde ich dabei nicht nur die Kreativität, mit der Simmons seine Welten modelliert, sondern auch die Komplexität der Geschichte selbst: Es handelt sich nicht um eine simpel gewobene "Gut gegen Böse"-Geschichte aus der Literatur-Box, sondern um ein lebendiges Werk mit vielen Wendungen, Verstrickungen und "Aha!"-Momenten, sie verdient den Ausdruck "episch" im besten Sinne. Unterstützt wird dies durch Simmons flüßigen und variablen Schreibstil. Diese Diversität macht sich auch bei der Themenpalette selbst bemerkbar: Es gibt die typischen Lagerfeuer-Abenteuer-Geschichten, ästhetische Reisen durch außerirdische Welten, kreativ erzählte Einzelschicksale, aber auch Raumschlachten, knallende Action und Passagen, die sich der Technik widmen - für jeden Lesertypus scheint hier etwas dabei zu sein.Schwächen sucht man in meinen Augen in diesem Werk fast vergeblich. Freilich kann Simmons sich durch die breite Streuung der Themen nicht sonderlich auf ein Einzelnes konzentrieren. Und obwohl er aus meiner Sicht erfreulicher Weise sehr wenig esotherische Anklänge in seinem Buch hat, kommen seine technsichen Erklärungen doch etwas pseudowissenschaftlich daher. Ein Anruf an der örtlichen Universität oder ein wissenschaftlicher Berater hätten dem Werk vielleicht gut getan. Klar, SciFi muss in gewisser Weise unglaubwürdig sein, ein bißchen sollte man aber schon auf die Schlüssigkeit achten. Darüber hinaus gibt es zwischen den beiden Einzelromanen manchmal einige unschöne Dopplungen oder Anschlussholprikeiten.Schließlich könnte man noch einige wenige Stellen als etwas zu "überkandiddelt"/kitschig bezeichnen, aber das auf 1400 Seiten komplett zu vermeiden, wäre schon ein halbes Wunder gewesen. Und überhaupt: All diese Schwächen verblassen vor der fesselnden Atmosphäre und der Spannung, die dieses Werk generiert. "Die Hyperion-Gesänge" ist amüsant, philosophisch ansprechend, lyrisch (und insbesondere hier viel weniger aufdringlich als etwa Hal Duncans "Vellum"-Reihe), traurig und vieles mehr. Man könnte so vieles über dieses Buch sagen, aber dennoch komme ich nun zum Ende.Fazit:"Die Hyperion-Gesänge" von Dan Simmons haben sich für mich die vollen 5 Punkte verdient. Ein Werk in dieser epischen Länge, mit einer so ausgeklügelten Geschichte, einem so hohem Maß an Kreativität und lebendigen Charakteren kommt einem nicht all zu häufig unter die Finger. Empfehlen kann ich dieses Buch vorbehaltslos jedem Space-Opera- oder SciFi-Fan, aber auch jedem Freund einer großartigen Belletristik, der sich an den zuvor genannten Elementen nicht stört. Dieses Buch schlägt in meinen Augen sowohl Hal Duncans "Vellum" um Längen, als auch seine eigene "Illium"-Reihe. Und wer nach so vielen freudigen Lesestunden traurig ist, weil er das Buch zur Seite legen muss, kann sich freuen: Mit "Endymion" gibt es fast ebenso langes Nachfolgewerk, welches die eigentlich abgeschlossene Geschichte sehr gut fortsetzt. Also: Kaufen, das Ding!