Diese Kritik enthält KEINE Spoiler.Obwohl ich schon recht viele von Agatha Christies Büchern gelesen habe, musste ich vor einiger Zeit feststellen, dass ich ihr Debut "Das fehlende Glied in der Kette" (engl.: "The Mysterious Affair at Styles") tatsächlich noch nicht gelesen habe. Also habe ich es mir unverzüglich gekauft und hier ist nun meine Meinung:Was mir an dieser Geschichte besonders gut gefallen hat, waren die Plot Twists (dt.: überraschende Wendungen). Normalerweise kenne ich es von Christie, dass im ersten Drittel die Charaktere etabliert werden und der Mord passiert, im zweiten die Ermittlungen stattfinden und im dritten all die Wendungen kommen sowie die Auflösung. Hier ist es aber anders: Nachdem Poirot für den Fall beauftragt wurde, kommen durchgehend Wendungen; teilweise vorhersehbare, manchmal aber auch völlig überraschende. Dadurch fühlt man sich als Leser nie gelangweilt.Zwar kam mir die Ausgangslage von Arthur Hastings ein wenig von John Watson in "Eine Studie in Scharlachrot" abgekupfert vor, aber trotzdem war es schön, von den Anfängen vieler bekannter Agatha Christie Charaktere zu lesen, u.a. Hercule Poirot, Arthur Hastings, Inspektor Japp.Anfangs hatte ich noch große Schwierigkeiten mit den Namen und den familiären Verhältnissen der Charaktere, doch spästens nach dem Mord hatte ich keine Probleme mehr damit.Des Weiteren möchte ich positiv anmerken, dass hier sogar einige Zeichnungen von z.B. Räumen beigelegt wurden - ein schönes Gimmick, wie ich finde.Was dieses Buch aber besonders heraushebt, ist das hohe Niveau, auf dem sich die Geschichte begibt. Zwar habe ich in vielen Rezensionen gelesen, dass man dieses Christie Buch direkt als Einstieg nutzen sollte, aber ich persönlich möchte davon abraten. Dieses Buch eignet sich nämlich besonders für "erfahrene" Krimileser. Man kennt es ja von Krimigeschichten, dass es eine Person A gibt, die sehr verdächtig wirkt, aber zu verdächtig ist, um den Mord begannen zu haben, weshalb sie der Leser sofort ausschließt. Dann gibt es allerdings auch noch eine unscheinbare Person B, die auf den ersten Eindruck nicht verdächtig wirkt, die der Leser aber aufgrund von kleinen "Nichtigkeiten" in Verdacht nimmt. "Das fehlende Glied in der Kette" hat diese Personentypen ebenfalls und ich, der meint, Agatha Christies Verstand allmählich zu durchblicken und ihre Auflösungen vorherzusehen, habe mich während des Lesens sehr stark auf Person B konzentriert, ohne zu wissen, dass ich dabei in eine von Agatha Christies Fallen getappt bin. Daher kann ich mit Respekt sagen: Ich habe die Auflösung ganz und gar nicht vorhergesehen. Nach dem unerwarteten Ende zählt Hercule Poirot noch all die B-Personen auf und sagt, er habe sie selbst lange Zeit in Verdacht gehabt. Dabei kam es mir so vor, als würde Agatha Christie ihre Leser genau durchschauen und wissen, welche Personen sie an welcher Stelle in Verdacht hatten und ihnen deshalb ein gutes Gefühl geben wollte, dass sie mit ihren Überlegungen durchaus gute Ansätze hatten. Und bei mir kam dieses gute Gefühl auch tatsächlich auf. Deshalb wundert es mich auch, dass dies ihr Debut ist, denn es wirkt vielmehr so, als wolle sie ihre Stammleser auf intelligente Weise austricksen.Insgesamt gab es nur 2 Dinge, die mir ein wenig negativ auffielen: Erstens gab es gegen Ende eine recht lange Gerichtsverhandlung, die allerdings völlig unnütz für die Handlung ist. Zweitens wirkte der Mord ein klein wenig überkonstruiert. Einige Wendungen waren unmöglich vorherzusehen.Fazit: Dieser Roman ist spannend, voller Wendungen, hat eine überraschende Auflösung, gute Charaktere und zeigt, dass Agatha Christie nicht erst über mehrere Bücher in Fahrt kommen musste, sondern von Anfang an wunderbare Geschichten erzählen konnte.