»Im ersten Augenblick«: Bildbetrachtungen (Insel-Bücherei)
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Tagebücher & Memoiren EAN 9783458194071

»Im ersten Augenblick«: Bildbetrachtungen (Insel-Bücherei)

Hersteller: Insel Verlag  ·  MPN: 1059063
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Zuletzt aktualisiert: 12.05.2026 10:22 Uhr
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Bildbetrachtungen

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Stefan Proust 22.05.2024 amazon.de
Die hier von Rainer Stamm ausgewählten Kunst- und Bildbetrachtungen des Lyrikes Rainer Maria Rilke sind keine kunsthistorischen oder essayistischen Ausführungen die mit Wissen protzen und die das Kunstwerk zu Tote reden, sondern es handelt sich um Seherlebnisse, um eine Schule des Sehens, wo der Dichter durch das intensive Beobachten zu einer "Reifung der Augen" gelangt und in der Übersetzung der Seherlebnisse in das sachliche Sagen einer dichterischen Sprache gleichzeitig als Schriftsteller reift. In Hamburg, Paris, Berlin, Mailand, Prag, München, Bayonne und Frankfurt am Main sucht Rilke Galerien und Museen auf und macht sich, angeregt durch die dort abgebildeten Werke, Notizen und hält seine Beobachtungen in Briefen an seine Frau und Freunde fest. Der Leser kann die beschriebenen Werke und Bilder durch die Abbildungen im Buch unmittelbar neben den abgedruckten Texten in aller Ruhe betrachten, während die Adressaten von Rilkes Briefen sehr oft die Bilder und Originalwerke gar nicht gesehen haben oder sich nur vage an ihre Reproduktionen erinnern konnten. Aber auch Rilke musste das Bilder schauen neu erlernen und vieles nachholen und die Kommentare dienten ihm wohl als Hilfsmittel, die eigenen Seherlebnisse zu fixieren und zu memorieren. Rilke ist sich der Unvollkommenheit und Unangmessenheit der Sprache im Angesicht der bildenden Kunst sehr wohl bewusst. Seine Versuche mit Worten zur Vergegenständlichung und Vorstellung der beschriebenen Bilder beizutragen sieht er eher als gering an. Vor allem stellt sich die Frage, ob ein Bild überhaupt Wörter braucht um zu den Betrachter zu sprechen? Rilke ist skeptisch. In seinem Brief an Marianne Mitford aus München, wo er das Bild "Der Tod des Harlekin" (1905) von Pablo Picasso gesehen hat, schreibt er am Ende, dass er fürchtet seiner Adressatin mit Worten und Beschreibungen wenig geholfen zu haben, "sehen Sie nur die gefalteten Hände Pierrots, die machen eigentlich (selbst in der Abbildung) alles Dazureden überflüssig. Gut. Dann wars also nur eine Ausrede, um, schreibend, eine halbe Stunde bei Ihnen zu sein." Betrachtet man aber andererseits das Bild als ein Ding, so müsste doch die Möglichkeit, "sich ihrer zwingend zu bedienen, dasein, vermöchte man nur, ein solches Bild wie Natur anzuschauen: dann müßte es als ein Seiendes auch irgendwie ausgesagt werden können." (An Clara Rilke, Paris, 23. Oktober 1907 anlässlich von Paul Cézanne: Selbstbildnis vor blaßrotem Hintergrund)Die erlangte Sehfähigkeit ist das Resultat von viel Muße und Zeit und der Bereitschaft an Kunstwerken einen Moment zu verweilen, quasi die Betriebsamkeit und Geschäftigkeit zu entschleunigen: "Aber man braucht lange, lange Zeit für alles. Wenn ich mich erinnere, wie befremdet und unsicher man die ersten Sachen sah, als sie mit dem neugehörten Namen zusammen vor einem waren. Und dann lange nichts, und plötzlich hat man die richtigen Augen... ." (Brief an Clara Rilke, Oktober 1907) In dem Pariser Salon, in dem sich Rilke 1907 mehrere Bilder von Cézanne anschaut, ist auch ein Nature morte, auf dem irgendein Gegenstand ist und "auf diesen hin möchte ich das Bild nochmals durchsehen. Doch der Salon besteht nicht mehr; in wenigen Tagen folgt ihm eine Ausstellung von Automobilen, die, jedes mit seiner fixen Idee von Schnelligkeit, lang und dumm dastehen werden." (An Clara Rilke, Paris, 24. Oktober 1907 anlässlich von Paul Cézanne: Stilleben mit Muschel und schwarzer Uhr, 1869/71)Mit seinen "reifen Augen" betrachtet Rilke Bilder nicht mehr im Hinblick auf ihre "malerischen Werte" oder novellistischen und lyrischen Eigenschaften. In dem neuen Stadium des Sehens steht die Freude an den Details im Vordergrund, die Freude "an irgendeinem Stück eines Fußes oder an einer Stoff-Falte, die besonders fein in ihrer Umgebung steht." (Tagebuch Worpswede, 27. September 1900 anlässlich von Jean-Baptiste Camille Corot: Junge Frau am Brunnen, 1865/1870) Intensive und staunende Bildbetrachtungen evozieren Gefühle und Erschütterungen, insofern handelt es sich hier um keine intellektuellen Gedanken und Ausführungen. Wenn Rilke während seines ersten Paris-Aufenthalts bei der Betrachtung des Bildes "Die heilige Genoveva wacht über Paris" (1898) von dem Maler Pierre Puvis de Chavannes schreibt, dass er beim Anblick dieser einsamen heiligen Frau und dem Dach und der Tür und "drin die Lampe mit dem bescheidnen Lichtkreis und drüben die schlafende Stadt" und der Fluß "und die Ferne im Mondschein" geweint habe, "weil das alles auf einmal so unerwartet da war", dann ist eigentlich alles Wesentliche gesagt, alles weitere Gerede über diese Herzensempfindung wäre überflüssiges Geschwätz.Rilke sieht, durchlebt, erlebt die Bilder über die er in seinen Briefen schreibt. El Grecos "Laokoon" (um 1610) in München war für ihn ein unvergleichliches, unvergeßliches Erlebnis ("...Laokoon, umgerissen von der Schlange, die er hinter sich wegzuhalten versucht, einer der Söhne schon gefällt, einer links stehend, zurückgekrümmt und wieder gespannt von dem starken Bogen der zweiten Schlange, die ihm schon ans Herz reicht, zwei Söhne rchts noch kaum begreifend (so schnell wälzte sich das heran und nahm überhand), und durch alles das hindurch, durch Stehen und Stürzen und Widerstand, durch alle die spannenden Zwischenräume dieser Verzweiflung durch - Toledo gesehen, wie wissend von diesem Schauspiel... ."), Goyas "Der Maibaum" (1808) sah er bei den Rodins in der Nationalgalerie in einem kleinen, armsäligen, modern-ausländischen Zimmer und war so ergriffen, dass er danach keines mehr sehen konnte, Vincent van Goghs "Das Nachtcafé" (1888), "ein Nachtcafé, spät, öde, wie als wenn man mit übernächtigten Augen sähe" führt dazu, dass man davor "ordentlich alt, welk und schlaftrunken trostlos" wird und Rosalba Carrieras "Junge Frau mit Affe" (1721) lässt ihn sinnieren, "daß jemand eine Monographie des Blaus schriebe; von dem dichten wachsigen Blau der pompejanischen Wandbilder bis zu Chardin und weiter bis zu Cézanne: welche Lebensgeschichte!" (An Clara Rilke, Paris, 8. Oktiber 1907)Kunst stellt das Schöne und Grausame dar und manchmal beides gleichzeitig. In seiner fast schon philosophischen Anmerkung zu Rembrandts "Die Blendung Simsons" (1636) schreibt Rilke: "mir hats zu denken gegeben neulich, wie die äußerste Kunst das Grausamste unschuldig macht, Sehen Sie doch nur diesen Strom glücklichsten Lichts, der hereindringt, um die wahnsinnigste Gewalt an den hellsten Tag zu reißen: wer einen Märtyrer so darstellte, der hätte den erhabensten Geist auf seiner Seite -; aber hier geschieht ein Verbrechen, und das Bild lehnt sich nicht dagegen auf, das Bild umfaßt es wie Natur und die seligen Farben hinter dem unerhört schmerzvollen Fuß hören nicht auf, selig sein. Was ist das? Gibt es im Leben ähnliches? Gibt es Herzensverhältnisse, die das Grausamste einschließen, um der Vollzähligkeit willen, weil die Welt doch erst Welt ist, wenn ALLES daring geschieht." (An Marianne Mitford, Berlin, 5. Dezember 1914)Rilke zählt zu meinen Lieblingsdichtern. Insofern war dieses kleine illustrierte Büchlein, das Rilke als empfindsamen und klugen Kunstbetrachter in den Mittelpunkt stellt, eine Wohltat und ein Geschenk.
Manfred Orlick 22.05.2024 amazon.de
Kaum ein Dichter befasste sich so eindringlich mit der bildenden Kunst wie Rainer Maria Rilke (1875-1926). Er hatte u.a. Kunstgeschichte studiert, Kunstkritiken geschrieben, Gedichte auf Bilder gemacht und in verschiedenen Aufzeichnungen zu Kunstwerken Stellung genommen. Seine Tätigkeit als Privatsekretär Rodins hatte sicher seine Kennerschaft in den bildenden Künsten geschärft.Der vorliegende Insel-Band „Im ersten Augenblick“ versammelt einige dieser Bildbetrach-tungen, die in den Jahren 1900 bis 1915 entstanden. Die Auswahl konzentriert sich dabei auf Texte, in denen weniger die Kunstwerke im Mittelpunkt stehen, sondern die Schulung des eigenen Sehens: „Ich lerne sehen“. Nicht kunsthistorische Informationen sind das Ziel seiner Beschreibungen sondern die eigenen Seherlebnisse.Die Texte wurden meist aus privaten Aufzeichnungen ausgewählt, die zunächst nicht zur Publikation vorgesehen waren. Sie waren eher Hilfsmittel, um die „Augen reifen zu lassen“. Die Kunstwerke hatte Rilke in zahlreichen Galerien und Museen gesehen - von Worpswede bis Paris - und dabei Werke von Böcklin über Goya, van Gogh, Rodin bis El Greco bewundert. Knapp dreißig Bildbetrachtungen werden hier den beschriebenen Kunstwerken gegenübergestellt. Rilke entpuppt sich als poetischer und doch präziser Betrachter.
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