Der Wilhelm Meister scheidet meinen Geist. Natürlich ist es ein wunderbares Buch. Goethes Beobachtungen der gesellschaftlichen Zusammenhänge, der individuellen Entwicklungen, der dunklen Seiten des Menschseins, der fröhlichen Elemente und des schier Albernen im Dasein sind unübertroffen. Immer wieder möchte man ausrufen "ja so ist es", "ja so war es" oder "wie wunderbar beobachtet". Herrliche kleine Sätze möchte man gerne in sein eigenes Leben mitnehmen und verwenden, wie beispielsweise "er schwieg, denn er hatte nichts spezielles zu sagen und wollte nichts allgemeines äußern", "Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen" oder einfach die Aufforderung "Mensch, gedenke zu leben".Die Geschichte um Wilhelm selbst fand ich aber doch recht hanebüchend. Der Anfang ist noch durchaus packend, ein junger Mann schwärmt für die Schauspielerei, löst sich von seinem Elternhaus und folgt seinem Traum. Er vagabundiert ein wenig, probiert vieles aus, glaubt an sein Talent und stellt sein Leben so um, dass er nur seiner tief empfundenen Berufung folgt. So soll das sein, diese jugendlichen Versuche des Sturm und Drang kennen wir hoffentlich alle.Je weiter sich der Roman jedoch entwickelt umso zäher wird die Geschichte und umso abgehobener der gute Wilhelm. In jedem Buch schwärmt er für eine andere Frau, aber irgendwann ist es dann nicht mehr männlich-weltliche Verliebtheit sondern seine Schwärmereien werden zu abgehobenen, fast esotherischen Vergötterungen einzelner Frauen. Auch, dass die vielen Menschen, die er unterwegs kennen lernt sich am Ende bereits kannten und in schicksalhafter Verbindung miteinander stehen, dass alles nur darauf hinzielte, Wilhelm durch seine "Lehrjahre" zu einem guten Mitglied der Turmgesellschaft zu machen, ist wirklich wild und für mich an den Haaren herbeigezogen. Spätestens ab dem 6. Buch - Aureliens Monolog - war ich verloren und ich habe mich noch 200 Seiten durchgequält, getragen von der Vorfreude auf die kleinen Inseln der literarisch brillianten Beschreibungen großer und kleiner Dinge.