Hafis‘ „Liebesgedichte“ sind sicherlich ein Teil der Literatur, die der persische Sprachraum dieser Welt „vermacht“ hat und die noch heute fast schon wehmütig klingt, wenn man sich vor Augen hält, welche Kultur es damals in Persien gab (und auch noch immer gibt!) und man sich daher die Frage stellt, ob ein Hafis heutzutage noch solche Gedichte hätte schreiben können. Persien warb damals zunächst einmal sehr viel größer als heute und umfasst auch noch Teile des heutigen Afghanistan und Hafis war einer der großen Schriftsteller seiner Zeit, der es schon damals verstand, versteckte und teilweise durchaus auch direkte Kritik an der Obrigkeit zu äußern. Betrachtet man die politischen Systeme heute, eine undenkbare Sache, aber auch Beweis, dass die Geistesgeschichte des alten Persiens sehr viel mehr Beachtung finden sollte als es die heutigen politischen Systeme im Iran und Afghanistan zulassen. Die Lektüre lohnt also schon deshalb, weil sie Zeugnis einer ganz anderen Kultur ablegt, die zu ihrer Zeit wesentlich höher war als unsere und doch zum kulturellen Erbe der Region gehört, der man so etwas gar nicht „zutrauen“ würde, wenn man sich sonst umsieht, welche Bücher es zu dieser Region heute gibt, die allesamt nur Chaos und Fundamentalismus beschreiben. Sicher gibt es dies heute dort auch, aber Hafis ist der beste Beweis, dass die Menschen dort zu ganz anderen Dingen fähig waren- und sind.Der zweite besondere Punkt bei der Beschäftigung mit Hafis ist, dass er bereits im 19. Jahrhundert „Kulturexport“ nach Deutschland war, als Goethe sich mit ihm stark beschäftigte und auch in seinem West-Östlichen Diwan inspirieren ließ. Goethe beschäftigte sich, was viele nicht wissen, mit dem Islam und Hafis stellte eine ganz besondere Brücke dar. Hafis war somit der erste Kulturmittler der persischen Welt in Europa und stand damit auch für einen ganz anderen Islam, nämlich einer (literarischen) Kultur, die man als formvollendet empfunden hatte und einen ganz anderen, wertneutraleren Umgang damit förderte. Vielleicht lohnt eine Beschäftigung mit Hafis gerade in der heutigen Zeit deshalb umso mehr.Die dritte Besonderheit ist, dass Hafis als persischer Literat in einer Zeit und in einem Raum lebte, der damals wie auch heute zwischen Europa und Asien eine Brücke baute. Die von ihm gedichteten Ghazelen waren damals eine besondere Literaturform sufischer Muslime, in denen Sehnsüchte beschrieben und (sprichwörtlich) besungen werden, es um Liebe, Trennungsschmerz, Schwärmen und Gedanken über die Vergänglichkeit des Seins angestellt werden. Bei Hafis kommt ganz besonders auch eine immer noch aktuelle Kritik an religiöser Scheinheiligkeit ganz deutlich hervor, die alle Menschen und Religionen betreffen kann- und immer wieder der damals in höheren Kreisen gefröhnte Weingenuss. Ghazelen sind heute bis nach Bangladesch, Nordindien und v.a. auch in Pakistan sehr beliebt, viele sufische Inhalte stammen aus der Türkei, so dass Hafis auch in der islamischen Welt eine Mittlerrolle einnimmt.Diese drei Besonderheiten machen die Lektüre Hafis‘ sehr wertvoll, muss man sich jedoch auch mit den Hintergründen dieser Zeit und der Region beschäftigen, um die Aussagen wirklich zu verstehen. Insofern ist dieses Buch als Sammlung- auch die Originale wurden erst nach Hafis‘ Tod zusammengestellt- ohne Hintergrundwissen eine unterhaltsame Lektüre für diejenigen, die Lyrik mögen, vielmehr jedoch ein Zeitzeugnis einer vergangenen Zeit in einem vergangenen Land, welches dennoch zum Selbstverständnis der Menschen dort noch heute beiträgt. Insofern lässt sich dieses Büchlein auch nicht wirklich „bewerten“, es ist ein alter Text, der literarisch eine Geisteswelt illustriert, die erstaunende Parallelen zum Hier und Heute aufweist, aber als Text zunächst einmal ein „alter“ Text bleibt, bei dem man- wenn man Persisch beherrscht- vielleicht höchstens über die übersetzerische Qualität diskutieren könnte oder kann, die aber nach allen Kritiken wohl sehr gut zu sein scheint. Liest man dieses Buch „einfach nur so“, muss man Lyrikfan sein und wird es genießen. Liest man es vor einem historischen Hintergrund, ist es in jedem Falle ein exemplarisches Werk, um die damalige gesellschaftliche Situation besser zu verstehen.Zum Schluss sei noch die in dieser Reihe übliche, schöne Aufmachung genannt. Es fehlt ein bisschen Mehr an Information über Hafis, über den man relativ wenig weiß. Aber selbst Spekulationen, die es gibt, dass er z.B. nie seine Geburtsstadt verlassen haben soll, u.s.w., wären sinnvoll, denn man macht sich beim Lesen solcher Literatur ja schon Gedanken, wie der Autor wohl gelebt haben mag. Da sind Informationen etwas spärlich. Sehr gut sind die im Anhang gelieferten Erklärungen und v.a. die Aufmachung an sich, v.a. die persischen Drucke, die das Buch sehr ansprechend machen.Insgesamt ein recht guter Einstieg in Hafis‘ Werk- durchaus passabel!