Die britische Autorin Judith Mackrell machte sich einen Namen als Tanzkritikerin und Biografin der russischen Ballerina Lydie Lopokova. Mit diesem Buch über sechs Kriegsreporterinnen betritt sie ein neues Feld. Mein Interesse weckte „Frauen an der Front“, weil in meiner Bibliothek etliche Bücher stehen, die sich mit dem Leben und Werk von Lee Miller beschäftigen. Von Martha Gellhorn, Sigrid Schultz, Virgina Cowles, Clare Hollingworth und Helen Kirkpatrick wusste ich bisher wenig. Ausser dass Martha Gellhorn mit Hemingway verheiratet war. Mehr über die sechs Frauen zu erfahren, wäre schon früher möglich gewesen. Denn entweder schrieben sie selber über ihre Arbeit oder wurden von anderen Autoren «porträtiert».Ob harte Arbeit, ihre Liebe zum Tänzerischen, aussergewöhnliches Talent oder eine Mischung aus allem; wie Judith Mackrell leichtfüssig und spielerisch aus verschiedenen Themen ein stimmiges Bild zusammensetzt, finde ich schlicht grossartig. Im Vordergrund stehen natürlich die Lebensgeschichten der sechs Frauen. Aber diese verwebt Mackrell äusserst geschickt mit Ausflügen in Geschichten männlicher Arroganz, konkurrierender Frauen, politischer Machtspiele und kaum darstellbarer Gräuel vor, im und nach dem Zweiten Weltkrieg.Um meine eigene Familiengeschichte besser einordnen zu können und menschliche Verirrungen nicht pauschal zu verurteilen, habe ich in den letzten Jahren viele Bücher über die Zeit gelesen, die auch bei «Frauen an der Front» zu den Quellen gehören oder Unbegreifliches zu erklären versuchen. Doch die weibliche Sicht der Ereignisse kam dabei fast immer zu kurz. Das wurde mir bei der Lektüre von Judith Mackrells Buch einmal mehr bewusst. Nicht weil die Autorin angetreten ist, um einer feministischen Optik gerecht zu werden, sondern einfach durch die erzählten Geschichten.Da die Autorin einen chronologischen Ansatz wählt, beginnt ihr Buch 1936 im herbstlichen Berlin 1936. Und bereits wird sichtbar, was sich durchs ganze Buch durchzieht: Alle porträtierten Frauen hatten es mit zwei Fronten zu tun. Sie mussten sich gegen Sexismus und männliche Vorurteile wehren sowie den Gefahren in Kriegsgebieten stellen. Dieser Seiltanz wurde durch den Umstand erschwert, dass weiblicher Charme auch ein Türöffner ist. So schreibt Mackrell über Virginia Cowles: „Großäugig und zierlich gebaut, mit Lippenstift und hohen Absätzen nachgerade beunruhigend glamourös, könnte sie ein Offizierskasino oder das Büro eines Politikers betreten und noch den härtesten, unwilligen Mann zum Reden bringen.“Nach dem Kapitel „Buchenwald, Dachau und Nürnberg, 1945“ erfahren wir noch, was sich nach Kriegsende auf den inneren Schauplätzen der sechs Frauen ereignete. Was wir meist allzu leicht mit dem Begriff „Verdrängung“ erledigen wollen, funktioniert eben nur oberflächlich. Zu lesen, wie die mutigen Kriegsreporterinnen damit zurechtkamen, dass nun allgemeines Stillschweigen wichtiger wurde als Berichterstattungen von Machtmissbrauch, Verrat, Vergewaltigung, Flüchtlingselend und Vertuschungen hat mich gleich nochmals ergriffen. Zumal die Mechanismen von damals noch immer wirken.Mein Fazit: Letztlich zählt nur, was Menschen tun. Von der Wahrheit und Bedeutung dieser Behauptung erzählt dieses Buch. Indem die Autorin die Lebensgeschichten von sechs Kriegsreporterinnen mit dem Geschehen vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg verbindet, werden wir als Leserinnen und Leser nochmals mit Ereignissen konfrontiert, die wie auch vergessen, um nicht nur das Böse im Menschen zu sehen. Der Siegeszug der sozialen Medien hat auch unserer Vorstellungen von Mut, Moral und Heldinnen verschoben. Diese sechs Lebensgeschichten rücken sie wieder zurecht.
Bereits kurz vor Kriegsbeginn im Sommer 1939 kam Virginia Cowles nach Berlin. Sie ist eine voninsgesamt sechs Kriegsreporterinnen, die Judith Mackrell in den Focus stellt. Unter anderem war esdie Aufgabe der Reporterinnen, darüber zu berichten wie die Stimmung in der deutschen Öffentlichkeitwar. War die breite Masse der Bevölkerung wirklich für den Krieg ?Judith Mackrell beschreibt einzelne Biografien und fängt damit die Kriegszeit erneut ein. Ja, auch Frauenwollten in den Krieg um über ihn zu berichten. Auch von den Schwierigkeiten als Frau in diesem Berufschreibt die Autorin. Anfangs wurden die Kriegsreporterinnen belächelt, aber sie beherrschten ihrHandwerk. Immer wieder kam es auch vor, dass sich Kriegsreporterinnen über sexuelle Übergriffe vonSoldaten und auch Offizieren berichteten.Mutig und engagiert waren Kriegsreporterinnen unterwegs und standen ihren männlichen Kollegenin nichts nach. Ich bekomme hier viel an Informationen, auch über Wissen was nicht üblicherweise inGeschichtsbüchern geschrieben steht.Vielleicht stumpft man auf rund 500 Seiten zum Thema Krieg irgendwann ein wenig ab, aber ambetroffendsten hat mich gegen Ende ein Kapitel gemacht, in dem geschildert wird, wie die Kriegsreporterinnen die Befreiung der Konzentrationslager erlebten.Einige der Frauen blieben in Deutschland und berichteten später auch von den Nürnberger Prozessen.Gut, dass Judith Mackrell in ihren Bericht über die Kriegsreporterinnen auch mitbeschreibt wie dieeinzelnen Frauen mit dem Erlebten umgingen. Eine zum Beispiel kam zuHause an und redete niewieder über ihre Erlebnisse. Erst nach ihrem Tod fand ihr Sohn Bilder und Tagebücher.Auch wenn leider keine einzige sowjetische Kriegsreporterin im Buch auftaucht, hat sich meine Lektüregelohnt. Ich habe mutige Frauen kennengelernt, die sich in Gefahr begaben, um davon zu berichtenwas sie erlebten.