Die Autorin ist die Tochter der Auschwitzüberlebenden Anita Lasker und setzt sich mit der Frage auseinander, inwiefern der Holocaust auch auf nachfolgende Generationen wirkte: „Ziel des Buches war es, den Einfluss, den der Holocaust auf drei Generationen einer Familie ausgeübt hatte, mittels zweier Erzählstränge miteinander zu verweben und aufzuzeigen, wie das Trauma sich auf eine Generation übertragen hatte, die selbst nie in einem Todeslager der Nazis ums Überleben gekämpft hatte“ (so der Co-Autor Taylor Downing).Maya Lasker-Wallfisch führte die ersten 30 Jahre ihres Daseins ein chaotisches Leben: Sie fühlte sich verloren und unverstanden in einer Familie von Musikern - Mutter und Bruder sind Cellisten, der Vater war Pianist -, denn sie war keine Musikerin. Über die schrecklichen Erfahrungen unter den Nazis wie Gewalt, Terror und Holocaust wurde nicht gesprochen. Mit 17 rutschte Maya immer tiefer in den Drogensumpf, stürzte sich von einer in die nächste Affäre und zerstörte ihren Körper nach und nach. Irgendwie gelang es ihr, sich aus der Misere zu befreien.Die Offenheit, mit der Lasker-Wallfisch ihr Leben schonungslos beschreibt, ist beeindruckend und auch sehr spannend. Sie verknüpft ihr eigenes Schicksal mit dem ihrer Großeltern, den Laskers, die in Breslau bis zum 2. Weltkrieg ein großbürgerliches, weitgehend unbeschwertes Leben führten – bis sie Anfang der 1940er Jahre Opfer des Holocausts wurden. Die drei Töchter konnten überleben, wie, darüber hat Mayas Mutter Anita bereits vor Jahrzehnten in ihren Erinnerungen geschrieben.Tochter Maya fasst das alles in fiktiven Briefen an ihre Großeltern zusammen, würdigt sozusagen den Überlebenskampf ihrer Mutter, die sich und Schwester Renate dank ihres hervorragenden Cello-Spiels retten konnte. Nach dem Krieg machte sie Karriere als Cellistin. Maya analysiert klug und macht niemandem Vorwürfe. Selbst, wenn man ihren Thesen der transgenerationalen Traumata nicht folgen möchte, ist das flott geschriebene Buch lesenswert: Beide Frauen sind sehr interessant, gerade durch die unterschiedliche Art und Weise, wie sie das Leben und die unvermeidlichen Krisen darin gemeistert haben.
“Wenn die Generation, die einen Krieg, eine Hungersnot oder einen versuchten Völkermord überlebte, eine epigenetische Prägung bei ihren Kindern hinterlassen hat, dann sollte sich die Gesellschaft vielleicht nicht nur auf die Überlebenden selbst, sondern auch auf die zweite Generation konzentrieren. Der Holocaust wurde nicht mit der Befreiung der Konzentrationslager beendet. Er lebt in allen weiter, die mit ihm in Berührung waren.”In Anlehnung an die Autobiographie ihrer Mutter, Anita Lasker-Wallfisch, eröffnet Maya Lasker-Wallfisch ihre Perspektive auf die zweite Generation Überlebender der Shoah, beschreibt die Angst, Unsicherheit und Identitätssuche einer Generation, die von der Vergangenheit behütet aufwachsen sollte, diese aber tagtäglich in sich trägt. Die Abwesenheit der Großeltern ist omnipräsent, das Schweigen der Eltern für die Heranwachsende nicht einzuordnen. Die Briefe an ihre ermordeten Großeltern spannen für die Autorin einen schmerzhaften, aber bedeutenden Bogen zu ihrer Familiengeschichte, versprachlichen die Suche nach ihren Wurzeln und brechen mit dem eigenen Schweigen. Am Ende des Buches, so Maya Lasker-Wallfisch, hat sie zu sich gefunden.Und nicht nur das. "Briefe nach Breslau" schafft einen berührenden und nötigen Beitrag zum Umgang der zweiten Generation mit der Shoah. Ohne die besondere Erfahrung der Nachkommen von Überlebenden zu relativieren, schafft sie auch Anknüpfungspunkte für die Nachfahren im Land der Täter*innen. Eine notwendige Erinnerung, dass die Vergangenheit in uns weiterlebt, auch 75 Jahre nach Ende des NS-Regimes und der Befreiung der Konzentrationslager.