Anrufung des Großen Bären: Gedichte
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Gegenwartsliteratur EAN 9783492271875

Anrufung des Großen Bären: Gedichte

Hersteller: Piper  ·  MPN: 1222717
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PIPER
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Produktbeschreibung

Die »Anrufung des Großen Bären« bildet zusammen mit Ingeborg Bachmanns erstem Gedichtband »Die gestundete Zeit« den Kern ihres lyrischen Werks. Diese Gedichte stammen aus den Jahren 1945 bis 1956 und wurden 1956 erstmals in Buchform veröffentlicht. »In dem Zusammenhang der bitteren Welterfahrung mit der Erfahrung von der Benennbarkeit des Gegenbildes liegt der ganz besondere eigentümliche sprachliche Zauber dieser Gedichte.« Helmut Heißenbüttel

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Unmittelbar im Erscheinungsjahr des ersten Lyrikbandes der österreichischen Autorin Ingeborg Bachmann, Die gestundete Zeit, erhielt sie 1953 den Preis der Gruppe 47. Sie hatte auf der Tagung gelesen, weil Hans Werner Richter persönlich auf sie aufmerksam geworden war, und hatte als erste Autorin, die zuvor noch keine Buchveröffentlichung getätigt hatte, diesen Preis erhalten. Drei Jahre später, im Jahr 1956, erschien ihr zweiter Lyrikband unter dem kryptischen Titel Anrufung des Großen Bären. Es ist denkbar, dass die Erwartungen an eine Autorin, die bisher noch keine weiteren Texte veröffentlicht hatte, die man nur von der Lyrik und nicht von der Prosa kannte, hoch gewesen sein dürften, als die nächsten Gedichte kamen. Wird sie ihr bereits im ersten Band angedeutetes, hohes Niveau halten können? Wird sie es übertreffen? Oder war Die gestundete Zeit eben doch nur eine Ausnahme, etwas Unwiederholbares, etwas Einmaliges, das Ingeborg Bachmann nie wieder gelingen wird?Für die Dichterin selbst spricht, dass sie nach diesem zweiten Band aufgehört hat, Gedichte zu schreiben. Außerhalb dieser zwei schmalen Bände erschien zu ihren Lebzeiten kein weiterer Text aus dem Genre der Lyrik. Das mag verwirrend klingen, denn kennt man Ingeborg Bachmann heutzutage doch größtenteils von ihren Gedichten, bringt sie mit den düstern Versen aus diesen beiden Bänden in Verbindung, vergisst aber, dass sie rein quantitativ nur einen kleinen Teil ihres dann doch recht umfangreichen Werks darstellen. Viele Kritiker, die das Werk Bachmanns von den jüngsten Anfängen an begleitet haben, sehen in diesen beiden Bänden auch den Kern ihres Schaffens überhaupt – in Sachen Prosa sagt man der Sprachkünstlerin wenig Gutes nach. Tatsache ist, dass all die Sorgen und Fragen, die man an Anrufung des Großen Bären vor dem Hintergrund des erfolgreichen, ersten Gedichtbandes gehabt haben könnte, vollkommen irrelevant waren, wenn man diesen Band liest.Denn Bachmann scheint in ihrem zweiten Buch auch nicht ansatzweise die Intention verfolgt zu haben, ihren Erfolg mit dem ersten zu übertreffen oder zu steigern. Sie hatte schlichtweg den Anspruch an sich selbst, ihn weiterzuführen. Zweifellos ist das das wohl bescheidenste, was man machen kann, wenn man bereits auf dem Höhepunkt seines Werkes angekommen ist – mit dem ersten Buch. Den wenigsten Autoren, die Huldigungen für ihr Debüt erfahren haben, ist es gelungen, in späteren Werken noch einmal wirklich an diesen Erfolg anzuknüpfen, schon gar nicht im selben Genre – so steht es doch außer Frage, dass Günter Grass niemals wieder einen vergleichbaren Roman wie Die Blechtrommel geschrieben hat, obwohl einige hervorragende, beachtliche Bücher von ihm erschienen sind, und selbst Thomas Mann wird sich mit den Buddenbrooks letzten Endes bereits auf dem Level befunden haben, das man heute von ihm kennt. Bachmann macht etwas tolles, und was noch viel genialer ist, ist die Tatsache, dass all das gelingt: sie knüpft an die Unvollkommenheit von Die gestundete Zeit an. Während man nach der Lektüre des ersten Bandes das Gefühl gehabt haben mag, dass hiermit alles gesagt war, und diesen Band – vollkommen zurecht – in alle Himmel lobte, so wird man staunen, wenn man sich den zweiten zur Hand nimmt. Denn nein: Bachmann hatte in der Tat noch nicht alles gesagt. Vieles, was bereits angeklungen ist, findet sich auch in ihrem zweiten Buch wieder, doch vieles ist auch vollkommen unerwartet und neu."Was wahr ist, streut nicht Sand in deine Augen, / was wahr ist, bittet Schlaf und Tod dir ab/als eingefleischt, von jedem Schmerz beraten,/ was wahr ist, rückt den Stein von deinem Grab.“Es sind düstere Gedanken, durchweg negative Standpunkte, von denen Bachmann ausgeht, die aber immer eng verbunden sind mit der Hoffnung nach etwas Besseren, nach etwas Reinem, wie (in diesem Fall) der Wahrheit. Dieses Gedicht, „Was wahr ist“, startet voller Hoffnung, dass es diese Wahrheit geben könnte, dass dieser Faktor, der reinigt und „schlaf und Tod“ abbittet, existiert. Und wenn nicht zerstörend, dann doch ungewiss endet dieses Gedicht wie viele andere aber auf jeden Fall nicht in einem bereinigenden „Happy end“, sondern vielmehr in der großen Trübnis, im Unbewussten und Unbekannten, im Ausgeliefertsein gegenüber der Welt.„Du haftest in der Welt, beschwert von Ketten,/ doch treibt, was wahr ist, Sprünge in die Wand, / Du wachst und siehst im Dunkeln nach dem Rechten, / dem unbekannten Ausgang zugewandt.“Doch es ist weit mehr als das, was bereits in Die gestundete Zeit gewesen ist. Es ist nicht nur diese große Unklarheit des Individuums zu sich selbst und die Düsternis der Welt, die Depression. Hier bündelt sich noch viel mehr, und das auch auf sprachlich noch einmal vollkommen neue, ungeahnte Variationen. Direkt zu Beginn dieses Bandes findet sich das mehrseitige und mehrteilige Gedicht „Von einem Land, einem Fluss und den Seen“, das den Leser unmittelbar in die Lebenswelt von Ingeborg Bachmann und ihren lyrischen Ichs stellt. In diesen zehn Teilen des einen, großen Gedichts, ist alles miniaturartig gespiegelt, was den späteren Band ausmachen wird, und das auf meisterliche Art und Weise. Es ist faszinierend zu sehen, dass es Bachmann in beiden Fällen hervorragend gelingt, den Leser in den Bann zu ziehen: bei kurzer wie bei langer Lyrik. Wenigen Autoren, die sich Gedichten annehmen, gelingt es, vor allem auch lange Verse zu schreiben, den Leser über mehrere Strophen zu fesseln – die Motivik scheint schnell aufgebraucht, der sprachliche Reiz eines Gedichts nur für wenige Zeilen vorhanden. Lyriker, die es vermögen, auch über mehrere Verszeilen hinweg ein Gedicht zu strecken, sind wohl besonders zu bewundern – doch ist es die Mischung, die hier diesen Band am Ende auch so unheimlich abwechslungsreich erscheinen lässt. Langweilig wird einem nie werden bei der Lyrik Ingeborg Bachmanns, und schon gar nicht, wenn man diese beiden Sternstunden der Dichterei des 20. Jahrhunderts hintereinander liest: denn alles erfindet sich hier noch einmal auf eine neue Weise.So wird hier z.B. im titelgebenden Gedicht, „Anrufung des Großen Bären“, welches meines Erachtens auch das beste in diesen Band ist, die Frage nach Gott aufgeworfen. Eine Thematik, die man von Bachmann noch nicht kannte.„ Großer Bär, komm herab, zottige Nacht,/ Wolkenpelztier mit den alten Augen,/ Sternenaugen,/ durch das Dickicht brechen schimmernd/ deine Pfoten mit den Krallen,/ Sternenkrallen,/ wachsam halten wir die Herden,/ doch gebannt von dir, und misstrauen/ deinen müden Flanken und den scharfen/ halbentblößten Zähnen,/ alter Bär.“Natürlich ist der Interpretationsspielraum hier ganz offen, der alte Bär könnte alles sein, eine religiöse Interpretation liegt aber auch aufgrund der starken Motivik und Symbolik, von der hier noch die Rede sein wird, nahe. Zunächst einmal muss auch gesagt werden, dass es Bachmann versteht, einzigartige Wortschöpfungen zu Papier zu bringen, die sich fast schon beiläufig in ihre lyrischen Texte einfügen, und zu Gesamteindruck beitragen. Wenn man versucht, eines dieser Gedichte in diesem Band schnell zu lesen, wird man bemerken, dass der Sound von Bachmann dennoch ein klarer ist. Man wird nicht holpern oder stolpern, wenn man nicht bestrebt ist, irgendeinen tieferen Sinn hinter den Gedichten zu entdecken, denn die Tatsache, dass diese Lyrik einfach schon allein durchs bloße Lesen einen ganz eigenen Klang entwickelt, mit ihren Wörtern, mit ihrer Versstruktur, ist schon Lesequalität genug. Wenn man dann aber tiefer reingeht in die Strophen, wird man bemerken, wie fein konzipiert diese Gedichttexte sind. Hier scheint wirklich kein Wort an unbedachter Stelle, alles ist wirklich und echt, und so kann man nur davon ausgehen, dass hinter all dem, was hier versammelt ist, auch eine echte Empfindung steht.Immer und immer wieder muss man sich fragen, was das für eine Existenz sein muss, in der nichts rettet, in der nichts hilft. Noch nicht einmal in Gott scheint das lyrische Ich im Gedicht „Anrufung des Großen Bären“ einen Anhaltspunkt zu finden, die Erscheinung des Tiers aus dem Himmel ist gepaart mit dem wunderbaren Sternenhimmel und dem Panorama der Nacht dennoch anhaltend bedrohlich. Wie bereits angedeutet ist die Motivik und die Symbolik in Bachmanns Gedichten ganz entscheidend, und dadurch, dass sie sich in manchen Gedichten dieses Bandes nahezu häufen, liegt auch der Kern ihres Geheimnisses begraben, warum uns diese Texte so fesseln.„ Feuchte Flaggen hängen an den Masten,/ in den Farben, die kein Land je trug, / und sie wehen für verschlammte Sterne/ und den Mond, der grün im Mastkorb ruht.“Natürlich spielen die Symbole, die sich im Gedicht „Toter Hafen“ zu Hauf finden, immer auf etwas an. Der verschlammte Stern wäre z.B. gut als eine politische Anspielung auf den Kommunismus denkbar. Wer literaturwissenschaftlich an das Werk von Ingeborg Bachmann herangehen will, der wird sich wohl immer nur Teile vornehmen können: denn die Entfaltungsspielräume, die man mit auch nur einem dieser Gedichte hätte, sind enorm. Wenn man aber Lyrik liest, weil man eine gewisse Affinität zur Sprache und ihren Möglichkeiten hat, wenn man Lyrik liest, weil man eigentlich nicht darüber nachdenken möchte, was für ein Sinn hinter diesen Zeilen steckt, sondern weil man sehen möchte, was sie mit einem machen, dann ist man bei Bachmann eben mindestens ebenso richtig. Es brauch eine gewisse Zeit, um zu verstehen, dass es nicht die Themen und Thesen sein müssen, die einen überzeugen, sondern viel mehr die Art und Weise. Und die ist – wie man sieht – universell. Bachmann lässt sich nicht vorwerfen, ihre Gedichte wären reine Wortakrobatik, sie hat den Sinn, den so viele in den Gedichten glauben suchen und finden zu müssen. Nein, man kann ihr nicht vorwerfen, dass sie einfach nur „schön schreibt“. Aber sie tut das eben auch. Ihre Gedichte sind nicht kaputt konstruiert, man kann sich durchaus an diese Texte wagen, auch wenn man nicht den Anspruch hat, sie bis ins letzte Detail in ihrem Sinn zu durchdringen. Diese Gedichte kann man Gedichte sein lassen, denn sie werden nicht lebendig durch ihren Hintergrund, sondern durch ihren Klang und ihre Melodie. Einen verschlammten Stern kann man sich vorstellen, ganz ohne Kenntnisse über die Sowjetunion, ganz ohne das Wissen über den zeithistorischen Kontext, in dem Bachmann diese Gedichte geschrieben hat. Teilweise auch ohne zu wissen, was sich im Leben der Autorin selbst abgespielt hat, ohne zu wissen, wie es um ihre Psyche bestellt war, denn – so sei hier behauptet – spielen diese Faktoren, die fast schon therapeutische sein mögen, durchaus eine zentrale Rolle in ihrem Schreiben überhaupt. Wenn man das erkannt hat (und es lässt sich in diesem Band erkennen), dann wird man auch jenes kryptische Zitat entschlüsseln können, in dem sich Bachmann über den schnellen Abschied von einer kurzen Schaffensphase äußerte, von der uns heute aber noch so viel geblieben ist.„Ich habe aufgehört, Gedichte zu schreiben, als mir der Verdacht kam, ich ‚könne‘ jetzt Gedichte schreiben, auch wenn der Zwang, welche zu schreiben, ausbliebe. Und es wird eben keine Gedichte mehr geben, eh’ ich mich nicht überzeuge, daß es wieder Gedichte sein müssen und nur Gedichte, so neu, daß sie allem seither Erfahrenen wirklich entsprechen.“Diese Sätze sprechen nicht nur für Ingeborg Bachmann als Lyrikerin, sondern auch für sie als Person. Schreiben ist für sie nichts Materielles. Jeder hätte ihren dritten, ihren vierten Band gelesen, vielleicht auch gelobt – doch sie blieben eben aus, weil sie sich selbst etwas vergeben hätte. Sie wird an neue Ufer übergehen, wird sich der erzählenden Prosa widmen, einen Roman hinterlassen und zahlreiche Erzählungen. Was es mit ihnen auf sich hat, wird an anderer Stelle zu klären sein, Fakt ist, dass man Bachmann als Schriftstellerin auf jeden Fall in Gänze betrachten muss, wenn man adäquat über sie urteilen möchte. Es gab keine weiteren Gedichte, denn Bachmann kam im Oktober 1973 auf ungeklärte Art und Weise zu Tode – zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung von Die gestundete Zeit, ihrem ersten und bis heute wohl auch größten Erfolg. Das lyrische Werk von dieser Autorin zu begleiten ist faszinierend und – wenn man die Sprache liebt – auch eine Notwendigkeit, der man nicht entgehen sollte. Die Furcht, die man haben könnte vor dem großen Namen und den großen Themen, und – natürlich – auch vor dem großen Genre, sind vollkommen unberechtigt, wenn man die ersten Verse dieses oder eines anderen Bandes von ihr gelesen hat. Es geht um etwas ganz anderes. Nicht darum, was man selbst glaubt erkennen oder sehen zu müssen, nicht das, was irgendein Literaturwissenschaftler nach reiflicher Recherche über diese Texte erörtert hat. Es geht darum, was man selbst dabei empfunden und gedacht hat, und das ist ja ein individueller, endloser Spielraum, der sich da eröffnet. Bachmanns Kunst: dieser Spielraum wird niemals, auch nicht in fünfzig oder sechzig, in hundert Jahren, eingegrenzt werden können.„Du willst das Wetterleuchten, wirfst das Messer,/ du trennst der Luft die warmen Adern auf;/ dich blendend, springen aus den offnen Pulsen/ lautlos die letzten Feuerwerke auf: / Wahnsinn, Verachtung, dann die Rache, / und schon die Reue und der Widerruf/ Du nimmst noch wahr, dass deine Klingen stumpfen,/ und endlich fühlst du, wie die Liebe schließt:/ mit ehrlichen Gewittern, reinem Atem./ Und sie verstößt dich in das Traumverlies./ Wo ihre goldnen Haare niederhängen, / greifst du nach ihr, der Leiter in das Nichts./ Tausend und eine Nacht hoch sind die Sprossen./ Der Schritt ins Leere ist der letzte Schritt./ Und wo du aufprallst sind die alten Orte,/ und jedem Ort gibst du drei Tropfen Blut./ Umnachtet hältst du wurzellose Locken. Die Schelle läutet, und es ist genug.“(„Lieder auf der Flucht, XI“)
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