In einer Rezension sollte jedes Werk für sich stehen und nicht mit dem sonstigen Schaffen des jeweiligen Autoren verglichen werden. Beim Sonderfall Andreas Brandhorst möchte ich ein wenig davon abweichen. So frage ich mich: Wie schafft er es nur, neben der teils hervorragenden Übersetzungarbeiten auch noch eigenständige Romane in dieser Qualität und Menge zu schreiben, dass der Feierabendleser kaum noch mitkommt, will er nicht durch die Zeilen eilen, sondern genussvoll lesen und die Story miterleben?Hier jedenfalls hat der Autor daran gedacht, dass sich die Geschichte einfach entwickelt, keine Unzahlen von Handlungstragenden allzugroßen, dauernden Orts- und Zeitsprüngen und verwirrten Erzähsträngen unterliegen und der Leser dranbleibt.Das Genre lebt davon, wie sehr die technisch-wissenschaftliche Fantasie glaubhaft sprüht und wie sich neue Ideen in die Erzählung einfügen. Da wird der Leser bei Brandhorst reichlich bedient, ein vielseitiges Glossar am Ende des Buches bezeugt dies. Nicht alles davon ist wirklich neu und glaubwürdig, wie die Behauptung, nur menschliche Persönlichkeiten ließen sich transferieren. Das setzt voraus, es gäbe so etwas wie eine Seele, die Maschinenwesen natürlich nicht hätten, obwohl letztere hier sehr wohl mit allzumenschlichen Empfindungen und Motiven auftreten. Andreas Brandhorst bedient sich gerne auch heutiger Entdeckungen aus der Teilchenphysik und des Standardmodells, die selbst schon phantastisch anmuten, sich allerdings nicht auf die kosmologische Welt anwenden lassen und, so vorgetragen, der Glaubwürdigkeit abträglich sind. Während des Lesens geht man aber darüber hinweg, wenn die Spannung ausreicht - also geschenkt.Wichtig ist daher, dass sich ein dramatischer Spannungsbogen entwickelt und auf einen Höhepunkt getrieben wird. Dies ist hier gegeben, wenn auch der eine oder andere Transfer die Geschichte nicht weiterbringt, weil es keine neuen Aussichten und Hoffnungen gibt. Die Auflösung, was denn nun das Schiff ist oder will, worin die Bedrohung liegt, erscheint mir etwas lapidar vorgetragen, vor allem, was es dann tut. Das ist konsequent und genau erzählt, kommt aber vielleicht deswegen ein wenig emotionslos herüber. Auch das Ende sollte eher wie in der Musik ein Tusch sein. Leider zieht es sich hier doch sehr hin - dafür ist es nachdenklich und versöhnlich gestaltet.Die Einleitung zu diesem Schluss bildet eine Meinung zur Evolution, die erwiesenermaßen falsch ist und beim Leser ein verbreitetes Missverständnis hervorrufen kann: Das biologische Leben entwickelt sich nicht zwanghaft vom "Kleinen zum Großen, vom Niederen zum Höheren, vom Einfachen zum Komplexen". Aus der Sicht einiger Leute mag es so aussehen, jedoch fehlt jeder Beweis für eine solche Annahme. Bewiesen ist, dass auf der Erde erfolgreich seit Jahrmilliarden bis heute das allergrößte biologische Reservat aus Einzellern oder wenig komplexen Lebewesen besteht, die sich leicht ihrer Umgebung anpassen und damit entwickeln können. Komplexe Vielzeller wie wir sind eher seltene Exoten und anfälliger für Umweltänderungen, weil biologisch ziemlich aufwändig gebaut.Auch gibt es wohl keinen "von Materie und Naturgesetzen geschaffenen Plan", der mit der Entwicklung von Intelligenz endet. Das passt dem Autoren gut zu seiner Geschichte über Maschinenintelligenzien. Wenn es einen von Naturgestzen geschaffenen Plan gäbe, was hat dann die Naturgesetze erzeugt? Und sollten die vielen Milliarden Tonnen Biomasse in den Meeren und Landschaften nur den Zweck haben haben, eine Art mit Intelligenz und Selbsterkenntnis zu entwickeln - und warum eigentlich? Welche Prozesse versprechen, den Fortbestand allen Lebens zu erhalten, trotz der unvorhersehbaren, aber ständigen Umweltänderungen und Katastrophen, einschließlich vielleicht sogar der durch die menschliche Kultur verursachten?Es wird wohl eher so sein, dass die Natur gar keinen Plan haben darf. Nur über den Prozess ständiger, zufälliger Neuentwicklungen von Individuen und ihrem Untergehen, wenn sie ungeeignet sind oder ihrem Bestehen und Fortpflanzen bei Eignung kann es ein Fortbestehen des Lebens geben. Außerdem würde die Evolution sich selbst abschaffen, wenn ein Ziel vorgegeben wäre und sie dieses erreichte. Dann bestände kein Sinn mehr, diese Prozesse fortzuführen, sofern es denn vorher schon einen Sinn gegeben hätte. Die Zielerreichung wäre langfristig das Ende auch für das Leben, das zuvor selbst nach Meteoreinschlägen oder Eiszeiten wieder auferstehen konnte.Ohne einen nachweislich nicht vorhandenen Willen, ohne Plan und ohne Zielsetzung im Rahmen der Naturgesetze hatte die Natur in einer zufällig agierenden Umgebung nur die Chance, sich auf die Art und durch alle Zeiten bis in die Zukunft hinein so zu entwickeln, wie wir sie inzwischen immer besser kennenlernen - und das ist weitergehend, als in diesem Zukunftsroman geschildert wird.Zum Roman: Der packenden Erzählung schadet das nicht so sehr, wenn etwas mehr Fiktion als Science auftaucht. Der Lerneffekt und die Förderung der Neugier, sich mal mit Wissenschaft zu beschäftigen, was ja auch früher einmal Teil des Genres war, leidet dadurch allerdings ein wenig. Auch ergibt sich im Buch auch kein Lerneffekt daraus, dass die Zerstörung nicht auf eine menschenähnliche Kultur, sondern wieder mal auf außerirdisches Agieren zurückgeführt werden kann.
Auf der Erde leben nur noch vier Millionen Menschen. Vor etwa 6.000 Jahren hat die Klimakatastrophe und damit einhergehende Kriege die Menschheit dezimiert. Heute wird den Menschen zum 30. Geburtstag die Unsterblichkeit geschenkt. Zumindest Altern sie nicht mehr und auch Krankheiten gibt es für sie nicht mehr. Es ist ein Leben in Frieden, Freiheit und Überfluss. Für alle Bedürfnisse sorgen die Maschinen, die die Menschen vor Jahrtausenden entworfen haben. Es sind auch die Maschinen, die sich seither weiterentwickeln, die den Menschen das ewige Leben schenken.Und während die Menschen sich um sich selbst, ihren Konsum, ihre Bildung oder einfach nur ihrem Müßiggang kümmern, sind es die Maschinen, die das Universum erforschen. „Seit tausend Jahren schickten die intelligenten Maschinen der Erde lichtschnelle Sonden zu den Sternen. Sie sollten Kolonien gründen, die Saat des Clusters ausbringen, des Maschinenbewusstseins, seine Evolution auf der kosmischen Bühne fortsetzen und nach anderen Formen der Intelligenz suchen, nach biologischen Zivilisationen und Überlebenden des ‚Weltenbrandes‘, der vor einer Million Jahren mehrere hoch entwickelte Völker ausgelöscht hatte.“So beginnt Andreas Brandhorst „Das Schiff“ und steckt damit gleich mal einen opulenten Rahmen ab. Für die Spannungsbögen ist gesorgt. Was war der Weltenbrand? Wer war dafür verantwortlich? Und offensichtlich gab es andere Zivilisationen, haben da welche überlebt? Welche „Außerirdischen“ gibt es oder gab es? Wie entwickelt ist das Maschinenbewusstsein? Was ist der Cluster? Und das sind nur die Fragen, die sich aus den ersten beiden Sätzen des Buches ergeben. Science Fiction steht und fällt häufig mit dem ausgeklügelten Worldbuilding. Da muss sich Brandhorst mit seinen Ideen sicher nicht verstecken.Der Einstieg in „Das Schiff“ fällt allerdings nicht ganz leicht. Brandhorst wirft mit Begriffen aus der Zukunft recht locker um sich, was einige Male den Lesefluss zum Stocken bringt oder gleich gänzlich das Verständnis zum Erliegen bringt. Aber ich will es nicht dramatisieren, es ist lediglich ein überflüssiger Stolperstein. Danach entwickelt sich eine sehr spannende Science Fiction Story. Und Andreas Brandhorst zeigt sich als Könner des Spannungsaufbaus und der Cliff Hanger zwischen den Kapiteln. Auch wenn nicht alles gänzlich überzeugen kann und auch wenn das Maschinenbewusstsein einige leichte Logiklücken aufweist, bleibt die Gesamtspannung immer bestehen.Auch erweist sich Brandhorsts Beschränkung auf wenige Protagonisten als äußerst angenehm. Zumindest die Beschreibung der Hauptperson ist ihm ausgezeichnet gelungen, dagegen verblassen allerdings die meisten anderen Personen, von der künstlichen Intelligenz mal ganz abgesehen. „Das Schiff“ ist kein lauter Science Fiction Kracher mit Weltraumschlachten, Kriegen und unzähligen modernen Waffensystemen. Ganz im Gegenteil ist es eine eher leise Geschichte, die dennoch nicht mit Action geizt. Mir gefällt der Schreibstil ausgezeichnet auch wenn mich nach der Lektüre die Geschichte nicht vollends überzeugen konnte. Entgegen manch anderer Rezension betrachte ich „Das Schiff“ nicht als Meisterwerk. Gute und lohnende Unterhaltung ist es aber auf jeden Fall.