Hannah Arendt, Vom BösenWas Hannah Arendt 1961 im Zuge des Eichmann Prozesses über das Böse sagt und schreibt, hat bis heute gesellschaftliche und persönliche Relevanz. Denn: Was ist böse? Und wie entsteht das Böse? Ist es genauso tief im Menschen verwurzelt wie das Gute? Eine Frage, über die Philosophen zu allen Zeiten nachgedacht haben.Hannah Arendt sagt: Das Böse ist immer nur extrem, aber niemals radikal (von radix, lat. Wurzel), es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. Es kann die ganze Welt verwüsten, gerade weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiter wuchert. Tief aber und radikal ist immer nur das Gute. Das Böse ist laut Hannah Arendt also etwas Horizontales, nichts Vertikales, eine Art Flächenbrand, der sich ausbreitet, wenn viele Menschen von gleichen Übel bringenden Überzeugungen ergriffen sind. Aber sind es nicht diese Überzeugungen per se, die das Böse" in uns hervorrufen?Laut vielen anerkannten Erziehungs- und Beziehungspädagogen wie Mathias Voelchert und Jasper Juul sind es unsere Vorstellungen - unsere Ansichten und Überzeugungen -, die uns von anderen Menschen trennen. Jeder von uns trägt unterschiedliche Ansichten und Prägungen in sich und wenn wir in Beziehung treten, in Partnerschaften oder Freundschaften, prallen diese Vorstellungen oft aufeinander und führen zum Konflikt. Dann müssen wir uns fragen: Wollen wir an unseren Vorstellungen festhalten (und uns evtl. trennen) oder sie hinterfragen und vielleicht auch korrigieren, weil uns die Beziehung mit dem anderen wichtig(er) ist?Scheidungen sind oft das Resultat von gescheiterten, meist romantischen Vorstellungen von der Ehe: wie man es sich wünscht, wie man glaubt, dass es zu sein hat, vielleicht auch wie man es als Kind durch Eltern und andere Vorbilder erlebt hat. Beziehung findet immer dann statt, wenn ich von diesen Vorstellungen Abstand nehme, wenn ich genug Raum zwischen ihnen und mir entstehen lasse, dass ich den anderen und seine Vorstellungen in diesem Raum wahrnehmen kann. Wenn ich von meinem hohen Ross" hinuntersteige, das mir weismachen will, ich wüsste es besser als der andere, und mich auf eine gleichwertige oder - wie Jasper Juul es so schön nennt - gleichwürdige Ebene mit dem anderen begebe.Vorstellungen und Überzeugungen bauen, auch wenn sie sich flächenbrandmäßig (horizontal, wie ein Pilz an der Oberfläche) ausbreiten können, auf der Vertikalen auf, nämlich auf einem Oben und Unten, auf Ungleichheit, Unwert, Bewertung und Urteilen, Vorurteilen. Sie entstehen durch eine innere Abspaltung, eine innere Arroganz dem anderen, aber auch mir selbst gegenüber. Ein Teil von mir erhebt sich über einen anderen Teil (selbst Adolf Eichmann hat dies in seinem Prozess zutiefst unsicher ausgesagt), der innere Dialog, als den Hannah Arendt das Denken bezeichnet, findet nicht statt. Die Beziehung zu mir selbst, meinem Körper und Geist - Kopf, Herz und Bauch - ist gestört. An anderer Stelle nennt Hannah Arendt dies Dummheit, empörende Dummheit: Das habe ich eigentlich gemeint mit Banalität. Da ist keine Tiefe - das ist nicht dämonisch! Das ist einfach der Unwille, sich je vorzustellen, was eigentlich mit dem anderen ist, nicht wahr?Das Vermögen, sich in jeden andern zu denken, so sagt es Kant, ist gleichzeitig aber auch das Vermögen, gegen die andern, den Strom, zu denken. Also nicht gehorsam zu sein, auch nicht als Kind - in diesem Fall ist die Zeit Hannah Arendt voraus -, alles zu hinterfragen und seine eigene Haltung in jedem noch so geringsten Punkt des eigenen Lebens einzunehmen, das sind Aufgaben, die Menschen zu allen Zeiten herausgefordert haben. Oder um es mit Sokrates zu sagen: Es ist besser, mit der ganzen Welt uneins zu sein als mit sich selbst, da ich ja einer bin. Wenn ich also mit mir selbst wirklich zusammen lebe, wenn ich mich bei allem und jedem frage: Will ich oder will ich dies nicht tun?, dann spreche ich mit mir selbst, dann denke ich, so Hannah Arendt, dann habe ich Umgang mit mir. Aber, und jetzt wieder die Beziehungspädagogen, dann bin ich auch kein Opfer, dann sage ich: Dies bin ich mir Wert und deshalb lasse ich das nicht mit mir geschehen. Ich lass mich nicht benutzen, nicht beschmutzen, weder schlecht behandeln noch in irgendeiner Weise klein machen. Ich bin von Wert und bin es mir wert, gegen dich meine Stimme zu erheben und mich dir zuzumuten.In all diesen Gedanken war Hannah Arendt ihrer Zeit voraus. Sie wusste, dass alles, was wir im anderen ablehnen, beurteilen oder verurteilen mit uns selbst zu tun hat, wir lehnen einen Teil unseres eigenen Wesens ab. Sie sagt: Der schweigende Dialog (das Denken) indiziert Pluralität, aber Vorbild ist der Dialog mit Anderen. Nur weil ich mit Anderen sprechen kann, kann ich auch mit mir sprechen. Aristoteles hat (mit autos allos") Unrecht. Der Freund ist nicht ein anderes Selbst", sondern das Selbst ist ein anderer Freund.Unabhängig, gegen den Strom und ohne Geländer zu denken, das ist Hannah Arendts Vermächtnis. Wenn wir gegen die Arroganz, den Hochmut, die Hoffart, die Hybris des Menschen angehen, wenn wir uns wie Hannah Arendt das Verstehen-Wollen auf unsere Fahnen schreiben (Ich will verstehen), wenn wir aufhören, bewusst und in jeder Hinsicht, Opfer zu sein (und andere zu Tätern zu machen), wenn wir nicht über sondern mit Menschen reden und das Andere im Eigenen erkennen, dann kann uns das Böse" weniger versuchen. Weil das Böse" in der Abspaltung zuhause ist und nicht in der Einheit mit uns selbst. Sich wieder und wieder um den anderen/ das Andere bemühen, bedeutet Zukunft: das Erbe unserer Väter und Mütter antreten, und das von Hannah Arendt.Der Film ist absolut sehenswert! Ein Hoch auf Margarethe von Trotta, die das Denken gefilmt hat und auch auf die großartige Schauspielerin Barbara Sukova. Dieses Buch ist für alle, die den Film vertiefen wollen, überaus lesenswert.
Nüchterne Sachlichkeit und fehlende Weitsicht, was sie mit ihrem Protokoll des Eichmann-Prozesses auslösen könnte, machten Hannah Arendt zum Mittelpunkt einer der grössten Kontroversen des vergangenen Jahrhunderts und kosteten sie einige Freundschaften, an denen ihr Herz gehangen hatte. Diese Sachlichkeit war aber auch nur eine Seite, die andere war voller Charme, Herz und auch einer gewissen Schüchternheit. Hannah Arendts erster Mann, Günther Stern, brachte die Widersprüchlichkeiten ihres Charakters auf den Punkt:"Sie war damals zugleich profund, frech, fröhlich, herrschsüchtig, schwermütig, tanzlustig – für die scheinbaren Widersprüche übernehme ich keine Verantwortung – sie war eben so."Das vorliegende Buch mit einem Vorwort von Franziska Augstein ist mehr als ein Buch zum Film. Es bietet eine Annäherung an eine der grössten Denkerinnen von verschiedenen Seiten, es beleuchtet ihr Leben und Werk (vornehmlich das Buch Eichmann in Jerusalem, dessen Entstehung die Ausgangslage zum Film bot).Margarete von Trottas schildert, wie sie sich langsam der Person Hannah Arendt annäherte und von ihr immer mehr begeistert war. Auch werden die Schwierigkeiten offensichtlich, die bei der Suche nach den geeigneten Mitstreitern und vor allem nach den finanziellen Mitteln für einen solchen Film auftauchen. Vom ersten Gedanken bis hin zum fertigen Film sollte mehr als eine Dekade ins Land streichen. Pam Katz (Mitautorin), Barbara Sukowa und Klaus Pohl (Schauspieler) beschreiben ihre Auseinandersetzung mit diesem Film und der Rolle, die sie dabei spielten und Bettina Brokemper den Weg vom Projekt hin zum Film.Viel Platz wird der Arendt-Kontroverse rund um das Buch Eichmann in Jerusalem gewidmet. Mary McCarthy, Schriftstellerin und Hannah Arendts Freundin bezeichnet das Werk als „Dokument ethischer Verantwortung, Ernst Vollrath zeichnet ihren Gedankengang vom „radikal Bösen“ (Kant) hin zur „Banalität des Bösen“ nach und auch Jerome Kohn und Rainer Schimpf beleuchten Aspekte des Buches und der daraus entstehenden Debatte, die für Hannah Arendt sehr schmerzlich war.Durch Volker Schaefer gelingt noch ein Blick in Hannah Arendts Wohnung in New York, die Zentrum ihres Schaffens, Liebens und der Freundschaftspflege war, also quasi ihr ganzes Leben beherbergte.Fazit:Ein sehr gelungenes Buch, das einem Hannah Arendt in ihrem Schaffen und Sein näher bringt und zudem einen Einblick in die Entstehung des Filmes über sie bietet. Sehr empfehlenswert!
Bei diesem Buch handelt es sich um eine Sammlung von Texten, die im Umfeld des Filmes von Margarethe von Trottas Film über Hannah Arendt enstanden sind und deren Mittelpunkt Tagebucheintragungen von Trottas, "das H.-A.-Projekt betreffend" stehen. Zu diesen gesellen sich Beiträge weiterer am Filmprojekt Beteiligter, sowie Artikel von Personen aus dem Schüler- und Bekanntenkreis Hannah Arendts. Hierbei erscheint mir die Dokumentation der Herangehensweise von Nicht-Philosophen an eine Philosophin durchaus interessant, da ungewöhnlich.Aus der Frage Margaretha von Trottas, wie man einen Film über eine Frau machen kann, die ihr Leben dem Denken (über die Bedingungen der menschlichen Freiheit) gewidmet hat, ergibt sich die Fokussierung auf die Debatte über Hannah Arendts Eichmann-Buch über die Banalität des Bösen, die für Arendt wüste Beschimpfungen und den Bruch langjähriger Freundschaften bedeutet. Meherere Artikel von Weggefährten Hannah Arendts analysieren die von dem Buch provozierten Konflikte. Zu diesem Problemkomplex ist auch Hannah Arendts berühmtes Interview mit Joachim Fest "Eichmann war von empörender Dummheit" (vom 09.11. 1964) abgedruckt, das allerdings auch im O-Ton in youtube gesehen werden kann.Für Personen, die sich intensiver mit Leben und Werk der Philosphin beschäftigt haben, bringt dieser Band keine neuen Einsichten. Für diejenigen, die sich über den genannten Film an die Denkerin annähern, bietet das Buch interessante Vertiefungen, die allerdings um einige biographische Informationen hätten ergänzt werden können.