Ein kritischer Beitrag zu Ihrem Buch „Der Ego-Tunnel“Sehr geehrter Prof. Metzinger,mein Name ist X, ich arbeite seit sehr vielen Jahren im Bereich der medizinischen Rehabilitation von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen und habe mit großem Interesse Ihr Buch „Der Ego-Tunnel“ gelesen. Seit ca. 10 Jahren freue ich mich zunehmend über die positiven Auswirkungen der Erkenntnisse der Hirnfor-schung auf den Bereich der Psychotherapie, was sich z.B. auch in der wachsenden Einbeziehung des Körpers (Embodiment, Achtsamkeit, etc.) in der Therapie ausdrückt. Die überzeugenden hilfreichen Erfahrungen damit sind in meiner therapeutischen Arbeit mit großer Freude und Neugier an neuen „Wissenserfahrungen“ verbunden, weswegen ich auch ihr Buch gelesen habe.Wenngleich ich Ihre Sicht des PSM etc. oder auch die Ausführungen über Spiegelneuronen und Vieles mehr sehr spannend und anregend fand, halte ich Ihre daraus gezogenen philosophischen Schlüsse und der wissenschaftlichen Ergebnisse für eine starke Engführung des Denkens und des damit verbundenen Potentials. Im Verlauf des Lesens beschlich mich eine gewisse Ungeduld, da ich bis zur letzte Seite voll Spannung darauf war, welchen Einfluss Ihre Schlussfolgerungen auf „Das gute Leben“, in einer sich immer mehr polarisierenden sozialen, politischen und ökologischen Welt aber auch für meine therapeutische Arbeit und mich persönlich haben könnte. Bei meiner Suche danach hat mich Einiges befremdet, weswegen ich mich entschlossen habe, Ihnen eine Brief zu schreiben.Besonders in den zugespitzten Aussagen im letzten Teil Ihres Buches kommt es mir so vor, als bezögen Sie eine Position, aus der Sie eine Draufsicht aller Metaebenen einnehmen wollten. Beim Lesen habe ich in diesem Zusammenhang einen enormen Abstand zu „der Welt da draußen“ (was Philosophie vielleicht ja auch leisten soll..) erlebt. Aus dieser Höhe entwickeln Sie nun Ihren Entwurf einer neuen „Bewusstseinsethik“, deren kritische Entfaltung ich in mancher Hinsicht durchaus teile. Gemessen an dem positiven Potential mancher Ausführungen Ihres Buches empfand ich allerdings vor dem Hintergrund des beschriebenen Abstandes Ihre Schlussfolgerungen als wenig ansteckend als Inspiration für reale Veränderungen in dieser Welt. Ich war schon immer ein Skeptiker gegenüber ideologischen Überhöhungen. Und Sie deuten ja erfreulicherweise selbst an einigen Stellen an, dass auch Ihr Prinzip der intellektuellen Redlichkeit dieser Gefahr ausgesetzt sein könnte und genau diese Züge haben sich mir (als Leihen) beim Lesen aufgedrängt.Die Fragen der Weiterentwicklung von Bewusstseinszuständen oder auch der KI brauchen eine ethische Auseinandersetzung und klare ethische Grenzen, insofern teile ich die Anliegen einer „Bewusstseinsethik“. Wenn es Ihnen darum geht, verbunden mit einem suchenden „kontinuierlichen Prozess des Loslassens“ und wenn Sie gar freudige Neugier auf immer neues Wissen wecken wollen (was mich oft antreibt), dann hätte ich mir größere Brücken zur Lebenswirklichkeit von realen Menschen gewünscht. Menschen, die noch nicht erkannt haben „dass sie selbstlose Ego-Maschinen sind“. Menschen die in ihrem Ego-Tunnel gar nicht erkennen können, was wissenschaftlich nachweisbar mit ihnen los ist. Sie sind blind für die Erkenntnisse, die aber Sie erkannt haben und auf Begriffe bringen können.Verehrter Herr Metzinger, es fällt mir nicht leicht mich argumentativ, ohne die Ihnen zur Verfügung stehenden geschärften Instrumente, der philosophischen Argumentation zu stellen, zumal ich Ihnen intellektuell in keiner Weise das Wasser reichen kann. Gleichwohl hielt ich es für „intellektuell redlicher“ es zu tun.In meinem Verständnis von „intellektueller Redlichkeit“ schaue ich auf etwas ande-res, was ich auch ihnen in positiver Weise unterstelle. Die Summe all dessen was „Das gute Leben“ ausmacht, dessen wofür wir ethisch eintreten sollten – also auch ein Bewusstseinsethik aber auch eine Ethik, der den Wahn des Machbaren Grenzen setzt, um ein friedliches Miteinander von Menschen in der Zukunft wahrscheinlicher zu machen, hat nicht nur mit einer Geisteshaltung zu tun. Sie muss, wenn sie sich nicht nur selbst genügen will, die Lebenswirklichkeit von realen Menschen oder Gesellschaften erreichen und bewegen können. Da ist für mich weder die Religion, noch ethnische Fragen noch Intellekt primär entscheidend, sondern die Orientierung aller Menschen auf ein menschliches lebenswertes Leben auf dieser Erde.Schülern schon früh Erfahrungsräume zu bieten, wie Sie Bewusstseinszustände z.B. durch Tiefenatmung oder Achtsamkeitstraining und damit auch die Achtung Anderer, positiv beeinflussen können, finde ich sehr wichtig. Die Art Ihrer Beschreibungen über OBE`s, die Nutzung von bewusstseinsbeeinträchtigenden Stoffen, wie auch Ihre z.T. optimistischen visionären Zukunftsfantasien zu wissenschaftlichen Entwicklungen und zur KI., zeigen jedoch aus meiner Sicht einen solchen Abstand zu der realen vielfältigen Welt (der Ego-Tunnel) echter Menschen. Das macht die Anschlussfähigkeit und somit den direkten Nutzen für das gute Leben extrem schwierig.Sie beschreiben Menschen als „selbstlose blinde Ego-Maschinen“, für die es vernünftig wäre, ihr Bewusstsein weiterzuentwickeln und das Wissen aus der Hirnforschung,wenigstens ein wenig mitzudenken – so weit so gut. Der Punkt an dem Sie jedoch nahezu alle Brücken zu „nichtakademischen Menschen“, also zum größten Teil der gegenwärtigen Menschheit (mindestens 2/3 sind zudem noch religiös), hinter sich abreißen, sehe ich dort, wo Sie Ihre säkulare Spiritualität (die ich übrigens nicht grundsätzlich ablehne) derart überhöhen, indem Sie diesen mit Begriffen wie Würde, Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit und intellektueller Redlichkeit Nachdruck verleihen wollen. Wer nun zur Fraktion der Redlichen gehört und für wen diese Werte nicht gelten schwingt implizit natürlich mit. Dies Alles macht es mir als Leser sehr schwer und es schiene mir ein heilloses Unterfangen, wenn ich versuchen würde, zu dieser Fraktion gehören zu wollen.Verehrter Professor Metzinger, mir geht es in keiner Weise darum, Sie oder die vielfältigen Leistungen der Hirnforschung und die Beiträge der Philosophie abzuwerten. Ich habe den Brief auch geschrieben, um mich selbst einigermaßen argumentativ flexibel zu halten. Herzlichen Dank, dass Sie dazu beigetragen haben (ohne Ironie). Die Wahrscheinlichkeit mit Ihnen mal ein Bier zu trinken, halte ich zwar für ziemlich gering aber ich würde es bezahlen.Mit freundlichen GrüßenX