Das neue Buch von Michael Schmidt-Salomon weckt hohe Erwartungen und diese werden - das sei vorweggenommen - nicht enttäuscht! Nach Aussage des Verfassers beschließt es einen Zyklus von vier Büchern ("Manifest des evolutionären Humanismus", "Jenseits von Gut und Böse", "Keine Macht den Doofen", "Hoffnung Mensch"), die grundlegendes philosophisches und naturwissenschaftliches Wissen zur Welt vermitteln. Der Mensch in all seinen Facetten, in seinem evolutionären Gewordensein, in seinen Beschränkungen und Möglichkeiten, in seiner Bedeutung und Stellung auf der Erde (und im Kosmos) steht dabei im Mittelpunkt aller Überlegungen, die gleichzeitig auch zeigen, wie er - auf Basis von Wissen und Humanismus -, frei von übernatürlichen Annahmen, Orientierung im Dasein und Sinn im Leben finden kann."Hoffnung Mensch" ist ein großer Wurf und kann vielleicht als (bisheriges) Opus magnum des Autor bezeichnet werden. Es errichtet - in klarer, pointierter Sprache - ein großes, komplexes Gedankengebäude, das die Fundamente (sowie die geschichtliche Entwicklung) des Wissens um die Welt und des menschlichen Seins und Bewusstseins beschreibt und die den Menschen gegebenen Möglichkeiten aufzeigt, ihre existenziellen Grundprobleme und -bedrohungen zu überwinden, bzw. zu mildern. Den Grundtenor des Buches könnte man mit optimistischem Rationalismus umschreiben; dies zeigt sich schon im Vorwort ("Abschied vom Zynismus"), wo der häufig zu vernehmenden These, der Mensch sei ein fataler Irrläufer der Evolution, entschieden widersprochen wird.Das Buch gliedert sich in 3 Teile mit 8 Kapiteln und einer Reihe von Unterkapiteln. In Teil 1 ("Die bedrängte Spezies") beschreibt der Autor die "Nöte des Menschseins", die "Erfahrung des Absurden", die "Widrigkeiten des Lebens" und die "Ungerechtigkeit der Welt", wobei auch die Religionen Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam in ihren Kernaussagen und vielfältigen Funktionen Erwähnung finden.Im Kapitel "Das neue Bild des Menschen" erläutert Michael Schmidt-Salomon neben dem evolutionären Gewordensein des Menschen die Wurzeln seiner Kultur sowie den Aufstieg (Cicero) und Fall des Humanismus (bürgerlicher und sozialistischer Humanismus scheitern an Fehlinterpretationen der Evolution). Die von Julian Huxley aufgezeigte Alternative eines antidualistischen, naturalistischen, weltumspannenden "Evolutionären Humanismus" vermittelt - jenseits von Illusionen - als Weltanschauung Hoffnung.In Teil 2 ("Die unterschätzte Spezies") beschreibt der Verfasser in mehreren Unterkapiteln die geschichtliche Entwicklung sowie den heutigen Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse in den Bereichen Physik, Kosmologie, Chemie, Biologie (Entstehung des Lebens) und Evolution (kosmisch, intergalaktisch, chemisch, biomolekular, biologisch und kulturell).Das Kapitel "Das erfinderische Tier" handelt von der "Technologie des guten Lebens" (Erfolge in Technik und Medizin), im Kapitel "Das sinnliche Tier" wird aufgezeigt, wie weit die mit sexueller Auslese verknüpften Evolutionsmechanismen den Sinn für das Schöne im Menschen entwickelt und letztendlich zu Ästhetik und Kunst - als emotionelle Sprache und als Möglichkeit, Lebenssinn sinnlich erfahrbar zu gestalten - führten (dass der Verfasser auch Musiker ist, zeigt sich daran, dass der Bedeutung von Musik 20 Seiten gewidmet sind).Im Kapitel "Das ethische Tier: Der Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit" vermittelt der Autor "Das Wunder der Empathie". Er erläutert, weshalb und wie sehr - mittels Spiegel- und Spindelneuronen - der Mensch zu empathischen Reaktionen fähig ist und wie entscheidend diese das Zusammenleben steuern. Der Mensch ist das empathischste Lebewesen, wobei allerdings Empathie (Nächstenliebe) zur eigenen Gruppe oft mit Ablehnung von fremden Gruppen verknüpft ist, was zu schrecklichen Grausamkeiten führen kann. Ingroup- und Outgroup - Denken sind anthropologische Konstanten, sie können aber - und müssen - kulturell gemäßigt, bzw. überwunden werden (ein geschichtlicher Überblick mit Hinweisen auf Lukrez, Thomas Paine, Olymp de Gouges etc. ergänzt die Ausführungen).Der Teil 3 des Buches ("Hoffnung Mensch") beinhaltet dessen zentrales Anliegen: In einer Welt des Umbruchs, in einer Welt voll Krisen, Zerstörung und Unsicherheit, Glaube an die Menschheit und Hoffnung für die Zukunft zu vermitteln.Ausgehend von 10 Problemfeldern (ökologische Zerstörung, ökonomische Fehlentwicklungen, Demokratiedefizite, Korruption und Kriminalität, Kriege, Gruppenideologien, Armut und soziale Ungerechtigkeit, Krankheiten und Seuchen, Bevölkerungswachstum, unzulängliche Bildungssysteme) werden mögliche "Wege aus der Krise" beschrieben und die dazu notwendigen geistigen und ethischen Erfordernisse sowie Verhaltensänderungen aufgezeigt. "Brennende" Geduld - nicht Duldsamkeit, alles beim Alten zu belassen - ist Voraussetzung zur Lösung der großen Weltprobleme. Geduld auch, Rückschläge zu verkraften und immer wieder neu zu beginnen! Besonders wichtig ist die Beseitigung struktureller Defizite, der Autor nennt dazu drei Hauptforderungen: 1. Die Etablierung einer rationalen Wirtschafts- und Finanzpolitik, 2. die Entwicklung intelligenter Technologien, 3. die Entwicklung einer transkulturellen, humanistischen Perspektive für einzelne Individuen und die gesamte Menschheit. Glaube an die Menschheit bildet eine entscheidende Ressource zur Lösung der globalen Probleme, "The Family of Man" als biologisches Faktum sowie als unvollendetes soziales Projekt, als Utopie und als Vision der Menschheit ist das Ziel und bietet Hoffnung."Hoffnung Mensch" bedeutet nach Ansicht des Autors, dass die oftmals zu hörende Aussage und die Grundeinstellung, dass rationale Argumente am Lauf der Dinge nichts ändern können, Fehlwahrnehmungen sind. Der Verlauf der kulturellen Evolution des Menschen zeigt, dass sich Dinge (durch Wissenschaft, Technik, Medizin, Kunst, Ethik) sehr wohl positiv verändert haben und weiter verändern werden. Michael Schmidt-Salomon ist überzeugt, dass in den nächsten Jahren die sozialen, ökonomischen und ökologischen Probleme besser gelöst werden können und die "Bedrohung Mensch" sich in "Hoffnung Mensch" verwandeln wird. (Darstellungen verschiedener Einzelaspekte und Perspektiven des Themas "Neuorientierung", Fragen der Bedeutung von Säkularisierung und der Möglichkeiten, Evolutionären Humanismus auch für gläubige Menschen zu weltanschaulicher Heimat werden zu lassen, ergänzen die Ausführungen dieses Kapitels).Die Frage nach dem "Sinn" (nichts im Universum besitzt "Sinn an sich", Sinn oder Unsinn des Lebens kann jeweils nur subjektiv beantwortet werden, sinnliche Empfindungen und Erfahrungen sind die Voraussetzung dazu) und ein eindrucksvolles persönliches "Glaubensbekenntnis" des Verfassers bilden den Schluss des Buches. In Fortsetzung und Ergänzung zum "Manifest des evolutionären Humanismus" kann es Maßstab und Grundlage für die jeweils eigene Lebensorientierung des Lesers/der Leserin sein. Die mit sehr viel Wissens- und Nachdenkenswertem verbundenen rationalen Argumente für eine optimistische Zukunftssicht sind gut nachvollziehbar. "Eine bessere Welt ist möglich" heißt es im Untertitel; jeder von uns ist aufgerufen, seinen Teil dazu beizutragen (wobei natürlich fraglich ist, ob der Menschheit genügend Zeit für ein Umdenken und Umsteuern bleibt).