Wie oft wurde man schon enttäuscht von einem Buch, das schon vorab von den Medien in den Himmel gelobt wurde. Der Fall des In-den-Himmel-Lobens trifft auch auf Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert vom Schweizer Autor Joël Dicker zu. Sein Buch wurde in Frankreich und der französischen Schweiz ein totaler Erfolg, es wird von bis zu einer Million verkaufter Exemplare gesprochen. Monatelang machte es sich der Roman in der Bestsellerliste bequem.Mitte August ist er nun auch in deutscher Übersetzung hierzulande erschienen und ich war gespannt, ob er wirklich so verdammt gut ist, wie überall zu lesen und zu hören war, der Klappentext hörte sich jedenfalls schon mal gar nicht so schlecht an.Joël Dicker wollte zwei Dinge: Er wollte zum einen ein langes Buch schreiben (bei 736 Seiten kann man ihm zu diesem Vorhaben schon mal beglückwünschen). Zum anderen wollte er einen Roman schaffen, der sowohl den anspruchsvollen, als auch den Gelegenheitsleser anspricht und am besten auch gleich in seinen Bann zieht. Wenn ich ehrlich bin, schrillen bei solchen Aussagen bei mir eigentlich immer sofort die Alarmglocken. Doch ich entschied mich trotzdem, auf die Gefahr hin, dass dieser Roman nichts Halbes und nichts Ganzes sein würde, dem Buch eine Chance zu geben."Dies ist die Geschichte von Eltern, die die Wahrheit über ihr Kind nicht sehen wollen. Dies ist die Geschichte eines reichen Erben, der in seinen verspäteten Flegeljahren die Träume eines jungen Mannes zerstört hat und bis heute von seiner Tat verfolgt wird. Dies ist die Geschichte eines Mannes, der davon träumt, ein großer Schriftsteller zu werden, und von seinem Ehrgeiz allmählich aufgefressen wird." (Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert, S. 700).So könnte man die Geschichte gut zusammenfassen, wie es unser Hauptcharakter Marcus Goldman auch tut, als er beginnt, den Fall Harry Quebert niederzuschreiben.Dieser Fall spielt sich am 30. August 1975 in Aurora, einem Städtchen an der Ostküste der USA, ab. Nola Kellergan, ein 15-jähriges Mädchen, verschwindet spurlos und die Rentnerin Deborah Cooper, die sie als Letzte zu Gesicht bekommen hat, wird erschossen aufgefunden. Der Fall wird nach Monaten vergeblichen Suchens zu den Akten gelegt und erst 33 Jahre später, im Sommer 2008, durch den Fund einer Leiche wieder neu belebt. Denn bei der Leiche handelt es sich um jene des verschollenen Mädchens Nola. Sofort gerät Harry Quebert, seines Zeichens Universitätsprofessor und eine Ikone am Schriftstellerhimmel Amerikas, unter Mordverdacht. Denn nicht nur, dass die Leiche in seinem Garten gefunden wurde, nein, bei ihr befindet sich obendrein sogar das Originalmanuskript des Romans, mit welchem er berühmt geworden ist.Alle scheinen von der Schuld Queberts überzeugt und so droht diesem gar die Todesstrafe, lediglich sein Freund und Schüler im Schriftstellerwesen, Marcus Goldman, kann nicht so recht daran glauben und beginnt, zuerst auf eigene Faust, später dann mit dem ermittelnden Sergeant der State Police, Perry Gahalowood, der Sache auf den Grund zu gehen. Dabei deckt er nicht nur mit der Zeit die wahren Begebenheiten des fraglichen Sommertages 1975 auf, sondern lernt das Ostküstenstädtchen Aurora und das Leben seiner Einwohner intimer kennen, als ihm vielleicht lieb ist.Neben der Kriminalgeschichte rund um das Verschwinden von/den Mord an Nola Kellergan handelt dieser Roman auch von der Liebe. Im Vordergrund dabei steht die verbotene, da gesellschaftlich tabuisierte, Liebe zwischen einem Mann Mitte dreißig und einer 15-jährigen Jugendlichen. Doch darüber hinaus erfahren wir mehrere, meist tragische, Liebesbeziehungen, die alle auf den ersten Blick für sich stehen und doch irgendetwas mit dem Verschwinden Nola Kellergans zutun haben (könnten).Genauso gut kann man jedoch auch sagen, dass das Thema Schreiben eine wichtige Rolle spielt, immerhin handelt es sich sowohl bei Harry Quebert, als auch bei Marcus Goldman um Schriftsteller und bei beiden steht nach dem Erfolg des ersten Buches die Schreibblockade, welche insbesondere am Beispiel Goldman detailliert aufgegriffen und geschildert wird. So wird zu Beginn jedes Kapitels (die übrigens absteigend gegliedert sind, warum erfährt man am Ende des Buches) eine kleine Anekdote zwischen Goldman und Quebert erzählt, in der Letzterer Goldman sozusagen Weisheiten oder Tipps über das Schreiben und die Liebe erzählt, die auch immer mal wieder einen klaren Bezug auf das folgende Kapitel nehmen.Insgesamt hat mir das Buch am Ende gut gefallen. Dabei muss ich allerdings sagen, dass ich am Anfang etwas zu kämpfen hatte, da ich einige Szenen zu langatmig, wenn nicht sogar überflüssig fand. Doch mit dem fortschreitenden Umblättern der Seiten begann dieses Buch auch mich immer mehr zu fesseln und ich wollte unbedingt mehr über den Fall Harry Quebert und das Städtchen Aurora erfahren. Nur in Richtung Lösung des Falles war mir die schiere Masse an Enthüllungen dann doch etwas zu viel. Doch summa summarum lässt sich sagen, dass dieser Roman gefällt.