Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die Toten Hosen, zu deren Fans (mal mehr, mal weniger) ich mich seit 1986 zähle, sind ohne Diskussion eines der größten Phänomene der gesamten deutschen Musikgeschichte.Keine andere Band hat es geschafft, in einer fast 40-jährigen Geschichte auf einem derart populären Level durchgehend aktiv, engagiert und präsent zu sein - und so viele Songs zu schreiben, die nahezu jeder, ob Fan oder nicht, kennt. Bei all dem mussten sich Die Toten Hosen zwangsläufig auch immer wieder gegen ziemliche Anfeindungen behaupten und wurden oft schon abgeschrieben... um dann doch noch mal den Kritikern und Lästerern im großen Stil zu zeigen, dass man mit ihnen weiterhin rechnen muss.Besonders einzigartig ist meiner Meinung nach am Phänomen Die Toten Hosen, das fast jeder das Gefühl hat, die dahinterstehenden Musiker irgendwie persönlich zu kennen. Das mag einerseits an ihrem enormen Bekanntheitsgrad liegen, aber auch daran, dass sich die Band stets als Menschen zum Anfassen präsentierte.Was ich über Die Toten Hosen geschrieben habe gilt natürlich insbesondere für Campino, schließlich ist er nicht nur die Stimme der Band, sondern steht auch sonst im permanenten Fokus der Aufmerksamkeit.Mit HOPE STREET legt Campino nun sein erstes, autobiographisches Buch vor. Campino erzählt in diesem Buch über sein Leben, seine Familie, seine Jugend und seine Herkunft – primär betrachtet aus dem Blickwinkel eines Fans von Liverpool FC und aus der Perspektive seiner Liebe zu England, zwei Leidenschaften, welche ihn seit frühester Jugend begleiten und die ihn als Mensch enorm prägten. Hierbei gelingt es ihm, sowohl heitere und witzige Anekdoten wie auch sehr ernste und nachdenkliche Passagen äußerst plastisch zu schildern.Ich muss sagen, dass mir HOPE STREET ausgezeichnet gefallen hat. Campino erweist sich toller Erzähler, welcher es versteht, enorm unterhaltsam, emotional und sehr unverkrampft aus seinem Leben und dem seiner Familie zu berichten.Bei all dem sollte klar sein: das vorliegende Buch ist primär Autobiografie von Andreas Frege, der in Metzkausen bei Mettmann großgeworden ist... was auch bedeutet, dass Die Toten Hosen (logischerweise) nicht im Fokus der Erzählungen stehen. Natürlich berichtet Campino auch hier und da gerne mal aus dem Alltag der Band, den Anfangstagen, dem Leben auf Tour und seiner Freundschaft zu den anderen Mitgliedern der Hosen, wer sich jedoch ausschließlich für die Musik der Band und nicht für die Menschen dahinter interessiert oder gar schockierende Enthüllungen aus dem Hause DTH erwartet dürfte von HOPE STREET enttäuscht sein. Eine solche Erwartungshaltung wäre allerdings auch von vornherein völlig verfehlt.Besonders gut gefällt mir HOPE STREET als von Campino selbst gelesenes Audiobook – nicht nur wegen der als Bonus enthaltenen Lieder, sondern auch, weil sich Campino in seinem gekonnten Vortrag als sehr angenehmer Vorleser erweist... und mit jeder anderen Stimme würde so ein autobiographisches Werk natürlich auch irgendwie falsch klingen.Alles in allem: ein sehr persönliches und einfach schönes Buch – nicht nur, dass sich hier einer der bekanntesten deutschen Künstler von einer sehr privaten Seite zeigt, HOPE STREET ist auch irgendwie ein Appell an den Leser, sich mit der eigenen Herkunft vielleicht mal mehr auseinanderzusetzen und auch die Leidenschaften, die einen seit frühester Jugend begleiten, im Herzen zu behalten.Von mir gibt es verdiente 5 Sterne.
In wessen Herz eine große Liebe zu England, den Hosen, dem Punk und auch bisschen zum Fußball wohnt, findet sich in diesem sicher Buch wieder und gerät ins Träumen . . .sonst sollte man evtl. die Finger davon lassen
Ein gut zu lesendes, fröhliches Buch, das leider auf jeden Tiefgang verzichtet und deshalb schnell langweilig wird.Campino erzählt in diesem Buch von seinem Leben - in erster Linie als Fan des FC Liverpool. Aber de facto ist es eine Autobiographie, die sich an Fußballspielen der Saison 2019 / 2020 entlang hangelt. Der Autor erzählt von seiner Familie und deren Verbindung zu Großbritannien, von seiner Punk-Jugend und auch ein bichen von den Toten Hosen.Campino erzählt amüsant und unprätentiös und die ersten 100 bis 150 Seiten macht das auch Spaß. Aber dann wird es langweilig und ärgerlich. Das liegt daran, dass nur Geschichtchen erzählt werden, aber es keine Reflexion oder Interpretation dazu gibt. Es ist wie ein Nachmittagskaffee, bei dem ein Onkel mit interessanten Leben den Enkeln was aus seiner Jugend erzählt. Die drei Themen Fußball, Familiengeschichte und Punk wiederholen sich immer wieder bzw. sind schon ein bißchen ausgelutscht und damit werden die Erinnerungen des Andreas Frege leider für Nicht-Hardcore-Fans langweilig. Ärgerlich ist dabei, dass diese Familien- und Lebensgeschichte so viele Themen bietet, über die man hätte wirklich gut hätte nachdenken können: Da gibt es die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Großbritannien (Stichwort Brexit), die man sowohl an den Traditionsclubs und deren Fans als auch am Punk hätte diskutieren können. Dann wäre da das Nachkriegsverhältnis zwischen Deutschen und Engländern, das die Eltern des Autors sozusagen leben. Auch die Frage, warum Gewalt im Umfeld von Fußball und Punk immer wieder zum Problem wird, könnte im Buch spannend beleuchtet werden. Und das sind nur drei Beispiele! Leider geht Campino keiner dieser Fragen wirklich nach, sondern schwelgt lieber in Erinnerungen an die "gute, alte Zeit". Manchmal zeigen kleine Bemerkungen, dass ihm die Themen bewußt sind. Aber aus irgendeinem Grund bleibt er immer an der Oberfläche und erzählt nur nostalgisch nach. Das fand ich nach ca. einem Drittel des Buchs langweilig. Und ich war ärgerlich, denn ich bin sicher, dass der Autor darüber durchaus nachdenkt und das Talent hätte, darüber spannend und witzig zu schreiben. Deshalb ein sicher tolles Buch für Fans von Liverpool oder Campino - aber leider für "normale" Menschen eher langweilig.