Mit »Ich bin dann mal weg« hat er Millionen Leser inspiriert, persönliche Grenzen zu überschreiten. In diesem Buch nun spricht Hape Kerkeling über seine Kindheit; entwaffnend ehrlich, mit großem Humor und Ernsthaftigkeit. Über die frühen Jahre im Ruhrgebiet, Bonanza-Spiele, Gurkenschnittchen und den ersten Farbfernseher; das Auf und Ab einer dreißigjährigen, turbulenten Karriere - und darüber, warum es manchmal ein Glück ist, sich hinter Schnauzbart und Herrenhandtasche verstecken zu können. Über berührende Begegnungen und Verluste, Lebensmut und die Energie, immer wieder aufzustehen.
Bewertungen & Erfahrungen
4,4 von 5
5 Bewertungen
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Verteilung basiert auf 5 vorliegenden Einzelbewertungen.
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Redaktion24.07.2026
testmonster.de · Redaktion
Ein sehr unterhaltsames Buch, das eine interessante Perspektive auf die Kindheit bietet, allerdings finde ich die Biografie selbst etwas zu sehr auf die berühmte Anekdote fokussiert.
Erst die Kindheit, dann das Ich: Diese Binsenweisheit impliziert der Untertitel von Kerkelings Erinnerungen an seine ersten Lebensjahre. Mit diesem Text muss es sich der Autor gefallen lassen an den Maßstäben, die er mit „Ich bin dann mal weg“ gesetzt hat, gemessen zu werden. Vom „Wanderbuch“ zur „Autobiographie“ – diese Wendung ist Kerkeling durchaus gelungen, obwohl gerade der Beginn der Lektüre Fragen aufwirft. Während das lange Motto, der Gruß an die Leser und vor allem das erste Kapitel, ein Kurzbericht über einen Besuch im Garten Gethsemane (eigentlich verboten), in dem der Autor eine unio mystica im Schnelldurchgang erlebt, in ihrer Gesamtheit einen passenden Auftakt bilden, wirken Kapitel 2 und 3 (das Engagement für krebskranke Kinder und die AIDS-Stiftung in allen Ehren, Respekt auf ganzer Linie) unter konstruktionstechnischen Gesichtspunkten eher unmotiviert. Außerdem wird die zu Ende des 3. Kapitels angestoßene Fiktion (die eigene Geschichte einem kleinen afrikanischen Jungen zu erzählen) im Verlauf des Textes nicht durchgehalten.Erst mit Kapitel 4 beginnen die eigentlichen Erinnerungen, die auf wenig sentimentalisierende Weise und dabei sehr eindringlich vor Augen führen, dass sich hinter der Fassade des berühmten Komikers eine vielschichtige Persönlichkeit verbirgt. Diese mit dem Klischee des „traurigen Clowns“ fassen zu wollen wäre jedoch ein Fehler.Der kleine Hape wächst zunächst in einer ländlichen Gegend auf, dessen Mittelpunkt der von Oma und Mutter betriebene Krämerladen ist. Im Nachhinein gilt das ganze Lob der „dramatischen Großartigkeit“ dieses Lernortes im Abseits von „Ringelreintanzen, Klötzchenstapeln und Hasenmalen“ (S.69) eines Kindergartens in den 1960er Jahren. Kurz vor Hapes Einschulung jedoch zieht die Familie nach Recklinghausen, in das Haus der Großeltern mütterlicherseits. Die idyllische Kindheit endet abrupt, als die geliebte Oma Änne, die einstmals sehr unternehmenslustige und resolute Frau mit Bleifuß, an Krebs erkrankt. Kurz vor ihrem Tod sagt sie ihrem Enkelsohn voraus, dass er ein „lustiger Professor“ werden würde. Kein Vergleich zum Verlust der Oma ist das Trauma, das mit dem progressiven Verfall der Mutter, ihrer körperliche Schwäche und vor allem ihrer Depression, einhergeht. Die Art und Weise, wie die Erwachsenen mit der Krankheit der Mutter umgehen, ist auf verschiedenen Ebenen von Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus geprägt und gipfelt in der (von der Warte des erwachsenen Autors vorgetragenen) gut nachvollziehbaren These, dass die Mutter „durch die muffigen gesellschaftlichen Zustände im Nachkriegsdeutschland in gewisser Weise zu einem späten Opfer der Nazidiktatur geworden ist“ (S. 193). In der retrospektiven Betrachtung des Suizids und seiner Begleitumstände manifestiert sich eine aufwühlende Präsenz des Vergangenen und die Aktualisierung der grundlegenden Alternative für den Achtjährigen: entweder auch zu sterben oder zum „unverbesserlichen Optimisten“ (S. 245) zu werden. Seine zuvor spontane und unreflektierte Komik beginnt der Junge zu systematisieren und entsprechend einzusetzen, so etwa beim Besuch einer Dame vom Jugendamt, die prüfen möchte, ob Oma Bertha und Opa Hermann, beide über 70, ihrem Enkel gewachsen sind. Das sind sie in der Tat, denn seine künstlerische Entwicklung und die dafür notwendige Resilienz im Hintergrund scheint in erster Linie auf die treusorgende Oma zurückzugehen, die dem heranwachsenden Hape „die Steine aus dem Weg geräumt“ hat (S. 298).Insgesamt hat Kerkeling ein sehr mutiges, sehr offenes Buch vorgelegt, in dem er auch erzählt (im Rahmen), warum er die Requisiten für seine Kardinalfigur Horst Schlämmer zur Seite gepackt hat. Der Titel, „Der Junge muss an die frische Luft“, kann als Metapher für die Überforderung der Mutter gedeutet werden. Es gelingt ihr nicht diesem Ratschlag zu folgen. Stattdessen sitzt sie still und bewegungslos auf einem Stuhl unterhalb des Küchenfensters. Als schließlich die Großmutter dieses Symbol für die Depression der Mutter auf dem Sperrmüll entsorgt, erlebt der Enkel ein „befreiendes Gefühl“ (S. 296).Sieht man von den Rahmenkapiteln (s. oben) und von einem allzu unprätentiösen, meist parataktischen Sprachduktus ab, dann hat Kerkeling ein sehr intensives Buch über seine Kindheit verfasst. Es führt seine Leser so nachhaltig hinter die Kulissen des Komischen, dass der Autor in einem neuen, facettenreichen Licht erscheint.
Nachdem mir "Ich bin dann mal weg" nicht so gefallen hatte, war ich skeptisch. Aber meine Skepsis wurde überrascht. Das Buch ist gut. Sicher ist Hans-Peter Kerkeling auch reifer geworden und schreibt nicht mehr so verspielt und selbstverliebt, was mir sehr gefällt. Ich könnte mir vorstellen, dass von diesem Autor noch mehr zu erwarten ist. Sich von Horst Schlämmer, der zu Beginn des Buchs etwas sehr melodramatisch ad acta gelegt wird, zu verabschieden war die richtige Entscheidung. Ich hoffe, er bleibt dabei.Man muss vielleicht katholisch sein und auch aus dem Milieu an den bodenständigen Rändern des Ruhrgebiets, wo es schon ein wenig ländlich wird, stammen, um es ganz zu verstehen. Da lacht man dann auch ein wenig und ist gleichzeitig verstört. Was soll ich jetzt groß schreiben, mich hat es ins Herz getroffen. Ich habe alles wiedererkannt: die wasserstoffblonden angeheirateten Tanten, die Nonne als Lieblingstante, die weichen weinenden Männer, den Eierlikör, die starken Frauen. Und mitttenmang ein Junge, der dick, bösartig und verzweifelt war. Und der es irgendwie geschafft hat. Vor allem die Frauen gewinnen plastisch Leben. Die Männer, vor allem die Großväter, weinen immer. Eine Hommage gibt es an die Grundschullehrerin, die Frau vom Jugendamt und Jugendfreundin Silvia. Frauen prägten seinen Weg. Und das ist ja nicht das Schlechteste. Die beiden Omas sind jede auf ihre Art zum Knutschen und zeigen, wie sehr der Ruhrpott ein echter Melting Pot der verschiedenen Kulturen und Lebensarten war und immer noch ist. Gut gefällt mir auch, dass Kerkeling keine der Figuren (bis vielleicht Tante Gertrud, die tut mir fast leid) denunziert und sich mit Kritik zurückhält. Das gilt auch für Vater, Bruder und den ehemaligen Lebensgefährten. Gerne mehr erfahren hätte ich über den Opa väterlicherseits, der als KPD-Funktionär 12 (!) Jahre in Buchenwald war und der nur wegen des Widerstandes seiner Frau nicht in die DDR ausgewandert ist.Über die kleinen Eitelkeiten des Autors sehe ich nachsichtig hinweg, vielleicht auch verständlich und berechtigt bei der Geschichte. Bemerkenwert finde ich die harte Kante gegenüber der katholischen Kirche und ihrem Umgang mit der Homosexualität. Da nimmt Herr Kerkeling kein Blatt vor den Mund. Das erinnerte mich an meinen Onkel "Hansi", der charmant, intelligent und liebenswert sowie ein wenig scharfzüngig war und leider nicht den Schneid und das Glück hatte, sich aus dem engen Ruhrpott-Milieu zu befreien. Aber meine starken Tanten haben auch ihn immer geschützt und auf jeder Familienfeier war er der Entertainer. Wenn er auf seiner Wolke das Buch lesen könnte, würde es ihm sicher gefallen. Onkel Hansi, ich denke in diesen Tagen viel an dich.
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Letzte Aktualisierung: 12.05.2026 19:39 Uhr.