Ich habe Tobias Eschers Buch nicht mehr aus der Hand legen können, nachdem ich es begonnen hatte. Es geht weit über die Erzählung um die WM54 hinaus und zeigt, wo die Spieler herkamen, was sie teilweise im Krieg erlebt haben (dass Ottmar Walter damals als Marinesoldat fast die Deutsche Meisterschaft mit Holstein Kiel gewonnen hätte, hat mich sehr fasziniert), aber auch, wie es um den Fußball im Nachkriegsdeutschland bestellt war. Dass die großen Mannschaften auf den Dörfern Freundschaftsspiele um ein paar Sack Kartoffeln austrugen. Dass auch damals schon Mäzene unumschränkt über Vereine herrschten und mit unfairen Mitteln versuchten, Spieler für sich zu gewinnen und mauschelten, wo es nur ging. Dann die internationalen Reaktionen auf die Schweizer, die als erste nach dem Krieg wieder Spiele gegen deutsche Mannschaften austrugen ("Schande!"). Die Entstehung der Kaiserslauterer Wundermannschaft. Das hat mich wirklich alles sehr beeindruckt und ist flüssig geschrieben.Was bei der WM geschah, ist natürlich allein schon die Lektüre wert. Die Dramatik, das Verbot, Wasser zu trinken oder leider auch die rechten Reden, die damals noch beim DFB gehalten wurden (der "Flaggenskandal"!). Hoch anzurechnen ist dem Autor auch, dass er nicht mit dem großen Triumph aufhört, sondern auch zeigt, was danach mit den Spielern passierte, die ja lange nicht so reicht waren, wie das heute der Fall ist. Der Skandal um Rahn, der ins Ausland wechselte und daraufhin fast aus der Nationalelf flog (dann aber 58 ein überragendes Turnier spielte), Ottmars Probleme als Tankstellenpächter oder die grassierende Gelbsucht unter den WM-Gewinnern, die den DFB in arge Erklärungsnöte brachte. Der Aufstand in Ungarn 56, der gleichzeitig das Ende der Wunderelf besiegelte. Wirklich umfassend wird in diesem Buch die "Biographie" der Nationalelf dargestellt.Hauptsächlich konzentriert sich der Autor auf die Lebensläufe der Walter-Brüder, von Helmut Rahn und Sepp Herberger, aber auch über alle anderen erfährt man sehr viel. Dazu gibt es viele tolle Fotos! Unbedingt empfehlenswert.
Ich habe von Escher (den ich über Spielverlagerung.de sehr zu schätzen gelernt habe) bislang nur "Von Libero zur Doppelsechs" (oder so ähnlich) gelesen und fand es saugut. Nachdem ich gerade Ronald Rengs "1974" gelesen habe, war das zwangsläufig das nächste Buch, das ich pünktlich zur EM 2024 in Deutschland lesen musste. Und ich muss sagen: Ich habs in 2,5 Tagen weggesuchtet in meiner Urlaubswoche. Escher hat sich in Archive begeben, erklärt sehr ausgewogen und anekdotenreich, was diese Mannschaft rund um Fritz Walter und Herberger auszeichnet. Ich find das tatsächlich nicht nur für Fußballer und Fußballfans spannend, sondern die ganze Biografie an sich, die Nachkriegszeit - hätte richtig Lust, noch mehr zu lesen zu den 50ern. Was ich auch nicht wusste: wie Doping schon damals eine Rolle spielte. Ja, der letzte Beleg fehlt. Aber die Indizien sind schon deutlich. Auch wenn das vermutlich nicht nur die deutsche Nationalmannschaft betraf.Also große Leseempfehlung!
Eigentlich ein gutes Buch. Romanhaft geschrieben, packend. Störend empfand ich die unnötigen, plakativen und gehässigen Nebensätze über die Deutschen. Ist wohl heutzutage Pflicht wenn man ein Buch über diese Generation schreibt, in seiner krassen Selbstablehnung aber unangenehm.