Man könnte sich fragen, warum dieses Buch überhaupt ins Deutsche übersetzt worden ist. Oder fragen, warum es gerade ins Deutsche übersetzt wurde. Oder fragen, in welche Sprachen es überhaupt übersetzt werden sollte. Denn als Deutscher hat man es schwer, dieses Buch zu lesen und gelten zu lassen. Oder sollte man es gerade deshalb besonders herausstellen? Denn wenn Kertesz, der im veröffentlichen Bewusstsein bereits schon wieder vergessen scheint, über den Holocaust spricht und darüber, wie das Bewusstsein der Menschheit mit diesem schrecklichen Erbe umgeht, wie Politik, Gesellschaft und Publizistik seit dieser Zeit die Gefühle Gequälter behandelt und zur negierten Folie eigenen geschichtsvergessenen Handelns macht, öffnet sich der ganze Bogen vermeintlich geschuldeter politischer und gesellschaftlicher Pragmatik, Sachzwänge und Macht-Haben-Wollens seither in seinem wahren Sein. So ist Kertesz Buch eine stille Anklage, ein Seismograph verkannter Gefühle, die das Herkommen europäischer Geschichte und ihr Weitergehen zusammendenkt. Denn er weiß: „Seit wir durch Nietzsche wissen, dass Gott tot ist, stellt sich die schwierige Frage, wer … den Menschen im Auge hat; direkt gesagt, in wessen Angesicht wir leben, wem der Mensch Rechenschaft schuldet, im ethischen und, man möge mir verzeihen, sehr wohl auch transzendentalen Sinne des Wortes“. Und stellt damit eine Frage zur praktischen Vernunft, die noch über Immanuel Kant, Hegel und Marx hinausgeht, und über all die Humanisten, begonnen bei Schiller und Goethe, die von diesem „Betriebsunfall“ der europäischen Aufklärungsgeschichte im 20. Jahrhundert nichts ahnten, gleich drüben, sozusagen nebenan in Buchenwald. Ein sehr sehr empfehlenswertes Buch, das fundamentale Fragen nach Ethik und Moral stellt – nach uns, nach allen, als "quo vadis" im Angesicht dieser Geschichte. Absolut lesenswert!