Märchenhaft, doch nicht erfunden. «In der Mitte seines Lebens, im Sommer 1981, beschließt der Kellner Paul Gompitz aus Rostock, nach Syrakus auf der Insel Sizilien zu reisen. Der Weg nach Italien ist versperrt durch die höchste und ärgerlichste Grenze der Welt, und Gompitz ahnt noch keine List, sie zu durchbrechen. Er weiß nur, dass er die Mauern und Drähte zweimal zu überwinden hat, denn er will, wenn das Abenteuer gelingen sollte, auf jeden Fall nach Rostock zurückkehren.» So beginnt F. C. Delius' Chronik einer modernen Schwejkiade. Im Juni 1988 gelingt es Gompitz, mit einer Jolle von Hidde nsee nach Dänemark zu segeln. Delius erzählt von der Mühsal der Vorbereitungen, von der Hartnäckigkeit, wie Gompitz das Segeln lernte, sein Boot tarnte, Geld in den Westen schaffte, wie er gegen jede Gefahr eine List fand, immer etwas schlauer als die Staatssicherheit. Einfach auf sein Recht auf eine Bildungs- und Pilgerreise pochend, auf den Spuren Johann Gottfried Seumes, dessen «Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802» er seit Jugendzeiten im Kopf hat. Doch zunehmend irritiert ihn die Frage: «Wie kommst du am besten wieder zurück?»
Bewertungen & Erfahrungen
4,8 von 5
5 Bewertungen
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Redaktion04.06.2026
testmonster.de · Redaktion
Dieses Buch ist eine wunderbar märchenhafte und lebendige Reise, die mich sofort in die Atmosphäre von Rostock und Syrakus entführt. Ich habe die Geschichte mit großem Vergnügen gelesen und kann sie sehr empfehlen.
war es vor gut drei Jahrzehnten noch lange nicht bzw. nahezu unmöglich: freies Reisen, wohin auch immer. Zumindest gültig für die abgeriegelte DDR und deren Bürger*innen. Man könnte daher meinen, dass eine solcher Rückblick, eine solche Geschichte inzwischen eher überflüssig sei, quasi von der Geschichte überholt. Grundsätzlich mag man hier zustimmten, vergisst dabei aber allzu leicht, dass „Freiheit“ keine Selbstverständlichkeit ist und immer wieder neu erkämpft werden muss. Freiheit ist ein fragiler Zustand und alles andere als „gottgegeben“.Um sich diesen Sachverhalt immer mal wieder vor Augen zu halten, sind solche Geschichten „Gold wert“. Sie erleichtern das Verständnis sowohl für menschliche Abgründe, aber auch für den Willen, sich herrschenden Verhältnisse zu widersetzen. Herausgekommen ist eine teilts groteske Reise-Geschichte, die nicht nur aus dem eingemauerten Land heraus- sondern nach Erreichen des Sehnsuchtsziel wieder zurückführen soll. Wie dies zu bewerkstelligen war, was es hier zu überwinden galt, um diese Ziel zu erreichen, wird hier so intensiv und gleichzeitig nachvollziehbar dargestellt, dass man als Leser Teil der Geschichte wird; man reist sozusagen mit, man fühlt mit, ja man leidet auch ein wenig mit, wenn es immer wieder Rückschläge gibt, bis der reise- und bildungshungrige Rebell nach über siebenjähriger Vorbereitungszeit endlich den grauen Beton in den Mauern und Köpfen hinter sich lassen kann.Doch damit ist zwar die massivste und höchste Hürde überwunden, aber nicht die Auseinandersetzung mit den neuen Anforderungen und den Betonköpfen ganz anderer Art. Als Stichwort soll hier der Hinweis auf die Lohnsteuerklasse sechs genügen, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn man zum Beispiel (wie hier) keine Lohnsteuerkarte vorweisen kann. „Betrug“ auf andere Art, allerdings mit nicht zu unterschätzenden Folgen: Aus einem Verdienst von 704 DM wird so einer von lediglich 233 DM. Das tut dem Reise- und Bildungshunger des Kellners Paul Gompitz aus Rostock allerdings keinen Abbruch. Zumal er auf den Spuren des Dichters und Schriftstellers Johann Gottfried Seume und seinem „Spaziergang nach Syrakus“ wandelt, der ihm Antrieb und Ziel zugleich ist.Ganz wunderbar wird der Kontrast zwischen DDR-Verhältnissen, bundesrepublikanischem Verwaltungshandeln und der nicht nur schöngeistigen italienischen Lebensweise auch in Wortwahl und Satzbau sicht- und spürbar. Das Graue hebt sich in den farbigen Schilderungen auf. Und so bekommt auch die Rückkehr in den Zwangsstaat eine neue Note; die durch die Reise entstandenen Freiheitsgefühle sind dem (vorübergehenden) „Republikflüchtling“ nicht mehr zu nehmen, durch was auch immer. Und so gelingt das, was einem jeden Menschen zu gönnen ist: Die Befreiung aus starren und vermeintlich notwendigen Verhaltensmustern.
Wenn diese Erzählung, geschrieben von einem Autor mit West-Sozialisation, reine Fiktion wäre, könnte man sie vergessen. Was Delius erzählt ist jedoch die Geschichte des Klaus Müller und zur Zeit des geteilten Deutschlands wirklich geschehen. Da Müller seine Geschichte nicht selbst veröffentlichte, ist es der Arbeit des Erfolgsautors Delius zu verdanken, dass sie nicht in Vergessenheit geraten ist und sich in den Reigen anderer Geschichten deutscher "Mauerspringer" einreihen kann, wie sie beispielsweise von Peter Schneider festgehalten wurden. Müllers Geschichte hat nicht nur mit akribischer Planung zu tun, sondern auch mit zahlreichen glücklichen Zufällen. Und mit dem Zeitpunkt, den er schließlich für seine Reise gewählt hat, nämlich kurz vor der Wende. Bei seiner Rückkehr in die DDR Ende 1988 traf er bereits auf freundliche Stasi-Offiziere, die ihm die Wiedereinreise ermöglichten. Jahre zuvor, und das hat Müller Delius wohl so erzählt, wäre er noch zusammengeschlagen worden. Was mich ein wenig gestört hat: Die Intention für Müllers Italienreise ist am Anfang des Buches kaum zu erkennen, Delius arbeitet sie im Verlauf seiner Erzählung jedoch heraus. Was mir etwas gefehlt hat, sind Textpassagen aus Seumes Italienreise, auf der Müllers Italienreise schließlich aufbaut. Beim Lesen übrigens hatte ich immer Uwe Steimles Stimme im Ohr. Ich könnte mir ein Hörbuch daher gut mit Steimle als Vorleser vorstellen. Für die wahre Heldin der Erzählung halte ich übrigens Müllers (Gompichs) Frau, die ihn nach seinem Alleingang und trotz des Schlimmen, das sie in der Zeit durchmachen musste, zu Hause wieder aufgenommen hat. Das ist Liebe! Aber darum geht es in dieser Erzählung eher nur zwischen den Zeilen.
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Letzte Aktualisierung: 12.05.2026 10:22 Uhr.