Wolfgang Herrndorf gehört für mich spätestens seit "Tschick" zu den großen deutschen Schriftstellern der Gegenwart. Sein Debütroman "In Plüschgewittern" hat mir ebenfalls sehr gut gefallen und nun habe ich mit "Bilder deiner großen Liebe" ein drittes Werk von ihm gelesen. Ein leider unvollendeter Roman, der auf Herrndorfs ausdrücklichen Wunsch hin postum veröffentlicht worden ist.Der Roman handelt von der 14-jährigen Isa, die aus der Psychiatrie ausbricht und dann ziellos durchs Land zieht. Mir gefällt die schwebende, schwer zu fassende Atmosphäre sehr gut. Isa ist eine sehr unzuverlässige Erzählerin, man weiß nie, ob sie etwas wirklich erlebt oder ob es sich um eine Wahnvorstellung handelt oder ob sie ein reales Erlebnis mit Wahnvorstellungen vermischt.Jedoch enthält die offene, episodenhafte Erzählform keinen Spannungsbogen, so ziellos wie Isa umherirrt, so ziellos folgt ihr der Leser. Man fragt sich, um was man bangen soll, auf was man hoffen soll beim Lesen. Klar, man hofft die ganze Zeit, dass Isa nichts passiert, vor allem, da sie vielen Personen, meistens Männern, begegnet, von denen man nicht weiß, ob sie freundlich zu ihr sind oder sie ausnutzen. Aber darüber hinaus hat man nicht das Gefühl, dass Isas Reise ein Ziel hat, das sie erreichen könnte. Möglicherweise hätte Herrndorf ihr ein Ziel gegeben, wenn er den Roman hätte fertigstellen können.Eine Fortsetzung oder Ergänzung von "Tschick" ist der Roman übrigens keineswegs. Zwar taucht Isa in "Tschick" erstmals auf, hier erzählt sie aber ihre eigene Geschichte und die Begegnung mit den zwei Protagonisten aus "Tschick" ist nur eine Episode von vielen. Überhaupt hat das Werk sowohl thematisch als auch atmosphärisch wenig mit "Tschick" zu tun.Lesenswert ist das Buch vor allem auch wegen Herrndorfs unverwechselbarem Schreibstil. Es gibt viele skurrile, nachdenkliche oder auch witzige Sätze und Textpassagen. Isas wirre Welt ist in sich auf eine Art konsistent, man hat das Gefühl, die Sprunghaftigkeit der Erzählung, die Unbestimmtheit und Wechselhaftigkeit ist eben Isas Wesen.Ein klassischer Herrndorf ist die Passage auf Seite 66, in der Isa mit dem Taubstummen spricht, wie auch immer sie das anstellt:"Wir sind beide gut und glücklich.""Obgleich wir auch traurig sind.""Aber da denken wir nicht dran.""Nein, da denken wir nicht dran."Interessant finde ich außerdem das Nachwort, in dem die Herausgeber erläutern, wie Herrndorf sich die Veröffentlichung des Romanfragments vorgestellt hat. Sie haben seinem letzten Wunsch exakt entsprochen und so hat er ein schönes literarisches Vermächtnis hinterlassen.Dennoch ist ein unvollendeter Roman für die Leser naturgemäß schwerer zu erschließen als ein vollendeter. Das Romanfragment wurde zwar Herrndorfs Wunsch entsprechend in einen zusammenhängenden Text gebracht, aber wo ein Ende fehlt, da fehlt es halt. Ich finde trotzdem gut, dass es genauso gemacht wurde, wie der Autor es wollte.Zu dem Thema eine kleine Randnotiz: Bei Kafkas unvollendeten Werken wurde ja seit jeher ein ziemlich Aufhebens darum gemacht, wie die zu veröffentlichen seien. Zunächst wurden sie kurz nach seinem Tod von Max Brod herausgegeben, der die Romanfragmente bearbeitet hatte, um sie zu vollendeten Romanen zu machen. Später hat Malcolm Pasley sie dann unverändert herausgegeben, genau so, wie Kafka sie handschriftlich verfasst hatte. Da endet "Das Schloss" eben mitten in einem nicht zuende geschriebenen Satz. Ich bin froh, dass dieser Hickhack Wolfgang Herrndorf erspart geblieben ist, da er schon zu Lebzeiten klar gemacht hat, wie er das haben möchte.